Probleme im Abwasser

Wenn Feuchttücher die Kanalisation verstopfen

Sollen Probleme lösen, erzeugen aber neue: Feuchttücher. Viele lösen sich im Abwasser nicht auf und verstopfen Rohre und Pumpen. Manchmal sogar Tücher, die als „spülbar“ verkauft werden, sagt Franz Beer vom Abwasserverband Kempten.

Sollen Probleme lösen, erzeugen aber neue: Feuchttücher. Viele lösen sich im Abwasser nicht auf und verstopfen Rohre und Pumpen. Manchmal sogar Tücher, die als „spülbar“ verkauft werden, sagt Franz Beer vom Abwasserverband Kempten.

Bild: Matthias Becker

Sollen Probleme lösen, erzeugen aber neue: Feuchttücher. Viele lösen sich im Abwasser nicht auf und verstopfen Rohre und Pumpen. Manchmal sogar Tücher, die als „spülbar“ verkauft werden, sagt Franz Beer vom Abwasserverband Kempten.

Bild: Matthias Becker

Die meisten Feuchttücher müssen im Hausmüll entsorgt werden. Weil viele sie stattdessen in die Toilette werfen, verstopfen Pumpen und Rohre. Tipps für Alternativen.
25.09.2020 | Stand: 11:30 Uhr

Mehr als 80 Tage im Jahr. Das ist die Zeit, die Mitarbeiter des Abwasserverbandes Kempten jährlich allein damit beschäftigt sind, Rohre und Pumpen von Feuchttüchern zu befreien – und von allem dem, was dadurch noch hängen bleibt. Gerüche inklusive. Das Problem sind dabei nicht allein diejenigen, die die Tücher in die Toilette werfen, erklärt Franz Beer, Geschäftsleiter des Abwasserverbands mit Sitz in Lauben.

„Nicht alle Vliestücher sind böse“, sagt Beer. Das bedeutet: Als feuchtes Toilettenpapier verkaufte Tücher lösen sich meist nach dem Spülen auf, solche zum Wickeln von Babys und etwa zum Abschminken nicht. Dabei gibt es zwei Schwierigkeiten: Erstens, große Mengen der „bösen“ Feuchttücher werden über die Toilette entsorgt. Und Zweitens, manche von ihnen sind auf der Verpackung sogar als „spülbar“ bezeichnet, sagt Beer.

Welche Feuchttücher dürfen ins Klo? Gar nicht so leicht zu erkennen...

Das heißt, dass Verbraucher gar nicht erkennen können, ob ihr Tuch in der Toilette heruntergespült werden darf. Verlässlich sei allein der „Spülbarkeitstest“ der Branchenverbände Inda/Edana. Selbst bei Tüchern, die als feuchtes Toilettenpapier verkauft werden, löse sich etwa ein Drittel der Produkte nicht auf, schätzt Beer. Die EU-Vorgabe dazu sei sehr locker, man streite darüber, was als „spülbar“ gelten darf. Allein Belgien habe das wirklich getestet und entsprechende Vorschriften erlassen.

Im Leitungsnetz des Abwasserverbandes in Kempten und dem nördlichen Oberallgäu sammeln sich jährlich bis zu 280 Tonnen Material, das dort nichts zu suchen hat. Beer vermutet, dass grob geschätzt mindestens 30 Prozent davon Feuchttücher sind. Sie verklumpen, Beer spricht von „Zöpfen“, die regelmäßig ein bis zwei Meter lang werden. „Der Längste bei uns maß zehn Meter und hatte einen Durchmesser von 60 Zentimetern.“

Beim Abwasserverband Kempten verursachen Feuchttücher einen Mehraufwand von jährlich 100.000 Euro

Mittlerweile seien die neuralgischen Punkte im Leitungsnetz mit entsprechender Technik ausgestattet. „Davor gab es drei Pumpwerke, die mindestens wöchentlich verstopften.“ Mindestens 100 .000 Euro mache das im Abwasserverband derzeit an jährlichem Mehraufwand aus. In Europa, schätzt der Verband europäischer Wasser- und Abwassernetzbetreiber, verursachen Feuchttücher in der Kanalisation jährlich Kosten von 500 bis 1000 Millionen Euro.

Bis vor etwa zehn Jahren waren Feuchttücher im Abwasser kein großes Thema. Doch laut einer Untersuchung der Technischen Universität Berlin, die Beer zitiert, hat die Produktion von Vliesstoffen in Europa zwischen den Jahren 2000 und 2016 um etwa 230 Prozent zugenommen. Etwa 13 Prozent davon würden für den privaten Gebrauch genutzt. Falsch entsorgt würden sie vor allem von Menschen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren, so die Untersuchung.

Doch wohin mit all den Tüchern, wenn nicht in die Toilette? Die richtige Entsorgung ist über den Hausmüll. Das sei auch vorgeschrieben. „Ich kann aber nicht an jedes Klo einen Staatsanwalt stellen“, sagt Beer. Er hofft deshalb auf die Vernunft der Menschen und setzt auf vermehrte Aufklärung.

Muss das sein? Alternativen zum Feuchttuch

Nicht immer braucht es ein Feuchttuch: Petra Niazi vom „Dietmannsrieder Treff für nachhaltiges Leben“ gibt Tipps, welche Alternativen es zu den Wegwerfprodukten gibt:

  • Muss der Babypopo beim Wickeln gesäubert werden, kann auch ein Stofftuch helfen, das vorab unter warmes Leitungswasser gehalten wird. Gemeinsam mit Baby-Spucktüchern bei 60°C waschen. Wer will, kann die Tücher feucht in einer Box auch unterwegs nutzen. Die Tücher gibt es zu kaufen. Oder sie werden aus alten Stoffen geschnitten.
  • Zum Abschminken gibt es kreisrunde Stofftücher, die auch aus Mullstoff selbst gemacht werden können. Einfach einmal die Woche in der Waschmaschine mitwaschen.