Positiv-Beispiel im Ostallgäu

Hapert es an der Kontrolle? Vogelschützer kritisieren Ausgleichsflächen

Auf einer Ausgleichsfläche in Biessenhofen (Kreis Ostallgäu) entsteht eine Auenlandschaft. Dort wachsen mehrere Baumarten, unter anderem Eschen und Traubenkirschen.

Auf einer Ausgleichsfläche in Biessenhofen (Kreis Ostallgäu) entsteht eine Auenlandschaft. Dort wachsen mehrere Baumarten, unter anderem Eschen und Traubenkirschen.

Bild: Mathias Wild

Auf einer Ausgleichsfläche in Biessenhofen (Kreis Ostallgäu) entsteht eine Auenlandschaft. Dort wachsen mehrere Baumarten, unter anderem Eschen und Traubenkirschen.

Bild: Mathias Wild

Viele Flächen, die als Ausgleich für Bauprojekte dienen sollen, sind laut einer Untersuchung von Vogelschützern in einem schlechten Zustand. Doch nicht alle.
02.11.2021 | Stand: 20:13 Uhr

Eigentlich sollte es über ganz Bayern verteilt eine Vielzahl an artenreichen Naturflächen geben, die als Ausgleich für Versiegelungen entstehen. Doch Untersuchungen, die der Landesbund für Vogelschutz (LBV) Anfang des Jahres in Auftrag gegeben hatte, zeigen offenbar ein anderes Bild: Einige Ausgleichsflächen befinden sich laut dem Verband in mangelhaftem Zustand. Beauftragte Fachleute untersuchten etwa 80 Flächen im Freistaat und stellten sowohl Erfolge als auch Missstände fest. Ein Positivbeispiel findet sich im Ostallgäu: Die angehende Auenlandschaft in Biessenhofen, die als Ausgleich für eine Bebauung im Ortsteil Ebenhofen entstand. Auf der Kompensationsfläche an der B 12 finden sich ein ehemaliger Flussarm der Wertach sowie verschiedene Baumarten. (Lesen Sie auch: Kaiserweiher in Kaufbeuren: Wie das Juwel für Amphibien-Fans geschützt werden soll)

Besonders gute und schlechte Beispiele für Ausgleichsflächen

Doch so vorbildlich wie dort geht es laut LBV nicht überall zu. „In vielen Fällen weisen die Ausgleichsflächen nur eine unzureichende Qualität auf oder werden gar nicht realisiert“, sagt LBV-Projektleiterin Marianne Kunkel. In manchen Fällen würden die Flächen auch für die landwirtschaftliche Nutzung beansprucht oder es wachse durch unzureichende oder falsche Pflege nur artenarmer Rasen. Um die Diskrepanz aufzuzeigen, präsentieren die Fachleute in ihrem Bericht zehn besonders gute und genauso viele schlechte Beispiele für den Umgang mit Ausgleichsflächen. „Die zum Teil immensen Missstände und Versäumnisse bei der Umsetzung der gesetzlichen Verpflichtungen wird der LBV nicht weiter hinnehmen“, sagte Vorsitzender Dr. Norbert Schäffer.

Hoher Flächendruck im Allgäu

Durchaus kritisch sieht Armin Holderried, Ostallgäuer Kreisvorsitzender des bayerischen Gemeindetags, die Ausgleichsflächen. „Ich halte die Regelung für bedingt sinnvoll“, sagt der Bürgermeister von Mauerstetten. Der Flächendruck sei hoch. „Man kann nicht fordern, mehr Wohnraum zu schaffen und gleichzeitig Ausgleichsflächen dafür verlangen“, sagt Holderried. Die Gemeinde Mauerstetten beispielsweise legte für ihre bebauten Flächen Ausgleichsflächen im Unterallgäu an, um die sich der Landschaftspflegeverband kümmere. Ein bis zweimal jährlich schaue er dort vorbei, sagt der Bürgermeister. „Viele Gemeinden wären wohl froh, wenn es die Regelung mit den Ausgleichsflächen nicht gäbe“, sagt Holderried. Dennoch sei er davon überzeugt, dass die meisten die festgesetzten Entwicklungsziele nachhaltig verfolgen. (Lesen Sie auch: Baugenossenschaft: „Wir könnten jede Wohnung gleich noch einmal vermieten“)

„Es hat keinen Sinn, wenn die Gemeinden den Ausgleich umsetzen und sich dabei selbst auf die Finger klopfen sollen“, sagt Helmut Scharpf, Vorsitzender der Kreisgruppe Memmingen-Unterallgäu des Bundes Naturschutz. Es fehle an Kontrollen und Sanktionen. Der Vorschlag des Vorsitzenden: „Erfüllt eine Gemeinde ihre laut Bebauungsplan notwendige Verpflichtung zum Ausgleich nicht, dann bekommt sie einstweilen keine Genehmigung für weitere Eingriffe.“

Naturschutzbund fordert effektivere Kontrollen der Ausgleichsflächen

Diese Forderung stellte Scharpf auch in einem Schreiben an Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) im Februar 2021. Im Antwortschreiben des Ministers steht, dass vom Landesamt für Umwelt (LfU) unter anderem ein Handlungsleitfaden erarbeitet worden sei, der „Hilfestellungen zur Durchführung effektiver Kontrollen von Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen geben soll“. Im Schreiben wird aber darauf verwiesen, dass die Verantwortung dafür bei den Genehmigungsbehörden liege. Es sei nicht vorgesehen, dass die Naturschutzbehörden die Kommunen beaufsichtigen. Vielmehr komme diesen „lediglich eine unterstützende Rolle zu“. Helmut Scharpf befürchtet, dass das Konzept der Ausgleichsflächen bald durch Ausgleichszahlungen ersetzt werden könnte. „Es kann nicht sein, dass wir beim Naturschutz jedes Mal zur Seite schauen.“

Was sind Ausgleichsflächen?

  • Grundsatz: Werden durch Bauprojekte Lebensräume zerstört, müssen dafür Flächen an anderer Stelle ökologisch aufgewertet werden.
  • Verantwortung: Für die Umsetzung und Kontrolle der Ausgleichsflächen ist diejenige Behörde verantwortlich, die den Eingriff genehmigt hat.
  • Studie: Anfang 2021 beauftragte der Landesbund für Vogelschutz (LBV) vier Planungsbüros, 80 Ausgleichsflächen in Bayern zu überprüfen.
  • Umsetzung: Laut dem LBV wird jede vierte Ausgleichsfläche überhaupt nicht umgesetzt.
  • Zustand: Etwa die Hälfte der Ausgleichsflächen in Bayern befindet sich nach Angaben des LBV in einem mangelhaften Zustand.
  • Meldung: Die zuständigen Genehmigungsbehörden müssen die Ausgleichsflächen an das Landesamt für Umwelt (LfU) melden.

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