Kempten

Kemptens ältestes Stadtratsmitglied Josef Mayr: Was den Politiker anspornt

Kempten Josef Mayr (70) ehemaliger Bürgermeister Kempten - hier in der Kapelle Sommers, unweit seines Geburtshauses - CSU

Mit Mitgliedern des „Amateurclub Frickenland“ hat Josef Mayr einst die Kapelle in Sommers renoviert. Den AC sieht er auf einer Stufe mit den Weltvereinen AC Mailand und CF Barcelona - alle rühmen sich, neben dem Sport einen eigenen Musikverein und ein kleines Gotteshaus zu haben. „Bei uns gibt’s obendrein eine Jugendmusik und ein eigenes Gesangbuch.“

Bild: Ralf Lienert

Mit Mitgliedern des „Amateurclub Frickenland“ hat Josef Mayr einst die Kapelle in Sommers renoviert. Den AC sieht er auf einer Stufe mit den Weltvereinen AC Mailand und CF Barcelona - alle rühmen sich, neben dem Sport einen eigenen Musikverein und ein kleines Gotteshaus zu haben. „Bei uns gibt’s obendrein eine Jugendmusik und ein eigenes Gesangbuch.“

Bild: Ralf Lienert

Ausdauer und Gemeinsinn prägen Josef Mayr (70). Im Stadtrat ist er nun der Älteste. Welche Erfahrungen ihn in 42 Jahren Kommunalpolitik geprägt haben.

10.06.2020 | Stand: 17:18 Uhr

1978 wählten die Kemptener Josef Mayr als damals jüngstes Mitglied in den Stadtrat. Da war er 28. Mit 70 ist er nun der Senior im Kreis der Kommunalpolitiker. Dass ihn ein langer Atem auszeichnet, wird dem CSU-Mann von allen Seiten attestiert.

Mayr war von kleinauf an viel Arbeit gewöhnt

Als jüngster von drei Landwirtssöhnen war Josef Mayr von Kindesbeinen an ein größeres Arbeitspensum gewohnt als andere. Vor dem fünf Kilometer langen Schulweg war morgens Stallarbeit Pflicht. Zu den Hausaufgaben kam er oft erst, wenn er abends mit dem Melken fertig war. Kalbte bei den Nachbarn eine Kuh, half der kleine Josef selbstverständlich mit auf deren Hof. An einen Leitspruch seiner Großmutter habe er sich immer gehalten: „Nur, wenn’s denen um dich herum gut geht, geht’s dir auch selber gut.“

Katholisch geprägt ist die Schulzeit in Lenzfried. In der Landjugend ist Mayr aktiv, bald als Vorsitzender. Im Pfarrgemeinderat engagiert er sich, bald als Vorsitzender. Bei Kirchen-Projekten geht er voran, etwa beim Bau der Kirche Mariä Heimsuchung in Leubas. Dort ist er bis heute Vorsitzender des Kirchenfördervereins.

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Ältestes Stadtratsmitglied vermisst bei Einigen die Eigeninitiative

Teamleistungen seien für viele Vorhaben entscheidend gewesen. Und Eigeninitiative: „Die vermisse ich heute bei manchen.“ Schlaue Anträge seien schnell geschrieben. Selbst Hand anzulegen, sei dagegen nicht mehr so in Mode. Ein gewisser Weitblick gehöre ebenfalls zum politischen Geschäft. „Man muss Lösungen suchen, die in fünf, zehn, 15 Jahren noch richtig sind“, sagt Mayr.

Anfang der 90er Jahre sprach er sich beispielsweise für die Sanierung des Karrees in der Brandstatt aus. Eine mächtige Linde sollte dem Bau einer Tiefgarage weichen. „Aus der eigenen Fraktion hat man mich als ,Totengräber der Altstadt´ angefeindet.“ Der Zwist ist längst verraucht: „Viele wissen heute gar nicht mehr, warum sie früher gegen ein Projekt waren.“

Wenig Schlaf und heikle Aufgaben hat Mayr nie gescheut

Ob als Fraktionschef (1990 bis 2002) oder als Bürgermeister (2002 bis 2020) – stets brachte er die Aufgaben mit seiner Berufstätigkeit bei der Post unter einen Hut. „Ich hatte das Glück, um 6 Uhr mit der Arbeit beginnen zu können.“ Damit war ab 15 Uhr die Vorbereitung von Sitzungen möglich. Bis Mitternacht Gas geben, um 5 Uhr wieder aus den Federn: Mayrs Rhythmus über viele Jahre.

Heikle Aufgaben hat er nicht gescheut. Als es um den Neubau des Allgäu-Hospiz ging, warnten ihn Wegbegleiter, dass das unmöglich zu stemmen sei: „Das hat mich zusätzlich angespornt.“ Die Spendenaktion, bei der letztlich vier Millionen Euro zusammenkamen, gelang wieder als große Gemeinschaftsleistung. Um die Werbetrommel zu rühren, tingelte Mayr unermüdlich durch sämtliche Gotteshäuser in der Region.

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Sein einprägsamstes Erlebnis als Stadtrat: das Hochwasser 2005 in Kempten

In Mayrs Gedächtnis gegraben hat sich das Hochwasser 2005. Er vertrat damals Oberbürgermeister Ulrich Netzer. Die Fluten drohten die Altstadt zu überschwemmen. Innerhalb einer Stunde wurden Wilhelm-Löhe-Haus, Seniorenbetreuung Altstadt und das Bezirkskrankenhaus evakuiert. Die Bewohner fanden Unterschlupf in der Big Box. „Da haben sich erstaunliche Szenen mit Dementen und psychisch Kranken abgespielt“, erinnert sich Mayr mit einem Schmunzeln: „Einige erlebten es als eine Art Betriebsausflug.“

Fünf Kinder und sechs Enkel halten Josef Mayr auf Trab

Seine Frau Agnes hält ihrem Mann den Rücken frei. Seit 1976 sind beide verheiratet. Fünf Kinder sind inzwischen erwachsen: „Die können sich an jeden gemeinsamen Urlaub erinnern - es gab ja nicht viele.“ Sechs Enkel hat der „Allgäu-Opa“ im 150 Kilometer entfernten Aalen. Mit ihnen hat er zuletzt eine Matschküche gebaut. Als nächstes soll in Leubas mit den jungen Baumeistern ein Insektenhotel entstehen. Eines der Mädchen überwacht die Diät-Erfolge des Großvaters. Über 15 Kilo hat er zuletzt abgespeckt, erfreut sich bester Gesundheit. Mittlerweile schläft er auch bis 6 Uhr aus.

Ein Miteinander wünscht sich Mayr in den kommenden sechs Jahren im Stadtrat. Kurzfristige Siege seien es nicht wert, Porzellan zu zerdeppern. Nicht ohne Stolz sagt Mayr über Mayr, „dass ich mich in 42 Jahren nie für etwas entschuldigen musste, weil ich überzogen hätte“.