Bundestagswahl 2021

Neun Erkenntnisse aus der Wahl: Das fällt in Kempten und dem Oberallgäu auf

Bundestagswahl

Die Wahlbeteiligung im Wahlkreis Oberallgäu, zu dem auch die Stadt Kempten sowie der Landkreis Lindau gehören, lag bei 79,4 Prozent.

Bild: Ralf Lienert

Die Wahlbeteiligung im Wahlkreis Oberallgäu, zu dem auch die Stadt Kempten sowie der Landkreis Lindau gehören, lag bei 79,4 Prozent.

Bild: Ralf Lienert

Zuhause holen die Kandidaten in der Regel am meisten Stimmen. Die Siegerin ist auch Verliererin. Und ein Politiker ist eindeutig beliebter als seine Partei.
27.09.2021 | Stand: 18:00 Uhr

Die Kemptener und Oberallgäuer schicken die CSU-Politikerin Mechthilde Wittmann als Direktkandidatin nach Berlin. Außerdem haben es Stephan Thomae (FDP) und Peter Felser (AfD) wieder über die Liste in den Bundestag geschafft. Wie haben die Menschen in der Region ansonsten gewählt? Neun Erkenntnisse:

  1. Die CSU hat zwar am meisten Stimmen, ist aber dennoch die große Verliererin.

    Im Vergleich zu 2017 – und damals gab es schon betretene Mienen bei der CSU – verlor sie im Wahlkreis Oberallgäu 11,1 Prozentpunkte der Zweitstimmen. Noch deutlicher der Verlust der Erststimmen: Mechthilde Wittmann überzeugte gerade einmal 29,7 Prozent der Wählerinnen und Wähler und damit 20,7 Prozentpunkte weniger als ihr Vorgänger vor vier Jahren, was freilich auch mit der Popularität Dr. Gerd Müllers, des bisherigen Bundestagsabgeordneten im Wahlkreis, zu tun hat. Am schlechtesten schnitt sie mit 23,5 Prozent in Kempten ab. Wenngleich Wittmann in Balderschwang mit 47,3 Prozent ihr persönlich bestes Ergebnis holte, muss die CSU mit 42 Prozent in ihrer früheren Hochburg (damals mit Ergebnissen über 90 Prozent) Federn lassen und verliert 20,7 Prozent zur Wahl 2017.
  2. Die SPD hat noch Hochburgen:

    Mit 19,3 Prozent fuhren die Sozialdemokraten in Blaichach ihr stärkstes Oberallgäuer Ergebnis ein. Die Gemeinde war in den 1960er Jahren eine Bastion der SPD, sogar Willy Brandt kam 1966 zu Besuch. Viele Arbeiter lebten am Bosch-Standort, damals das traditionelle Klientel der Sozialdemokraten. Hier ging auch der SPD-Spitzenkandidat Martin Holderied von Tür zu Tür. Mit Erfolg: Er fuhr mit 17,1 Prozent auch persönlich sein bestes Oberallgäuer Ergebnis ein. Sein schlechtestes Ergebnis holte Holderied mit 1,3 Prozent übrigens in Balderschwang.
  3. Stephan Thomae ist beliebter als seine Partei.

    Der FDP-Bundestagsabgeordnete sicherte sich seinen Wiedereinzug ins Parlament über die Liste. Als Direktkandidat landete er im Wahlkreis Oberallgäu nach Markus Holderied (SPD) und Pius Bandte (Grüne) auf Platz vier und holte 13,1 Prozent der Erststimmen (2017: 7,0). Die FDP kam lediglich auf 11,6 Prozent.
  4. Die Grünen sind in Kempten stärker als im Oberallgäu.

    Mit 16,8 Prozent fuhren die Grünen in der Stadt ein besseres Ergebnis als im Landkreis (13,9 Prozent) ein. Ausreißer ist Burgberg (16,1 Prozent), wo die Grünen bei der Kommunalwahl einen Bürgermeisterkandidaten stellten. Genauso stark wie in Kempten war die Partei im Kreis Lindau – der Heimat von Pius Bandte.
  5. Die AfD holt ihre Stimmen vor allem an der Urne.

    In Kempten gingen etwa 70 Prozent der AfD-Wähler ins Wahllokal, im Oberallgäu fast jeder Zweite. Dagegen hatten CSU, FDP, Grüne und Freie Wähler mehr Unterstützer bei den Briefwählern. Es war ihren Anhängern offenbar wichtig, ihre Stimme frühzeitig abzugeben – ob aus Überzeugung oder um Sonntag Zeit für anderes zu haben.
  6. Am stärksten unter den „Sonstigen“: die Basis.

    3904 Zweitstimmen erhielt die im Zug der Proteste gegen Corona-Schutzmaßnahmen gegründete Partei: 2,9 Prozent in Kempten, 3,0 im Oberallgäu. Ihr Direktkandidat Dietrich Busacker kam auf 3,1 Prozent – mehr als in seiner Heimat Lindau. Besonders großen Zuspruch fand „Die Basis“ bei den Zweitstimmen in Bolsterlang (7,2 %) und Buchenberg (4,2), besonders wenig in Balderschwang (0) und Burgberg (1,8).
  7. Die Briefwahl läuft dem Wahllokal immer stärker den Rang ab.

    In Kempten (19.903 Briefwähler) stieg die Quote auf 56 Prozent, im Landkreis Oberallgäu (63.799 Briefwähler) sogar auf 65. Diese Stimmen auszuzählen, macht mehr Arbeit, weil jeder Umschlag einzeln geöffnet werden muss – in Pandemie-Zeiten mit Handschuhen. Bis spät in die Nacht zählten die Burgberger laut Gemeinde, weil sie von fast 60 Prozent Briefwählern überrascht wurden und der Wahlvorstand laut Landratsamt bei der Ergebnisermittlung mit der Bildung von Zwischensummen durcheinander kam.
  8. Wo Freie Wähler stark sind, schwächelt die CSU.

    So holte FW-Kandidatin Annette Hauser-Felberbaum ihr stärkstes Oberallgäuer Ergebnis in Missen-Wilhams – der Heimatgemeinde der Europaabgeordneten Ulrike Müller. Dort fuhr zugleich die CSU ihr schlechtestes Ergebnis ein. Insgesamt legten die Freien Wähler zwar zu, konnten aber noch nicht an die Erfolge der jüngsten Kommunalwahlen anknüpfen – als sie bei der Wahl der Landrätin und im Kampf um zahlreiche Rathäuser erfolgreich waren.
  9. Der Heimvorteil sticht.

    Der Gunzesrieder Linken-Direktkandidat Engelbert Blessing kommt in Blaichach auf sein persönlich bestes Ergebnis (4,5 Prozent), Martin Holderied in seiner Heimatstadt Lindenberg (19), Stephan Thomae in Sulzberg (22,4) und Pius Bandte in Lindau (22,2). Die meisten Unterstützer haben diese Kandidaten also daheim.

Hier lesen Sie: