Gericht

Mann schlägt anderen im Parktheater - oder doch nicht? Ein Abend, ein Zeuge, drei Versionen

Symbol - Symbolbild - Symbolfoto - Justitia mit Waage und Schwert auf einer Schlange stehend

Bis zu fünf Jahre Gefängnis gibt es laut Strafgesetzbuch für Falschaussagen. Ein 23-Jähriger kam nun mit einem halben Jahr Bewährung davon - weil er sich zu einem Geständnis durchrang.

Bild: Alexander Kaya

Bis zu fünf Jahre Gefängnis gibt es laut Strafgesetzbuch für Falschaussagen. Ein 23-Jähriger kam nun mit einem halben Jahr Bewährung davon - weil er sich zu einem Geständnis durchrang.

Bild: Alexander Kaya

Ein 23-Jähriger wurde in Kempten wegen Falschaussage verurteilt. Er selbst sieht sich jedoch als Opfer.

Von Frederik Mersi
31.07.2020 | Stand: 05:28 Uhr

Die Zeit der Entscheidung kam rund eine Stunde nach Prozessbeginn: Drei verschiedene Versionen der Ereignisse hatte der Mann bis dahin bei der Polizei und vor zwei Richtern zu Protokoll gegeben – und beharrte nun darauf, in den ersten beiden Fällen einfach falsch verstanden worden zu sein. Sechs Monate Bewährung wegen Falschaussage, lautete das Urteil schließlich. Ohne Geständnis hätte dem 23-Jährigen eine Gefängnisstrafe gedroht, machte zuvor Richter Peter Koch deutlich.

Die Warnung zeigte Wirkung, auch wenn dem Angeklagten das Geständnis anfangs nur schwer über die Lippen kam: „Ich entschuldige mich, mehr will ich nicht sagen.“ Die Staatsanwaltschaft hatte ihm vorgeworfen, im Prozess um eine Schlägerei am Parktheater in Kempten im Januar 2019 gelogen zu haben. Dort hatte ein Mann seinem Widersacher mit einer Leuchtstoffröhre aus einem Schaukasten so heftig gegen die Brust geschlagen, dass dieser durch die Glassplitter am Hals verletzt wurde.

Unterschiedliche Aussagen bei der Polizei und vor Gericht

Der 23-Jährige behauptete im Oktober 2019 vor Gericht, die Leuchtstoffröhre nicht in den Händen des inzwischen verurteilten, aber untergetauchten Täters gesehen zu haben - obwohl er bei der Polizei zuvor das Gegenteil zu Protokoll gegeben hatte.

>>HIER musste sich ein 20-Jähriger wegen einer Falschaussage verantworten<<

Seine Verteidigerin führte das zunächst auf die Nervosität des Mannes im Gericht und Druck vonseiten des Richters zurück. Bei der Polizei seien die Aussagen von der Chronologie her zudem falsch ins Protokoll aufgenommen worden. Richter Koch überzeugte das allerdings nicht: „Für mich steht fest, dass der Angeklagte vor Gericht gelogen hat“, sagt er in der Urteilsbegründung. „Das war kein Versehen, sondern von ihm so gewollt.“ Schließlich sei er laut Protokoll drei Mal darauf hingewiesen worden, dass er vor Gericht die Wahrheit sagen muss. Auch einen Dolmetscher hatte der Iraker bei dem Verfahren zur Verfügung.

"Missverständnisse und Fehler"

Durch sein spätes Geständnis bleibt der 23-Jährige aber zumindest vorerst auf freiem Fuß: Das Amtsgericht verurteilte ihn zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten, obwohl der Mann mehrfach vorbestraft ist. In seinen letzten Worten vor dem Urteil stellte sich der Angeklagte in den meisten dieser Vorfälle, wie schon bei seiner Falschaussage, als Opfer dar – von Missverständnissen und Fehlern: „Ich bin nicht so ein schlechter Mensch.“

Zu oft für nur „dumm gelaufen“

Das veranlasste Richter Koch zu einer eindringlichen Warnung: „Das sind einfach zu viele dumm gelaufene Sachen.“ Der Angeklagte müsse solche Situationen künftig meiden und an sich arbeiten. Verstoße er gegen seine Bewährungsauflagen, werde er schnell im Gefängnis landen. „Das haben Sie jetzt selbst in der Hand“, sagte Koch. Der erste Schritt zur Erfüllung der Auflagen: 120 Stunden Arbeit für eine gemeinnützige Organisation. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.