Kultur in die Allgäuhalle

Plädoyer für Kulturkonzept: "Ohne Subkultur gibt es keine Hochkultur"

Kempten Kultstream

Die freie, unkonventionelle Kulturszene (hier die Kemptener Improtheater-Spieler Lara Waldow und Max Kinker von den Wendejacken mit Pianist Anton Dirnberger) braucht einen Raum, um sich entfalten zu können, sagt Dr. Franz Tröger. Die Allgäuhalle wäre für den 85-jährigen Veranstaltungsprofi der ideale Ort dafür.

Bild: Ralf Lienert

Die freie, unkonventionelle Kulturszene (hier die Kemptener Improtheater-Spieler Lara Waldow und Max Kinker von den Wendejacken mit Pianist Anton Dirnberger) braucht einen Raum, um sich entfalten zu können, sagt Dr. Franz Tröger. Die Allgäuhalle wäre für den 85-jährigen Veranstaltungsprofi der ideale Ort dafür.

Bild: Ralf Lienert

Konzertveranstalter Franz Tröger (85) macht sich für die freie Kulturszene stark. Allgäuhalle soll eine Begegnungsstätte unter Obhut der Stadt Kempten werden.
07.09.2021 | Stand: 17:00 Uhr

In der Diskussion um die weitere Nutzung der Allgäuhalle meldet sich Konzertorganisator Dr. Franz Tröger zu Wort und plädiert für eine Lösung, die die freie Kulturszene stützt. „Es war schon immer meine Überzeugung, dass es Hochkultur ohne Subkultur, oder besser Soziokultur, nicht geben kann“, sagt der 85-Jährige. Seit 1963 organisiert er Meisterkonzerte im Stadttheater. Aktuell ist er mit der Vorbereitung des 16. Festivals der Kammermusik Classix Kempten beschäftigt, bei dem vom 18. bis 26. September Klassik- und Jazzstars wie Dorothee Oberlinger und Brad Mehldau, aber auch der Schauspieler Ulrich Tukur auftreten.

Objekt der Begierde: Viele Interessensgruppen strecken nach der frei werdenden Allgäuhalle in Kempten die Hand aus.  Einige fordern eine kulturelle Nutzung.
Objekt der Begierde: Viele Interessensgruppen strecken nach der frei werdenden Allgäuhalle in Kempten die Hand aus.  Einige fordern eine kulturelle Nutzung.
Bild: Matthias Becker

Franz Tröger gilt seit Jahrzehnten in Kempten als Verfechter der Hochkultur. Umso mehr erstaunt nun seine Aussage: „Mein Herz gehört dem Bodensatz der Kultur“, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt. Auch Beethoven habe schließlich „einen Urgrund“ gehabt. Und der französische Trompetenstar Maurice André, dem Tröger einst in Paris zusammen mit Charles Aznavour begegnete, habe immer gerne auch in Strip-Lokalen Musik gemacht.

Die Stadt braucht niederschwellige Kulturangebote, sagt Franz Tröger: „Es ist eine einmalige Chance, die man sich nicht entgehen lassen sollte.“

Für die Hochkultur habe die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten viel getan. Tröger, der von 1966 bis 1981 Stadtrat und Kulturbeauftragter war, denkt dabei etwa an die Sing- und Musikschule, an Theater und Kornhaus, den APC, aber auch an die Big Box. Nun sei die Zeit gekommen, auch niederschwellige Kulturangebote zu ermöglichen. Die ehemalige Tierzuchthalle sei dafür ein idealer Ort. „Es ist eine einmalige Chance, die man sich nicht entgehen lassen sollte.“

Trögers Rat: Nicht vorschnell handeln. Ein freies Kulturkonzept brauche Zeit und müsse langsam wachsen.

Die Allgäuhalle könnte eine Begegnungsstätte für alle möglichen Kulturschaffenden – Musiker, Schauspieler, bildende Künstler, Literaten, Kleinkünstler – werden. Allerdings werde dies nicht von heute auf morgen zu realisieren sein. „Das Ganze kann nur gut werden, wenn es sich harmonisch entwickelt.“ Viel Zeit sei nötig – ein, zwei Generationen wohl, und Geduld. Tröger warnt davor, etwas „aufzupropfen gegen die tatsächlichen Gegebenheiten“. Mit den Kulturschaffenden reden, auf ihre Bedürfnisse eingehen, mit dem arbeiten, was vorhanden ist, und das Kulturareal in „homöopathischen Dosen“ entwickeln, das sollte die Devise sein. Tröger sieht die Stadt in der Pflicht: „Sie muss Moderator sein.“ Dazu müsse das Kulturamt gestärkt und etwa zu einem eigenen Referat aufgewertet werden, fordert er.

Großvater Franz Tröger gehörte zu den Mit-Finanziers der Allgäuhalle: Kulturelle Nutzung war 1928 ausdrücklich auch erwünscht.

Sein gleichnamiger Großvater (1872 bis 1963) und Namensgeber der Franz-Tröger-Straße war nicht nur ein umtriebiger, im Eisengeschäft tätiger Kaufmann. Er war auch passionierter Sportler (Gewichtheber und Ringer) – und er war ein Mit-Finanzier der Tierzuchthalle. Auf 200 000 Mark belief sich 1927 das Stammkapital der Allgäuer Tierzuchthalle. 10 000 Mark steuerte allein die „Franz Tröger GmbH“ bei, wie einer Sondernummer des „Allgäuer Tagblatts und der Kaufbeurer Nachrichten“ vom 18. September 1928 anlässlich der Eröffnung der Tierzuchthalle zu entnehmen ist. Die Halle sei nicht nur für Viehauktionen gedacht, sondern auch für das gesellschaftliche Leben: „Ausstellungen, Versammlungen, und Vorträgen wird die Halle ein würdiger, für Kempten, längst notwendig gewordener Raum sein.“ Nun, 93 Jahre später, werde die Halle für Sub- und Soziokultur dringend benötigt, sagt Tröger.

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