Kulturleben in Kempten

Wie kann Kemptens Kulturszene attraktiver werden? Darüber wird derzeit viel debattiert

Kultur in Corona-Zeiten: Die Stadt organisierte einen "Lieferdienst", bei dem Konzerte aus dem Künstlerhaus ins Internet gestreamt wurden.

Kultur in Corona-Zeiten: Die Stadt organisierte einen "Lieferdienst", bei dem Konzerte aus dem Künstlerhaus ins Internet gestreamt wurden.

Bild: Ralf Lienert

Kultur in Corona-Zeiten: Die Stadt organisierte einen "Lieferdienst", bei dem Konzerte aus dem Künstlerhaus ins Internet gestreamt wurden.

Bild: Ralf Lienert

Kempten erstellt gerade ein Konzept, das die Kulturszene attraktiver machen soll. Die Kulturakteure loben das - sorgen sich aber auch wegen der Umsetzung.
12.02.2021 | Stand: 17:58 Uhr

„Es ist, als ob eine Tür geöffnet wurde und frischer Wind durch die Kulturszene weht.“ Was Franz Tröger, den Grandseigneur der Kemptener Musikszene, so schwärmen lässt, ist ein ambitioniertes städtisches Projekt. Es läuft seit 2019 und hat den etwas sperrigen Namen „Kulturentwicklungskonzept für die Stadt Kempten“. Das Ziel: eine pulsierende Kulturszene mit attraktiven Angeboten und zufriedenen Kulturschaffenden.

Inzwischen ist das Konzept so weit gediehen, dass klar wird, was künftig in Kempten passieren soll. Nicht nur Franz Tröger, sondern auch andere Kulturakteure in der Stadt haben den Prozess, der auf Dialog und Partizipation baut, bisher mit viel Lob bedacht, berichtet Kulturamtsleiter Martin Fink. „Das läuft sehr gut“, sagt etwa der Musiker und Konzertveranstalter Andreas Schütz, der drei der fünf Online-Workshops in den vergangenen Wochen besucht hat. Céline Kruska, die den Prozess mit ihrer Stuttgarter Agentur „Kulturgold“ im Auftrag des Kulturamtes organisiert, sagt: „Wir spüren eine Aufbruchstimmung.“

Nach vielen Interviews und Workshops mit rund 50 Künstlern, Veranstaltern sowie Vertretern aus Bildung oder Tourismus haben sich nach Angaben von Fink folgende Schwerpunkte herauskristallisiert:

  • Die Kulturszene braucht eine Lobby („Kulturbeirat“), um Wünsche und Interessen zu formulieren – etwa gegenüber der Stadtpolitik.
  • Die Kemptener Kulturakteure sollen sich besser untereinander vernetzen – auch ins (Ober-)Allgäu hinein. „Grenzen gibt es für Künstler nicht“, erklärt der Kulturamtsleiter. Inzwischen hat er schon ein erstes Gespräch mit der Oberallgäuer Landrätin Indra Baier-Müller geführt – der Landkreis hat im Gegensatz zur Stadt keine eigene Kulturabteilung. Nicole Bleeck, im Landkreis für Tourismus zuständig, war bei mehreren Workshops zu Gast. Bei der Vernetzung wird es auch um Räume und Ateliers für Kulturschaffende aller Art gehen.
  • Die Kommunikation muss besser werden – in mehrerlei Hinsicht. Künftig soll die Kultur im Stadtraum viel stärker wahrgenommen werden, etwa durch Plakate, Banner und digitale Infotafeln auf wichtigen Plätzen. Im Internet soll es zudem Plattformen geben, etwa für Ankündigungen von Kulturveranstaltungen. Dank Corona ist eine Digital-Idee schon Wirklichkeit geworden: Der „Kulturlieferdienst“ hat während des ersten Lockdown erfolgreich Online-Shows angeboten.
  • Innerhalb der Kemptener Stadtverwaltung müssen die Ansprechpartner und Abläufe für die Kulturschaffenden transparenter und eindeutiger werden. Oft sei nicht klar, wer für was zuständig ist. „Da haben wir Hausaufgaben zu machen“, sagt Kulturamtsleiter Fink.
  • Die städtische Kulturförderung muss neu organisiert und transparenter gestaltet werden. Auch hier hat das Kulturamt parallel zum Prozess schon erste Maßnahmen ergriffen und eine halbe Stelle geschaffen – laut Fink „ein Quantensprung für Kempten“. So konnten – wie berichtet – Ende des Jahres drei Geldtöpfe mit insgesamt 150 000 Euro für Kulturschaffende in Coronazeiten bereitgestellt werden.

Nun geht das Kulturentwicklungskonzept, das insgesamt mehrere zehntausend Euro kostet, auf die Zielgerade. „Es ist unglaublich viel in Bewegung geraten“, lautet die Bilanz von Céline Kruska von der Agentur Kulturgold. Sie bereitet auf, was in den fünf Workshops mit jeweils rund 20 Frauen und Männern erarbeitet wurde. Das soll im Mai in einem großen Präsenz-Workshop final besprochen werden; der partizipative Prozess wird also fortgesetzt. „Dabei werden wir die Kernthesen nochmals durchdiskutieren“, erläutert Kulturamtsleiter Martin Fink. Dann sollen die Eckpunkte und Pilotprojekte stehen, auf die sich alle einigen können. Schließlich wird das neue Kulturentwicklungskonzept den Stadtpolitikern vorgelegt.

Das Engagement aller ist gefragt

Etliche der am Prozess Beteiligten treibt die Sorge um, wie es dann weitergeht und wie das Konzept letzten Endes umgesetzt wird. „Man sieht, wo die Reise hingehen kann“, sagt Céline Kruska. „Aber es braucht das Engagement aller Akteure.“ Dabei setzt Andreas Schütz auch auf die Stadtpolitiker. „Da sind mutige und zukunftsweisende Entscheidungen gefragt“, erklärt der Musiker und Konzertveranstalter.

Und Franz Tröger? Der sagt: „Wenn diese Aufbruchstimmung nicht wie so oft ausgebremst wird, dann hat Kempten endlich seinen Platz im Zentrum der Kultur des Allgäus gefunden.“