Kempten/Oberallgäu

Kemptener und Oberallgäuer misten in der Corona-Krise aus: Second-Hand-Boom

Kempten Kleiderspenden

Viele Menschen haben den Lockdown zum Ausmisten genutzt. Dabei haben sie sich von so vielen Kleidern getrennt, dass die Geschäfte manchmal kaum hinterhergekommen sind.

Bild: Ralf Lienert

Viele Menschen haben den Lockdown zum Ausmisten genutzt. Dabei haben sie sich von so vielen Kleidern getrennt, dass die Geschäfte manchmal kaum hinterhergekommen sind.

Bild: Ralf Lienert

Geschäfte mit Waren aus zweiter Hand erreichen momentan viele Spenden. Weshalb eine Boutique kaum Trachten annimmt und was man lieber nicht spendet.

30.06.2020 | Stand: 07:36 Uhr

Der Urlaub fällt aus, Veranstaltungen sind abgesagt und womöglich kommt auch noch Kurzarbeit hinzu: Wegen Corona haben viele Oberallgäuer in den vergangenen Monaten mehr Zeit zu Hause verbracht, als ihnen vielleicht lieb war. Einige haben das genutzt und sind ihre Schränke und Kommoden durchgegangen, um die aussortierte Kleidung anschließend in Second-Hand-Geschäfte oder Kleiderdercontainer zu geben. So viel, dass Mitarbeiter und Helfer zeitweise nicht mehr nachgekommen sind.

„Als das mit Corona anfing, waren unsere Annahmecontainer sehr voll, inzwischen hat sich das aber wieder eingependelt“, erklärt Uschi Klöpf, Öffentlichkeitsreferentin beim Arbeiter-Samariter-Bund (ABS) Allgäu. Sie hätten sogar Anrufe wegen „überquellender Kleidercontainer“ in Kempten und Immenstadt bekommen. Inzwischen habe sich die Lage aber wieder normalisiert. Gestockt habe der Betrieb nur, als die Grenzen geschlossen wurden und der ASB die Spenden nicht nach Ungarn weiterschicken konnte, wo sie sortiert werden. Auch für Menschen, die seit Wochen auf einem Stapel aussortierter Kleider sitzen, sie wegen des Infektionsrisikos jedoch nirgendwo hinbringen wollen, hat der ASB eine Lösung: „Wir haben Haussammlungen, bei denen man seine Sachen einfach vor die Tür stellen kann“, erläutert Klöpf.

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Wo Großzügigkeit fehl am Platz ist

Gut gemeinte, jedoch teilweise unnütze Spenden sind in den vergangenen Wochen beim Roten Kreuz Oberallgäu eingegangen. „Wir bekommen gerade einige Stücke rein, von denen die Spender meinen, dass sie noch gut wären, die wir aber nicht weiterverkaufen können“, berichtet Geschäftsführer Alexander Schwägerl. Dazu gehörte zum Beispiel die gut erhaltene Kleidung des 90-jährigen Onkels, die zwar qualitativ hochwertig sei, angesichts der aktuellen Trends jedoch keinen Abnehmer fänden. Auch beim Roten Kreuz kamen in letzter Zeit mehr Spenden als sonst an.

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„Wir hatten Stau“, erklärt Stephanie Felbinger, der die Second-Hand-Boutique „The Second“ in Immenstadt gehört. Bei ihr geben die Menschen Ware zum Weiterverkaufen ab, während der Pandemie noch mehr als sonst. Darauf, welche Kleidung Felbinger annimmt, hat Corona in diesem Jahr besonderen Einfluss. So sehe es für Volksfestgänger düster aus, daher hat Felbinger weniger Trachten als sonst angenommen. Da sie das Sortiment passend zu den Jahreszeiten auswechselt, ist durch die sechswöchige Schließung während des Lockdowns einiges von der Frühjahrskollektion liegen geblieben. So bleibt noch weniger Platz für neue Kommissionsware. „Dafür ist die Nachfrage inzwischen wieder sehr gut“, freut sich Felbinger. Für den Positivtrend sieht sie mehrere Gründe: Einerseits dürften Touristen wieder in die Region kommen und einkaufen, andererseits hat Felbinger den Eindruck, dass die Menschen, die nicht wegfahren können, sich „was gönnen möchten, das aber auch nicht zu teuer ist“.

Trend zu Nachhaltigkeit wegen Corona

Zuletzt nimmt die Inhaberin von „The Second“ bei einigen einen Bewusstseinswandel durch Corona wahr: „Manchen ist klar geworden, dass es nicht immer schneller weiter, höher gehen kann, auch bei den Rohstoffen“, erklärt Felbinger. Deshalb würden sie nun vermehrt auf nachhaltige Produkte setzen.