Interview

Mandoline: Seltener Gast beim Festival Vielsaitig in Füssen

Die Mandoline ist Avi Avitals erstes und bis heute liebstes Instrument. Sein aktuelles Exemplar stammt vom israelischen Geigenbauer Arik Kerman – keine unwichtige Information für ein Festival in der Geigenbauerstadt Füssen.

Die Mandoline ist Avi Avitals erstes und bis heute liebstes Instrument. Sein aktuelles Exemplar stammt vom israelischen Geigenbauer Arik Kerman – keine unwichtige Information für ein Festival in der Geigenbauerstadt Füssen.

Bild: Zohar Ron

Die Mandoline ist Avi Avitals erstes und bis heute liebstes Instrument. Sein aktuelles Exemplar stammt vom israelischen Geigenbauer Arik Kerman – keine unwichtige Information für ein Festival in der Geigenbauerstadt Füssen.

Bild: Zohar Ron

Das Instrument eignet sich für die Musik von Bach ebenso wie für aktuellen Jazz nahöstlicher Art, sagt Avi Avital. Er beherrscht es meisterhaft - was er demnächst in Füssen beweisen wird.

22.08.2020 | Stand: 08:27 Uhr

Als sich ein Nachbar Avi Avitals, ein renommierter Mandolinist, ein neues Instrument kaufte, überließ er dem Jungen sein altes. Das war der Beginn einer Weltkarriere. Ausgebildet an der Jerusalem Music Academy und dem Conservatorio Cesare Pollini in Padua tritt Avital auf renommierten Bühnen von New York bis Peking auf und wurde als erster Mandolinist überhaupt für den Grammy Award notiert. Am 27. August gastiert der 41-jährige Israeli mit dem Jazzpianisten Omer Klein beim Festival „Vielsaitig“ im Kaisersaal des Füssener Barockklosters St. Mang. Auf seine Reise ins Allgäu freut er sich schon sehr, sagt Avi Avital im Gespräch mit unserer Zeitung.

Herr Avital, Sie spielen Mandoline seit Sie acht Jahre alt sind. Warum sind Sie bei ihr geblieben?

Avi Avital: In meiner Nachbarschaft gab es einen Mandolinisten. Das war meine erste Begegnung mit dem Instrument und der Musik überhaupt. Als ich aufwuchs, bin ich mit anderen Instrumenten in Berührung gekommen und habe mich für verschiedene Genres interessiert. Aber irgendetwas hat mich immer zurück zur Mandoline gebracht als meinen Ausgangspunkt, meinem Zuhause und meiner Basis.

Hier und heute kennt man die Mandoline hauptsächlich als Instrument für mediterrane Folklore. Aber Sie zeigen, dass man sie genauso für klassische Musik, Jazz und viele andere Stile verwenden kann.

Avital: Das Schöne an der Mandoline ist, dass sie jedem vertraut ist, und doch unbekannt. Die Mandoline ist zudem ein sehr populäres Instrument, wobei sie in verschiedenen Ländern für verschiedene Musikgenres genutzt wird. In Amerika zum Beispiel ist sie die Basis für Bluegrass, in Brasilien wird sie für Choro verwendet, eine Art Volksmusik. Schaut man auf die ganze Familie der Zupfinstrumente, also auch die Balalaika, die Gitarre, die Bouzouki und so weiter, sieht man, dass jede Folklore etwas gemeinsam hat, eine Tradition, die von den Zupfinstrumenten herrührt.

Aber es gibt auch klassische Stücke für die Mandoline?

Avital: Nicht so viele. Die klassischen Komponisten haben sie nicht als Standardinstrument verwendet. Wenn sie eine Mandoline einsetzten, hatte das einen Grund, etwa um etwas Bestimmtes zu symbolisieren wie Vivaldi oder auch Mozart in der Oper Don Giovanni. Die Mandoline steht dort für einen Charakter.

Für ihr Konzert in Füssen haben Sie die Partita Nr. 2 für Violine solo von Johann Sebastian Bach ausgesucht. Warum?

Avital: Schon immer spiele ich Musik, die ursprünglich nicht für die Mandoline, sondern für andere Instrumente geschrieben wurde. Mein ganzes Leben lang spiele ich Bach und werde das auch künftig tun.

Sie treten zusammen mit dem Jazzpianisten Omer Klein auf. Spielen Sie häufig zusammen?

Avital: Wir haben unsere gemeinsame Zeit vor etwa zehn Jahren begonnen und bei verschiedenen Projekten zusammengearbeitet. Die Idee, als Duo aufzutreten, ist trotzdem noch frisch. Wir kommen aus zwei verschiedenen Welten, dem Jazz und der Klassik. Aber für uns ist die Verbindung sehr natürlich, weil wir die gleiche Haltung zur Musik haben und denselben Hintergrund. Uns verbindet eine ähnliche Basis, Leidenschaft und Verständnis für Musik.

In Ihrem Konzert in Füssen werden wir neben der Bach-Partita Lieder aus Israel, Jazz und Improvisationen hören. Wie passt das alles zusammen?

Avital: Das Konzert ist in zwei Teile aufgeteilt. In einem werden Omer und ich Musik spielen, die wir selbst geschrieben haben, vor allem Omer Klein. Ein Stück ist von mir, dazu kommen einige vom Jazzbassisten Omer Avital, einem guten Freund. Diese Musik wird von unsrem Ursprung beeinflusst wird. Es ist eine neue nahöstliche Instrumentalmusik. Im zweiten Teil stellen wir unsere jeweilige Arbeit gegenüber. Ich spiele Bach ganz werkgetreu, ohne auch nur eine Note zu ändern, Omer reagiert darauf mit seiner eigenen Musik, als Kontrast zu Bach. Wir spielen so, als würden wir uns gegenseitig vorspielen.

Wie reagieren die Zuhörer, wenn Sie Bach oder Vivaldi auf der Mandoline spielen?

Avital: Das Publikum hat großen Appetit, solche Sachen zu erleben. Wir gehen alle gerne in Konzerte, um die gleichen Klavier-Serenaden oder Brahms-Sinfonien zu hören. Aber neben der klassischen Tradition gibt es auch eine Tradition der Innovation. Es gibt Raum für Menschen, die zu einem Konzert kommen, um etwas zu hören, dass sie nie zuvor gehört haben. Ich bin glücklich, das Privileg zu haben, dem Publikum etwas Neues zu bieten.

Sie werden in Füssen ein kleines Publikum haben, aber eines, das an Neuem sehr interessiert ist. Waren sie eigentlich schon einmal in Füssen?

Avital: Nein, noch nicht. Ich habe gerade bei Google Maps nachgeschaut und sehr schöne Bilder gesehen. Ich liebe Bayern und freue mich wirklich sehr auf Füssen.

Vielleicht auch um Schloss Neuschwanstein zu sehen?

Avital: Ja, das ist genau mein Plan.

Wie kommt es, dass Sie in Berlin leben?

Avital: Ich bin in Israel geboren und aufgewachsen. In meinen Zwanzigern bin ich nach Italien gegangen, um eine internationale Karriere zu beginnen und das Leben anderswo kennenzulernen. In meinen Dreißigern beschloss ich, nach Berlin zu gehen. Die dortige Szene sah sehr attraktiv und voller Energie aus. Das war für mich sehr verlockend. Dort passierte etwas ganz Neues. Das hat mich an diesem Punkt meiner Entwicklung sehr angezogen, und inzwischen ist Berlin mein zweites Zuhause geworden.

Haben sich Ihre Hoffnungen erfüllt, mit anderen Künstlern und der Musikindustrie in Kontakt zu kommen?

Avital: Absolut. Ich glaube, das hat mein Leben genau so beeinflusst, wie ich es vorhergesehen und erhofft hatte. Ich habe mich viel mit anderen Künstlern ausgetauscht und von der Stadt und dem Land beeinflussen lassen, das Musiker aus anderen Kulturen sehr willkommen heißt. Die große Bandbreite der Kultur ist wirklich unglaublich.

Und Sie geben auch in Covid-19-Zeiten Konzerte?

Avital: Ich bin froh, dass ich mit mittlerweile acht Konzerten fast wieder einen normalen Monat habe. Im Herbst gibt es weitere Konzerte, jedoch nur in Europa; meine Auftritte und Tourneen in Nordamerika und Asien wurden abgesagt. Aber in Deutschland und einigen Nachbarländern gibt es große Bemühungen, Kultur wieder zu veranstalten.