Geschichte

Aufsehenerregendes Theater: Wie 1939 ein Stück in Obergünzburg Premiere feierte

Im Heimatmuseum Obergünzburg steht ein Modell der Burg Liebenthann. Während des Bauernkrieges 1525 suchte der Fürstabt von Kempten Zuflucht auf der Burg.

Im Heimatmuseum Obergünzburg steht ein Modell der Burg Liebenthann. Während des Bauernkrieges 1525 suchte der Fürstabt von Kempten Zuflucht auf der Burg.

Bild: Hermann Knauer

Im Heimatmuseum Obergünzburg steht ein Modell der Burg Liebenthann. Während des Bauernkrieges 1525 suchte der Fürstabt von Kempten Zuflucht auf der Burg.

Bild: Hermann Knauer

1939 feiert das Stück „Die Erstürmung von Liebenthann" Premiere in Obergünzburg. Hinter den Kulissen hatte das NS-Regime ein Auge auf alle Mitwirkenden.
11.05.2022 | Stand: 05:30 Uhr

Vor 83 Jahren fand im Hirschsaal in Obergünzburg (Ostallgäu) eine besondere Premiere statt: „Die Erstürmung von Liebenthann“ hieß das Theaterspiel, das am 13. Mai 1939 uraufgeführt wurde. Das Stück in vier Akten von Matthias Sepp aus Unterthingau entführte die Zuschauer zurück ins Jahr 1525, als ein Bauernkrieg wütete und Bauern aus Obergünzburg die Burg Liebenthann belagerten. Was im Mai 1939 noch schauspielerisch auf der Bühne dargestellt wurde, sollte ein paar Monate später traurige Wirklichkeit werden. Der Zweite Weltkrieg brach aus. (Lesen Sie dazu auch: Als Obergünzburgs Glocken für Waffen eingeschmolzen werden sollten)

Die Schauspieler mussten von arischer Abstammung sein

Unter dem nationalsozialistischen Regime war es mit erheblichem Aufwand verbunden, ein Theaterstück auf die Bühne zu bringen. 1939 musste die Uraufführung das Staatsministerium für Unterricht und Kultus genehmigen. Und die Genehmigung wurde nicht ohne Weiteres erteilt – alle Mitwirkenden wurden vorher kontrolliert. Dies schrieb das Theatergesetz vor. So bezeugt die Zulassungsurkunde des damaligen Landratsamtes Markt Oberdorf, dass die Beteiligten auf ihre deutsche Reichsangehörigkeit und arische Abstammung überprüft wurden. Es wurde auch sichergestellt, dass die Spieler nach bester künstlerischer und sittlicher Überzeugung im Bewusstsein nationaler Verantwortung handeln.

Im Jahr 1939 waren nicht nur die Obergünzburger erstaunt

Die Uraufführung des historischen Heimatstücks durch die Ortsgemeinschaft fand am 13. Mai 1939 im Obergünzburger Gasthof Hirsch statt. Es sollten noch vier weitere Aufführungen im vollbesetzen Hirschsaal folgen. Das Stück erregte seinerzeit großes Aufsehen: Es bot den Zuschauern ein aufregendes Geschehen auf der Bühne mit mehr als 30 Akteuren unter der Spielleitung von Anton Nauer und der Mitwirkung des Obergünzburger Salonorchesters unter Georg Reiter mit 15 Musikern. Die ausgesprochen hochkarätige Besetzung des Theaterstückes weckte weit über die Ortsgrenzen hinaus das Interesse der Bevölkerung.

Der Obergünzburger Hirschsaal war voll besetzt

Liest man auf dem Programm-Plakat die Namen der damaligen Mitwirkenden auf der Bühne, kann heute nur die ältere Bevölkerung von Obergünzburg noch ermessen, wie wohl die einzelnen Frauen und Männer ihre Rollen in Figur und Sprache verkörperten. Da sind Obergünzburger Originale im besten Sinne des Wortes dabei, deren Name allein schon Programm ist. Würde es von damals Foto- oder Filmaufnahmen geben und heute vorgeführt werden, wäre der Hirschsaal ganz bestimmt so überfüllt, wie bei den Bierabenden des Blasorchesters oder den Theateraufführungen der Kolpingfamilie in der heutigen Zeit.

Insgesamt waren mit den damaligen Schauspielern, der Spielleitung, Souffleusen, Kostümverleih, Presse, Musik, Schminken, Theaterbau, Feuerwehr, Kasse, Platzanweiser, Bühnenelektrik, Rollenvervielfältigung jeden Aufführungsabend 69 Personen beschäftigt. Insgesamt haben laut Abrechnungsunterlagen 1379 Besucher die fünf Aufführungen gesehen. Ein wahres Spektakel, an das man sich auch noch über 80 Jahre später erinnert.

Lesen Sie auch
##alternative##
Gedenken

So wird Obergünzburgs berühmter Kirchenmaler Kaspar gefeiert

Lesen Sie dazu auch: Gasthof zum Engel in Obergünzburg: Diese bewegte Geschichte steckt hinter dem Haus

Für nur 0,99 € einen Monat alle exklusiven AZ Plus-Artikel auf allgaeuer-zeitung.de lesen
Jetzt testen
Ausblenden | Ich habe bereits ein Abo.