Meisterkonzert

Stadttheater Kempten: Epochales für entwöhnte Ohren

Meisterkonzert im Stadttheater

Kommt immer gerne nach Kempten: Christian Poltéra und sein legendäres Mara-Cello.

Bild: Archiv-Martina Diemand

Kommt immer gerne nach Kempten: Christian Poltéra und sein legendäres Mara-Cello.

Bild: Archiv-Martina Diemand

Nach langer Corona-Pause bieten das Auryn Quartett, das sich auf Abschiedstournee befindet, und Cellist Christian Poltéra erlesene Kammermusik.
11.06.2021 | Stand: 10:30 Uhr

Ein epochales Konzert zur Wiedereröffnung der Meisterkonzerte nach der Corona-Generalpause – das wär’s doch! Und das nach Musik lechzende Publikum bekam genau dieses. Auf seiner Abschiedstournee nach 40 Bühnenjahren machte das hochkarätige Auryn Quartett noch einmal im Kemptener Stadttheater Station und verwöhnte die Zuhörer mit balsamischer Kammermusik.

Es erklangen zwei Quintette, beides Spätwerke, ja Schwanengesänge ihrer Komponisten: Bei Franz Schuberts D 956 verstärkte Christian Poltéra das Quartett. Sein Stradivari-Cello legte das sonore Fundament. Wie Säulen standen die gezupften Pizzicati im Raum. Unglaublich, dieses Klangvolumen.

Davor erklang ein unbekanntes Kleinod: das Klarinettenquintett op. 146 von Max Reger (1873 bis 1916). Man kennt Reger als Schöpfer opulenter Orgelwerke. Dass er selbst diesen Stil später als „dickflüssig“ bezeichnete und entschlackte Werke schuf wie dieses jenseitig strömende Quintett, diesen Wandel ins Bewusstsein zu heben, ist der Verdienst dieses Abends.

Eine Freundschaft, die lange hält

Von der ersten Garde der Kammermusik (wie bei diesem Meisterkonzert) bekommt man Reger kaum zu hören. Organisator Dr. Franz Tröger und Klarinettist Hans Dietrich Klaus machten 1962 an der Oberrealschule in Kempten, dem heutigen Allgäu-Gymnasium, gemeinsam Abitur. Ihr Musiklehrer Walter Maurus war ein Reger-Kenner, und so war diese Aufführung die Frucht einer langen Reife.

Von Rausch und Ekstase

Dass man mit 79 noch so Klarinette spielen kann? Ein Wunder. Regers op. 146 ist ein komponierter Auflösungsprozess. Eine dionysische Seele, entgrenzt bisher in Rausch und Ekstase, findet Ruhe, kehrt heim. Durch das ständige Mäandern der Modulationen ist diese Musik kaum zu greifen fürs Ohr. Für ein tieferes Verständnis muss man das Werk daheim nachhören. Es gibt ja im Internet zum Glück Aufnahmen mit Notentext.

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Der größte Fehler wäre, diesen Reger stramm durchzuziehen, womöglich mit dem in Jugendwerken vorhandenen Pathos. Davor war dieses weise Ensemble gefeit. Es feierte ein mystisches Fest des Loslassens und Entgleitens. Eine Fahrt über den nebelverhangenen Acheron, die Klaus spontan zum Schlusspunkt seiner Klarinetten-Karriere erklärte. Nun sei’s genug, sagte er nach diesem epochalen Abend.

Herb-süße Melodien

Idealer Gegenpol zu dieser sich entziehenden, verschwindenden Musik war Schuberts Quintett (nicht mit Matthias Lingenfelder, sondern Jens Oppermann an der ersten Geige). Wie Reger hörte auch Schubert diese Musik nie erklingen. Herb-süße Melodien, so einprägsam, man möchte am liebsten mit pfeifen. Seligkeit in Tönen. Und so schenkte dieser Abend unseren eingetrockneten Ohren Labsal ganz unterschiedlicher Art. Wir wissen es zu schätzen, mehr denn je.

Statt einer Zugabe sagten die „Auryns“, seit 40 Jahren in unveränderter Besetzung, danke für die außergewöhnliche, sich gegenseitig inspirierende Zusammenarbeit mit Kempten und Franz Tröger. Poltéra und sein Mara-Cello kann man übrigens heuer gleich drei Mal beim Classix-Festival in Kempten erleben. Das Leben und die Musik gehen weiter. Trotz aller Schwanengesänge ...