Baukultur im Allgäu

Kemptener Architekten fordern: „Wir müssen nachhaltig planen und bauen“

So sieht die mehrfach preisgekrönte Kita Goldhofer in Memmingen aus: Die Architekten haben eine Villa aus den 1960er Jahren und weitere Gebäudeteile mit einer Hülle aus recycelbarem Polycarbonat umgeben.

So sieht die mehrfach preisgekrönte Kita Goldhofer in Memmingen aus: Die Architekten haben eine Villa aus den 1960er Jahren und weitere Gebäudeteile mit einer Hülle aus recycelbarem Polycarbonat umgeben.

Bild: Foto: Martina Diemand

So sieht die mehrfach preisgekrönte Kita Goldhofer in Memmingen aus: Die Architekten haben eine Villa aus den 1960er Jahren und weitere Gebäudeteile mit einer Hülle aus recycelbarem Polycarbonat umgeben.

Bild: Foto: Martina Diemand

Die Architekten Jörg Heiler und Peter Geiger heimsen viele Preise für ihre Kita in Memmingen ein. Mit dem vorbildlichen Projekt zeigen sie: Es geht auch ohne Neubau. Und sie helfen Klima und Umwelt.
14.11.2020 | Stand: 17:00 Uhr

Nun haben Jörg Heiler und Peter Geiger für ihre Kindertagesstätte Goldhofer in Memmingen auch noch den Bayerischen Energiepreis erhalten. Damit hält der Regen an Auszeichnungen und Nominierungen für die beiden Kemptener Architekten an. Hinzu kommen Veröffentlichungen in diversen Zeitschriften. Die Kita im Norden der Stadt erregt bundesweit und inzwischen auch international Aufmerksamkeit. In Architekturkreisen wird als vorbildlich betrachtet, was Heiler und Geiger aus einer 1960er-Jahre-Villa samt Garage und Anbau mit Pool gemacht haben: Sie rissen die drei Gebäudeteile nicht weg, was vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Vielmehr erhielten sie die Gebäude weitgehend, stellten sie frei und umhüllten sie mit einer neuen Haut aus recycelbarem Polycarbonat.

Neben einem ästhetisch ansprechenden Bauwerk wollten die beiden Architekten zwei wesentliche Dinge erreichen: das Weiterbauen mit dem, was schon vorhanden ist, und ein optimiertes Energiekonzept, bei dem Raum, Licht, Konstruktion und Gebrauch zusammenspielen. Dass ihnen dies alles gelungen ist, belegen die vielen Auszeichnungen und nackte Zahlen: Heiler und Geiger konnten 75 Prozent des Bestands erhalten und damit den Einsatz von zusätzlicher „grauer Energie“ reduzieren. Der regenerative Anteil von 82 Prozent beim Heizen und Kühlen reduziert den CO-Verbrauch; er entspricht bereits jetzt dem Klimaziel 2050.

Auch die Kinder in Memmingen profitieren

Nicht nur Umwelt und Klima profitieren, sondern auch die Betreuerinnen, die auf Grundlage der italienischen Reggio-Pädagogik arbeiten, sowie die rund 60 Kinder, die sich unter der Polycarbonat-Haut der Tagesstätte tummeln. Die beiden Planer beschreiben es so: „Wiederverwendung des Bestands, Ressourcenschonung und nachhaltige Energiegewinnung werden für die Kinder in der Architektur erlebbar.“

Das gefällt auch der Bauherrin, der Goldhofer-Stiftung. „Das Projekt ist rundum gelungen – und bahnbrechend“, jubelt Robert Bachfischer vom Stiftungsvorstand. „Ich bin beglückt.“ Der Mut für solch ein neues, ökologisches Konzept sei belohnt worden. Das Ganze funktioniere. Die Kinder und die Betreuerinnen fühlten sich sommers wie winters wohl, das Gebäude spare Energie und mindere den Ausstoß von Kohlendioxid. Ein großes Lob spricht er den beiden Planern aus – und freut sich ebenso wie sie über die Auszeichnungen. „Wir haben mit ihnen nicht nur kooperativ, sondern auch konstruktiv zusammenarbeiten können.“

Heiler und Geiger haben sich zu Experten beim "Bauen im Bestand" entwickelt

Peter Geiger und der promovierte Jörg Heiler haben sich in den vergangenen Jahren zu Experten beim Thema „Bauen im Bestand“ und der damit verbundenen energetischen Sanierung entwickelt. Ihre Aktivitäten reichen von einer kleinen Hütte unterhalb des Grüntens über Einfamilienhäuser bis zu größeren Gebäuden. In Kempten laufen derzeit gleich mehrere Projekte, wo sie ihre einschlägigen Erfahrungen einbringen können. Unter anderem planen sie die Generalsanierung und Erweiterung des Linde-Gymnasiums.

Angesichts der Klimakatastrophe, der Zerstörung von Landschaft und Umwelt sowie der Bedrohung der biologischen Vielfalt fordern Jörg Heiler und Peter Geiger nicht nur von der Gesellschaft, sondern auch von ihrer eigenen Zunft: „Wir müssen handeln!“ Die Uhr stehe auf Zwölf. „Es darf nicht mehr nur ums Gestalterische gehen“, sagt Peter Geiger. „Wir müssen nachhaltig planen und bauen.“ Das freilich können die Architekten nicht alleine. Sie brauchen Bauherren, die diesen Weg mit ihnen beschreiten – wie die Goldhofer-Stiftung. Außerdem müssen sie ein gutes Händchen haben bei der Auswahl der Fachplaner, etwa für Heizungssysteme.

Man kann nicht alles erhalten, das ist bisweilen ökologisch und ökonomisch falsch

Die Ideen und Anregungen der beiden Kemptener Planer fallen auch beim BDA (Bund Deutscher Architektinnen und Architekten) auf fruchtbaren Boden. So hat Jörg Heiler die Texte mitformuliert, die der Verband unter dem Titel „Sorge um den Bestand – Zehn Strategien für die Architektur“ herausgebracht hat. In dem BDA-Positionspapier „Das Haus der Erde“ heißt es programmatisch: „Bauen muss vermehrt ohne Neubau auskommen.“ Und: Planerinnen und Planer müssten mehr tun, um der Verantwortung der Profession für den Klimawandel gerecht zu werden.

Dass dies nicht einfach ist, räumen auch Heiler und Geiger ein. Bauen im Bestand erscheine oft mühsamer zu sein als ein Neubau, für den man einfach etwas Altes wegreißt. Und sie sagen auch, dass man nicht alles erhalten könne; dies sei bisweilen ökonomisch und ökologisch falsch. Was aber immer richtig sei: Bevor man sich ans Planen mache, müsse man die Optionen genau analysieren.

Bei der Kita Goldhofer haben sie dies getan und die Bauherrin mit ihrem Konzept überzeugt. Belohnt werden sie nun mit einem Preissegen. In welcher Liga Jörg Heiler und Peter Geiger da mitspielen, zeigt der Wettbewerb „Respekt und Perspektive. Bauen im Bestand 2020“ der „Deutschen Bauzeitung“, wo sie einen der drei Hauptpreise gewannen. Bei einem der beiden anderen Preisträger handelt es sich um den international renommierten Berliner Architekten David Chipperfield.