Corona und Blasmusik

Silvesterblasen der Blasmusiker steht auf der Kippe

Neujahrsblasen

Neujahrsblasen mit vielen Musikanten und Zuhörern: Solche Bilder wird es heuer vermutlich nicht geben. Unser Foto entstand 2015 in Ottacker.

Bild: Martina Diemand

Neujahrsblasen mit vielen Musikanten und Zuhörern: Solche Bilder wird es heuer vermutlich nicht geben. Unser Foto entstand 2015 in Ottacker.

Bild: Martina Diemand

Wegen Corona können Blaskapellen kaum noch auftreten. Auch das Proben haben viele eingestellt. Die Impffrage spaltet die Klangkörper – was an Gemütern nagt.
21.12.2021 | Stand: 05:45 Uhr

Das Silvester- und Neujahrsblasen der Musikkapellen in unserer Region steht auf der Kippe. Viele haben diese Traditionsveranstaltung zwischen Weihnachten und Neujahr schon abgesagt, manche überlegen noch, ob und wie sie sie durchführen. „An jeder Haustür zu klingeln ist nicht verantwortbar“, sagt beispielsweise Daniel Gerlach, Vorsitzender des Musikvereins Sankt Mang. „Die erklären uns ja für verrückt.“

Sind abgespeckte Versionen von Silvester- und Neujahrsblasen möglich?

Gerlach möchte das Neujahrsblasen aber noch nicht ganz absagen. Man überlege sich eine „abgespeckte Version“, sagt er. Das können sich offenbar auch andere Kapellen in Kempten und Umgebung vorstellen. Wer was wie macht, ist allerdings unklar. Selbst der Vorsitzende im Blasmusikbezirk Kempten, Lothar Geist (Waltenhofen), hat keinen genauen Überblick zu den Plänen der 37 Mitgliedskapellen. Aber auch er ist skeptisch: „Es stellt sich die Frage: Wie reagieren die Leute, wenn zehn Musikanten vor ihrer Haustür stehen?“ Außerdem könnte es sein, dass Kapellen mit einer niedrigen Impfquote gar nicht spielfähig wären, meint Geist. Seiner Information nach kann das Silvester- und Neujahrsblasen mit 2G durchgeführt werden, die Musikerinnen und Musiker müssten also geimpft oder genesen sein. „Ein freiwilliger Schnelltest aller Beteiligten empfiehlt sich aber“, sagt Geist und schiebt die Mahnung nach: „Wir müssen vorsichtig sein beim Kontakt mit der Bevölkerung.“

Letztes Jahr war es verboten, von Haustür zu Haustür zu ziehen

Letztes Jahr war es – wegen des damaligen Lockdowns – den Musikkapellen verboten, von Haustür zu Haustür zu ziehen, kleine Ständchen zu spielen und Neujahrswünsche auszusprechen. Dabei geht es ihnen nicht nur um den Brauch, sondern auch ums Geld. Denn mit den Kurzauftritten werben die Musikvereine durchweg um Spenden. Ohne sie können sie ihre Trachten, Instrumente und Dirigenten nicht finanzieren. „Das ist unsere Haupteinnahmequelle“, sagt Daniel Gerlach vom Musikverein Sankt Mang. Wenn die wegbricht, schmerzt es. „Dennoch sind wir bisher ganz gut durch die Krise gekommen“, fügt er an. „Wir hatten ja auch kaum Ausgaben.“

Abgesehen vom Silvesterblasen geht an Auftritten mit dem Gesamtorchester derzeit nichts mehr. Alle Herbst- und Weihnachtskonzerte sind abgesagt worden. Die Hürden durch die Abstandsvorgaben beim Musizieren und die 2G-plus-Regeln für Kulturveranstaltungen sind einfach zu hoch. Und wenn doch noch kleine Ensembles auftreten, dann vor, während oder nach weihnachtlichen Messen.

Orchester sind nicht spielfähig

Inzwischen proben aber viele Musikkapellen nicht einmal mehr. Das hängt nicht nur von fehlenden Auftrittsperspektiven ab, sondern auch vom Impfstand. Die Sankt Manger etwa proben weiterhin jede Woche. Von den 35 Mitgliedern des Orchesters seien 30 geimpft oder genesen, sagt Vorsitzender Gerlach. Außerdem stelle ihnen die Pfarrei den Pfarrsaal zur Verfügung, womit die geforderten Abstände einzuhalten seien. „Wir haben eine spielfähige Besetzung“, sagt Gerlach. Kapellen mit einer geringeren Impfquote haben das nicht mehr. Da macht das Proben und erst recht das Auftreten keinen Sinn. Dass ein Teil des Orchesters noch musizieren kann und darf, der andere aber nicht, erschüttert die Kapellen. „Das ist traurig, und das spaltet“, sagt etwa Hans Zischka, Vorsitzender Musikkapelle Durach. Er hat das Neujahrsblasen inzwischen ebenfalls abgesagt. Ein anderer Vereins-Chef, der nicht namentlich genannt werden möchte, berichtet, dass die Moral „ziemlich am Boden“ sei.

"Das nagt an den Gemütern", sagt Musikbezirks-Vorsitzender Lothar Geist

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Bezirksvorsitzender Geist bestätigt. „Das nagt an den Gemütern.“ Inzwischen zweifelt er daran, dass es Frühjahrskonzerte geben wird. „Meiner Meinung nach müsste man dafür im Januar zu proben beginnen.“

Wie sehr das musikalische Nichtstun die Musikanten ärgert, zeigt ein Eintrag auf der Internetseite der Musikkapelle Hellengerst-Rechtis. Wie bei vielen anderen ist der Terminkalender ohne jeglichen Eintrag. Ein Eintrag im Dialekt kommentiert dies folgendermaßen: „Allad no koine Termine? So a Mischt!“