Kunst-Ausstellung

Nichts ist eindeutig: Dieser Künstler spielt in Kempten mit Identitäten

In der Kemptener Galerie Kunstreich zu sehen: das Gemälde "Ohne Titel (Forest View)" von Jan-Hendrik Pelz (Ausschnitt).

In der Kemptener Galerie Kunstreich zu sehen: das Gemälde "Ohne Titel (Forest View)" von Jan-Hendrik Pelz (Ausschnitt).

Bild: Harald Holstein

In der Kemptener Galerie Kunstreich zu sehen: das Gemälde "Ohne Titel (Forest View)" von Jan-Hendrik Pelz (Ausschnitt).

Bild: Harald Holstein

Der Künstler Jan-Hendrik Pelz spielt gern mit verschiedenen Identitäten. In der Kemptener Galerie Kunstreich zeigt er ideenreiche und anregende Arbeiten

25.08.2020 | Stand: 17:00 Uhr

Jan-Hendrik Pelz stellt nicht nur einfach Bilder aus. Es geht bei ihm immer um mehr. Bei seiner Ausstellung in der Galerie Kunstreich spielt er mit dem Verhältnis des Künstlers zu seinem Werk und vernebelt gerne mal eine sichere Zuordnung. Schon 2018 hatte der Künstler in der Kunsthalle Kempten mit einer Retrospektive mit vermeintlichen Werken seines Urgroßvaters für Verwirrung gesorgt. Zu den über 40 gegenständlichen und figurativen Ölbildern im Kunstreich bringt der Künstler aus Stuttgart auch jetzt wieder ein anderes Ich, eine zweite Identität, mit.

"Legung" von Jan-Hendrik Pelz (Ausschnitt).
Bild: Harald Holstein

Der Titel der Schau lautet „Jan-Hendrik Pelz präsentiert Paula Pelz 2“. So spricht der Künstler von seiner Schwester Paula als Schöpferin der zu sehenden Gemälde. Sie arbeite zurückgezogen und male jeden Tag ein Bild, sagt er. Und sie habe sich vorgenommen, in ihrem Leben 50 000 Bilder zu malen und damit dem Mythos des Künstlergenies Picasso nachzuspüren, der ebensoviele Werke geschaffen haben soll. Wer genau nachrechnet, merkt, dass die Geschichte von der malenden Schwester wohl nicht wörtlich gemeint ist.

Existiert Paula wirklich?

Es ist freilich nicht leicht festzustellen, ob Paula tatsächlich existiert oder nur ein Gedankenspiel ist. Sich selbst bezeichnet Jan-Hendrik Pelz, der in einem kleinen Ort bei Schwäbisch-Gmünd aufgewachsen ist, als Video- und Konzeptkünstler. Er habe sich der Bilder seiner „malsüchtigen Schwester“ angenommen und lege ein Werkverzeichnis an, versichert er im Gespräch.

Über den Sinn einer solchen zwischen Werk und Künstler geschobenen Figur erfährt man von Jan-Hendrik Pelz nur, dass sie aus einer inneren Notwendigkeit entstanden sei. Allein die Dauer der Inszenierung werfe die Frage auf, wer denn realer sei, die Figur oder derjenige, der sie inszeniert. Dieser Umgang mit dem eigenen Werk hat den Brechtschen Gestus der Verfremdung und schafft Distanz, so als wolle der Künstler nicht als Urheber seiner Werke festgelegt werden. Unschärfen in der Malweise entsprechen Unschärfen in den Bedeutungen. Dabei müsste sich der 36-jährige Pelz gar nicht hinter einem Alter Ego verstecken.

Bei aller Gegenständlichkeit zeigen die Bilder eine ideenreiche Sicht auf die Wirklichkeit. Das Spiel mit Positiv-Negativ-Darstellungen, mit geometrischen Feldern, inszenierten Szenen und spannungsreichen Metaphern in bester Ölmalerei fesselt. Das ist auch gut so, denn die performative Dimension steht und fällt mit der Anwesenheit des Künstlers. Ohne Jan-Hendrik Pelz, der die Figur des Kurators seiner Schwester performt, findet die Reflexion über den Standort und die Bedeutung des Künstlers nicht statt, und es bleiben nur die Bilder. Die allerdings sind für sich genommen äußerst anregend und sehenswert.

Öffnungszeiten: Die Ausstellung ist bis 20. September in der Galerie Kunstreich in Kempten, Schützenstraße 7, zu sehen: Dienstag 16 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.