Interview mit Allgäuer Ausnahmesportlerin

Lisa Brennauer und ihr Blick zurück aufs goldene Olympiajahr

Der deutsche Bahnrad-Vierer der Frauen

Holten in Weltrekordzeit Olympia-Gold in der Mannschaftsverfolgung: (von links) Franziska Brauße, Lisa Brennauer, Lisa Klein und Mieke Kröger.

Bild: Camus, dpa

Holten in Weltrekordzeit Olympia-Gold in der Mannschaftsverfolgung: (von links) Franziska Brauße, Lisa Brennauer, Lisa Klein und Mieke Kröger.

Bild: Camus, dpa

Lisa Brennauer räumte 2021 bei Olympia, der WM und EM ab. Die Allgäuerin spricht über ihr Traumjahr, die Sportler-des-Jahres-Wahl und ihre private Zukunft.
20.12.2021 | Stand: 18:27 Uhr

Frau Brennauer, am Sonntag werden in Baden-Baden die Sportlerinnen und Sportler des Jahres gekürt. Liegt das Galakleid schon bereit?

  • Lisa Brennauer: Ja natürlich. Das wäre ja total blöd, wenn ich noch keines hätte. Ich freue mich riesig auf den Abend, den ich schon seit vielen Jahren genieße. Mit anderen Sportlern auf ein Jahr zurückzublicken, ist schon immer was Besonderes …

Rechnen Sie sich denn auch Chancen aus?

  • Brennauer: Ich bin ja in drei Kategorien nominiert. Einmal im Einzel und zweimal mit dem Team. Und vielleicht wird ja auch unser Bundestrainer André Korff irgendwie geehrt. Mal schauen. Ich denke schon, dass wir auch wegen der Art und Weise, wie wir olympisches Gold auf der Bahn geholt haben, gute Chancen haben. Und wir haben ja mit WM- und EM-Gold noch nachgelegt.

Wäre Ihnen eine Auszeichnung für die Mannschaft wichtiger als im Einzel?

  • Brennauer: Ich würde mich über beides freuen. Klar. Aber das mit der Mannschaft war natürlich schon noch emotionaler. Bei der Einzelwertung könnten sich viele denken: „Hä, wie macht die das? Mal fährt sie auf der Straße, dann auf der Bahn. Bei Olympia sogar beides innerhalb einer Woche.“ Aber es ist ja eine Journalistenwahl und von uns weiß keiner, welche Kriterien da letztlich stechen. (Lesen Sie auch: Als „Mutti im Team“ - Das war Lisa Brennauers Abend bei der bei "Sportler des Jahres 2021"-Gala)

Wäre bei den Frauen nach zweimal Weitsprung nicht mal wieder eine andere Sportart an der Reihe?

  • Brennauer: Klar wäre das cool. Aber Malaika Mihambo hätte es auch in diesem Jahr verdient. Sie spielt als Person, als Typ und als Vorbild eine ganz, ganz große Rolle. Aber es stehen auch noch viele andere Topsportlerinnen auf der Liste …

Gar keine Vorahnung? Gar keine Signale aus Baden-Baden?

  • Brennauer: Nein, gar nichts. Und ich weiß in dem Fall auch nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist. Aber für mich wird es so oder so ein toller Abend.

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Fotos von Deutschlands "Sportler des Jahres" 2021

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Es liegt ein außergewöhnliches Jahr hinter Ihnen. Höhepunkt: Der Olympiasieg auf der Bahn in der Mannschaftsverfolgung. Für die meisten Sportler gibt es kein größeres Ziel. Was hat sich für Sie nach dem Gewinn der Goldmedaille in Tokio verändert?

  • Brennauer: Ich bin auf jeden Fall noch immer die Alte. Aber ich habe schon gemerkt, dass ich in die letzten Wettkämpfe der Saison mit einer größeren Gelassenheit reingegangen bin und mir gedacht habe: Das Allergrößte habe ich ja schon erreicht. Ansonsten merkt man, dass es sehr viele Leute mitbekommen haben. Ich bekomme total viele Briefe. Ich durfte an vielen tollen Veranstaltungen teilnehmen und viele Leute kennenlernen – den Bundespräsidenten zum Beispiel. Das waren schon Momente, die was mit einem machen. Beruflich habe ich auch neue Perspektiven bekommen, wobei ich nicht glaube, dass die in erster Linie etwas mit meinem Olympiasieg zu tun haben.

Welche Perspektiven sind das?

  • Brennauer: Ich bin Berufssoldatin geworden. Das empfinde ich schon als Wertschätzung dafür, was ich erreicht habe.

Sie waren ja Zeitsoldatin. Und dann ruft jemand an und fragt, ob man Berufssoldatin werden möchte?

  • Brennauer: Nein, das läuft wie bei jedem anderen Soldaten. Man reicht Unterlagen ein, dass man einen Statuswechsel anstrebt. Man bewirbt sich sozusagen. Und das ist eine große Nummer, etwas Besonderes.

Nach Ihrer Rückkehr aus Tokio sind Sie noch jede Menge Rennen gefahren. Viele andere Olympiateilnehmer pausieren und berichten von einem tiefen Loch, in das sie gefallen sind …

  • Brennauer: Ich kann das sehr gut nachvollziehen, weil das eine sehr intensive Zeit war. Auch weil es durch die Verschiebung noch ein Jahr mehr Vorbereitung und Training waren. Ich hatte natürlich auch den großen Fokus auf Olympia, mir aber auch vorher und nachher Ziele gesetzt. Vorher, weil ich das für den Kopf gebraucht habe und auch, weil das den Druck etwas verkleinert hat. Und nachher, weil da noch so tolle Events waren, die ich mir auf keinen Fall entgehen lassen wollte. Ich wollte einfach noch mal richtig mitmischen bei WM und EM.

Trotz des vollen Terminkalenders war es also mehr Spaß als Anstrengung?

  • Brennauer: Der Druck war halt weg. Gleichzeitig war meine Form riesig. Die ist ja nach Olympia nicht einfach weg und ich habe gemerkt: Hey, ich kann ja auch noch Weltmeisterin werden. Das Coole ist die Leichtigkeit, mit der ich rangegangen bin. Man genießt die ganze Sache dann auch ein bisschen mehr.

Lässt sich diese Lockerheit noch ein bisschen konservieren oder müssen Sie auch mal pausieren?

  • Brennauer: Ich habe in den vergangenen Wochen gemerkt, wie viel Energie mich das alles gekostet hat. Dass ich nach Olympia nicht alle viere von mir gestreckt und stattdessen durchgezogen habe. Es hat sehr lange gedauert, bis ich runtergekommen bin und gemerkt habe, dass ich so langsam entspannt bin und auch mal zurückblicken kann.

Haben Sie die ganzen Ereignisse schon verarbeitet?

  • Brennauer: Das weiß ich nicht. Sicher ist, dass ich jetzt wieder angekommen bin und durchschnaufen kann. Und ich bin bereit für neue Aufgaben. Ich war gerade im Trainingslager in der Toskana und es hat schon wieder sehr viel Spaß gemacht, mit dem Team zu fahren.

Für einen Olympiasieg gibt es in Deutschland 20.000 Euro. Ein Betrag, den mancher Fußballer an einem Tag verdient. Fühlen Sie sich und Ihre Leistung richtig gewürdigt?

  • Brennauer: Das Medieninteresse war schon sehr groß nach Tokio. Ich habe sehr viele Interviews gegeben. Das hilft natürlich weiter und steigert die Aufmerksamkeit. Ich fühle mich auf jeden Fall nicht zu gering geschätzt. Ich weiß, dass es in anderen Ländern ganz andere Beträge gibt für einen Olympiasieg. Dafür werden die Sportler bei uns langfristiger gefördert. Ich bin froh, dass ich die Bundeswehr als großen Unterstützer habe. Und dann habe ich natürlich auch mein Team, das mich sehr unterstützt.

Und Ihre Heimatgemeinde Durach lässt ein Grundstück springen …

  • Brennauer: (Lacht.) Davon weiß ich noch nichts. Es gab ja schon diesen ganz tollen Empfang. Und die wollen auch noch was machen, aber ich weiß nicht genau, was.

Bilderstrecke

Olympia-Gold-Empfang für Lisa Brennauer in Durach

Eine Ehrentafel?

  • Brennauer: Vielleicht. Ich glaube, da wird noch heftig diskutiert. Es ist ja auch total schwierig, dazu selbst was zu sagen. Ich bin einfach mal gespannt. Und ich weiß, dass die Duracher hinter mir stehen.

In etwas mehr als zweieinhalb Jahren stehen in Paris schon die nächsten Olympischen Spiele an. Haben Sie das für sich schon als Ziel ausgegeben?

  • Brennauer: Das ist ehrlich gesagt noch total weit weg für mich. Zweieinhalb Jahre fühlen sich wie eine Ewigkeit an, das kann ich mir noch nicht vorstellen. Ich muss mir auf jeden Fall kurzfristigere Ziele setzen.
    Lisa Brennauer präsentiert stolz ihre Olympische Goldmedaille.
    Lisa Brennauer präsentiert stolz ihre Olympische Goldmedaille.
    Bild: Ralf Lienert (Archivbild)

Sind Sie froh, dass Sie keine Wintersportlerin sind und jetzt nach Peking zu den Winterspielen müssen?

  • Brennauer: Schwierige Frage. Denn was wollen wir als Athleten? Unsere Leistung unter Beweis stellen, Ziele erreichen. Ich hoffe, dass die Athleten, die an den Winterspielen teilnehmen, ihre Ziele erreichen können. Und dass es vor Ort so abläuft, dass sie sich im Rückblick freuen können, Teil davon gewesen zu sein.

Wie sollten die Sportler mit den schwierigen politischen Rahmenbedingungen in China umgehen?

  • Brennauer: Das ist immer schwierig. Egal, welche Missstände herrschen, man kann nicht einfach ignorieren, was in der Welt passiert. Klar wäre es befreiter, wenn man einfach nur seinen Sport machen könnte. Ich wünsche den Athleten trotzdem, dass sie den Fokus auf den Wettkampf richten und ihre Leistung bringen können.

Ein weiteres unangenehmes Thema, das speziell den Radsport begleitet, ist das Thema Doping. Ist Ihnen und Ihrer Leistung auch schon mit Misstrauen begegnet worden?

  • Brennauer: Es ist mir schon passiert, dass ich auf Doping angesprochen wurde. Damit hatte meine Sportart lange genug zu kämpfen. Ich muss aber auch sagen, dass sich der ganze Sport und das Kontrollsystem dahinter weiterentwickelt haben. Dieses Misstrauen hat sich meiner Meinung nach verringert. Durch jeden Erfolg, der auf saubere Weise erzielt wird, kann man dazu beitragen, dass das Misstrauen weiter schmilzt. Es ist viel passiert im Anti-Doping-Kampf. Ich glaube aber auch, dass sich das Bewusstsein in den Köpfen zum Thema Doping verändert hat.

Müssten Großereignisse nicht deutlicher entzerrt werden, damit nicht wieder Zweifel aufkommen, wie in so kurzer Zeit derart unmenschliche Leistungen vollbracht werden können?

  • Brennauer: Ich bin eh kein Freund von „immer höher, immer weiter“. Das macht den Wettkampf nicht interessanter. Im Gegenteil: Wenn die Rennen halt nicht 160 Kilometer lang sind oder keine 3000 Höhenmeter haben, kommt vielleicht eine ganz andere Dynamik zustande. Für die Zuschauer ist es doch viel interessanter, wenn sie nicht stundenlang ein Feld vor sich herrollen sehen, sondern wie attackiert wird, wie Lücken geschlossen werden und wie die anderen darauf reagieren. Das wäre für mich die Zukunft.

Fühlen Sie sich als Radsportlerin eigentlich gleichberechtigt mit Ihren männlichen Kollegen?

  • Brennauer: Wir sind noch nicht da, wo der Frauenradsport sein will und wo er hingehört. Aber es hat sich in den letzten Jahren schon viel in die richtige Richtung entwickelt. Die Medienpräsenz ist einfach noch zu gering. Man sieht uns im Fernsehen viel zu selten. Online findet man uns immer irgendwo, aber damit erreichen wir nicht die breite Masse.

Die Skispringerinnen kämpfen um eine eigene Vierschanzentournee …

  • Brennauer: … und wir haben um die Tour de France gekämpft. Erfolgreich. Nächstes Jahr wird es acht Tage durch Frankreich gehen – unmittelbar im Anschluss an die Männer. Das ist ein richtiger Booster für uns Frauen. Aber ich erinnere mich auch noch an meine Anfänge. Da sind die meisten Fahrerinnen noch arbeiten gegangen und haben das Radfahren so nebenher gemacht.

Und heute?

  • Brennauer: Jetzt gibt’s Mindestlohn, Konzepte für Mutterschutz, etliche Männer-Teams, die auch Frauen-Mannschaften gründen. Aber klar, das muss sich jetzt alles erst mal etablieren.

Stichwort Mutterschutz. Entschuldigen Sie die Indiskretion, aber wie sieht eigentlich Ihre Familienplanung aus – mit 33 Jahren?

  • Brennauer: Nette Überleitung (lacht). Generell ist es schon so, dass meine Zukunft auf jeden Fall Familie und Kinder beinhaltet. Aber ich habe mir ehrlich gesagt bislang nicht vorstellen können, nach einer Babypause wieder weiterzumachen mit dem Radfahren. Das ist ein ganz persönliches Lebenskonzept. In Großbritannien funktioniert das bei Lissy Deignan und Laura Kenny zum Beispiel richtig gut. Cool, dass so etwas heute möglich ist. Für mich war immer klar, dass ich einen Schlussstrich unter den Profiradsport ziehen würde, wenn das Thema Nachwuchs spruchreif wird.

Wie sieht Ihr Weihnachtsfest aus?

  • Brennauer: Heiligabend und ersten Weihnachtsfeiertag verbringe ich heuer bei den Eltern meines Freundes in Templin, das ist nördlich von Berlin. Danach geht’s zu meinen Eltern ins Allgäu. Ich freu’ mich drauf, nach diesem langen und aufregenden Jahr jetzt mal länger zu Hause zu sein bei der Familie und es mir gut gehen zu lassen. Ich werde auch Anfang Januar noch zu Hause sein und dann erst Mitte des Monats wieder in ein Trainingslager gehen.

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