Barockkunst in Kempten

Überraschende Funde im Haus des Hofmalers Franz Georg Hermann

Originales von Franz Georg Hermann: Dieses Gemälde des Barockmalers ist in seinem ehemaligen Wohnhaus entdeckt worden. Das meiste liegt noch unter späteren Übermalungen verborgen.

Originales von Franz Georg Hermann: Dieses Gemälde des Barockmalers ist in seinem ehemaligen Wohnhaus entdeckt worden. Das meiste liegt noch unter späteren Übermalungen verborgen.

Bild: Ralf Lienert

Originales von Franz Georg Hermann: Dieses Gemälde des Barockmalers ist in seinem ehemaligen Wohnhaus entdeckt worden. Das meiste liegt noch unter späteren Übermalungen verborgen.

Bild: Ralf Lienert

Beim Umbau des Gebäudes von Hofmaler Hermann sind einzigartige Gemälde entdeckt worden. Sie zeugen von seinem Können. Doch wer soll die Restaurierung bezahlen?
07.05.2022 | Stand: 17:30 Uhr

Im einstigen Wohnhaus von Franz Georg Hermann sind überraschend Fresken des einstigen Barockmalers entdeckt worden. Hermann hat das Treppenhaus des prächtigen Gebäudes an der Memminger Straße mit großflächigen Gemälden an Wänden und Decke ausgeschmückt. Entdeckt wurden die Fresken im Zuge der derzeitigen Um- und Ausbauarbeiten. Aus dem ehemaligen Wohnhaus der Hermanns wurde zwischenzeitlich ein Waisenhaus, nun befindet sich darin die Kindertagesstätte St. Nikolaus. Wann und mit welchem Geld die Fresken, die Experten als bedeutend für die Stadt und darüber hinaus beurteilen, wiederhergestellt und präsentiert werden können, ist aber offen.

Der junge Kemptener hatte sich in Rom zum Maler ausbilden lassen

26 Jahre alt war Franz Georg Hermann, als er aus Italien in seine Heimatstadt Kempten zurückkehrte. In Rom hatte er sich elf Jahre lang zum Maler ausbilden lassen. 1718 begann er, sein Können und seine Kunst in heimischen Kirchen und Klöstern auszuüben, etwa in Ottobeuren, Füssen und in der Kemptener Lorenz-Basilika. Er schuf Decken- und Altarbilder, die seine Zeitgenossen beeindruckten sowie Franz Georg Hermanns Ruf mehrten und ihm Wohlstand brachten. So war es nur folgerichtig, dass er sich im Jahr 1726 in Kempten, zehn Gehminuten von der Basilika entfernt, ein herrschaftliches Haus baute – im italienischen Stil. Geplant hat er es offenbar selbst: Der Maler war auch in der Architektur bewandert und nannte sich „Oberbaudirektor“.

Auch dieses Hermann-Gemälde im Treppenhaus ist nur ansatzweise freigelegt.
Auch dieses Hermann-Gemälde im Treppenhaus ist nur ansatzweise freigelegt.
Bild: Ralf Lienert

Es sei ein „sehr auffälliges Haus“ gewesen, das Franz Georg Hermann in der damaligen „Gasse“ errichtete, erklärt Dr. Ingo Seufert. Der Kunsthistoriker beschäftigt sich seit längerem intensiv mit Leben und Werk des Hofmalers, der sich den größten Ruhm wohl mit der Ausgestaltung der Prunkräume der fürstäbtlichen Residenz erwarb. Die Stadt Kempten und der Heimatverein haben Seufert, der von hier stammt und in Gilching lebt, mit der wissenschaftlichen Begleitung beim Umbau des Hermann-Hauses beauftragt. „Es hat Grandezza in die Stiftstadt gebracht“, sagt Seufert. „In Kempten hat so etwas gefehlt.“

Die Grandezza des Hauses ist heute noch zu spüren

Franz Georg Hermanns Haus steht immer noch, und auch von der Grandezza ist durchaus viel zu spüren. Wieder einmal wird das würfelartige Gebäude, für dessen Konstruktion vermutlich italienische Palazzi Pate gestanden haben, umgebaut. Dabei sind in den vergangenen Wochen und Monaten überraschend Fresken aufgetaucht, die der Meister einst höchstpersönlich auf Decken und Wände gepinselt hat. Davon jedenfalls ist Dr. Ingo Seufert überzeugt. „Nach so vielen Jahren etwas Neues von Franz Georg Hermann zu entdecken, das ist schon was Besonderes“, sagt der Kunsthistoriker.Vor allem das Treppenhaus, im Barock ein zentral-repräsentativer Ort in Gebäuden, hat der Hausherr bemalt – nach Ansicht von Seufert wohl Ende der 1720er, Anfang der 1730er Jahre.

Franz Georg Hermanns Meisterwerk: Er malte die Prunkräume der Kemptener Residenz aus.
Franz Georg Hermanns Meisterwerk: Er malte die Prunkräume der Kemptener Residenz aus.
Bild: Ralf Lienert

Die Fresken kamen zum Vorschein, als eine hölzerne Wand ausgebaut wurde. „Davon hatten wir keine Ahnung“, sagt Therese Waldmann vom Amt für Gebäudewirtschaft der Stadt Kempten, die für die Kindertagesstätte der Waisenhausstiftung zuständig ist. Selbst Restauratoren, die das Gebäude vorher untersucht hatten, entdeckten die Hermann-Spuren nicht. Auch Waldmann ist von dem unerwarteten Fund beeindruckt. „Das hat für Kempten, ja das ganze Allgäu und darüber hinaus Bedeutung“, sagt sie. Franz Georg Hermann habe mit dem markanten Haus und seiner Ausschmückung ein Zeichen gesetzt, sagt sie.

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Inzwischen haben Handwerker und Restauratoren kleine Flächen von alter Farbe freigelegt, so dass immer mehr von Hermanns Originalen zu sehen ist. An die Wände hat er offenbar eine Landschaft mit Reiterszenen gemalt; darauf deuten Pferdehufe sowie ein Gewässer mit Spiegelungen hin. An der Decke sind Engel sowie Köpfe von Bachanten aufgetaucht. Das soll wohl Freude und Wohlstand symbolisieren, erklärt Experte Seufert. „Diese Fresken zeigen das Selbstbewusstsein des erfolgreichen Malers Hermann.“ In ihnen spiegle sich der Stand und die Bedeutung, die er sich zu diesem Zeitpunkt selbst beigemessen habe. Dies unterstreichen auch Funde im Salon des ersten Obergeschosses, des „piano nobile“, wie Seufert die Beletage des noblen Hermann-Hauses nennt.

Es könnten noch mehr Gemälde von Franz Georg Hermann unter den Farbanstrichen verborgen sein

Die Leibungen der Fenster zur einstigen „Gasse“ (heute die Memminger Straße) hin, waren mit fein gestalteten Stuckplatten belegt. „Das war aufs Reichste ausgestaltet“, urteilt Seufert. Der Kunsthistoriker vermutet, dass Hermann damit auch einen Testlauf für die Gestaltung der Prunkräume in der Residenz vornahm und das Zusammenspiel von verschiedenen Gewerken austarierte. „Das diente als Vorarbeit für sein Wirken in der Residenz“, ist Seufert überzeugt. Der Kunsthistoriker meint zudem, dass im ersten Obergeschoss noch weitere Hermann-Gemälde unter späteren Anstrich verborgen sein könnten. Kürzlich seien weitere Freskoreste entdeckt worden.

Ob bald mehr von den wertvollen Gemälden im Treppenhaus zu sehen sein wird, ist offen. Derzeit werde die Fresken gesichert, damit ihnen nichts passieren kann. So soll etwa verhindert werden, dass Teile von der Decke herabfallen. Als nächstes soll berechnet werden, was die Freilegung und Restaurierung genau kostet. Vermutlich werde dies eine mittlere sechsstellige Summe kosten, schätzt Therese Waldmann. Dann müsse man ausloten, wer das bezahlt. Als potenzielle Finanziers kämen neben der Stadt Fördergeber auf anderen politischen Ebenen sowie private Sponsoren infrage. Einen genauen Zeitplan könne sie angesichts der vielen Unwägbarkeiten nicht nennen, sagt Waldmann.

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