Gastronomie

Das Ostallgäu à la carte genießen

Ein Allgäuer Frühstück mit Konzept: Wirt Daniel Kinast hat im Gasthof Engel in Pfronten-Kappel ein Frühstück zusammengestellt, das die Region zum Genusserlebnis macht.

Ein Allgäuer Frühstück mit Konzept: Wirt Daniel Kinast hat im Gasthof Engel in Pfronten-Kappel ein Frühstück zusammengestellt, das die Region zum Genusserlebnis macht.

Bild: Vitalis Held

Ein Allgäuer Frühstück mit Konzept: Wirt Daniel Kinast hat im Gasthof Engel in Pfronten-Kappel ein Frühstück zusammengestellt, das die Region zum Genusserlebnis macht.

Bild: Vitalis Held

Die Genusstage im Ostallgäu gehen vom 2. bis 11. Oktober in die zweite Runde. Gutes, regionales Essen steht im Mittelpunkt.  Doch es gibt  ein größeres Ziel
26.09.2020 | Stand: 18:15 Uhr

Das Corona-Virus hat bei vielen Menschen das Bewusstsein für regionale Produkte gesteigert. So jedenfalls erlebt es Bio-Landwirt Severin Schmölz aus Seeg, wenn er Woche für Woche auf dem Wochenmarkt in Füssen seine Fleisch- und Wurstwaren sowie Käse verkauft: „Die Nachfrage ist gestiegen.“ Die Rückmeldungen der Kunden seien positiv. Leidenschaftlich plädiert Schmölz an diesem Vormittag für eine Bio-Landwirtschaft, die auf Pestizide verzichtet, kein wertvolles Getreide als Tierfutter verwendet und eben auf die Ressourcen der Region zurückgreift. Der Demeter-Bauer ist an diesem Tag ein Vertreter des Bauernstandes, der für die „Genusstage im Schlosspark“ wirbt.

Vom 2. bis 11. Oktober stellt diese Aktion vor allem die Regionalität in den Mittelpunkt, diese gehe oft, aber nicht immer mit Bio einher, erklärt Landrätin Maria Rita Zinnecker im Gasthaus Engel in Pfronten-Kappel. Für die Genusstage versucht Regionalmanagerin Jana Betz bereits zum zweiten Mal, Landwirte, Lebensmittelhersteller und Gastronomen aus der Region zusammenzubringen. Mit zunehmendem Erfolg. Denn zum einen wurde die Aktion von vier Tagen im vergangenen Jahr auf heuer zehn Tage verlängert, zum anderen machen deutlich mehr Gaststätten (22 statt 16) und Landwirte sowie Hersteller mit (28 statt 22).

Ziel ist es aber nicht nur, bei den Gästen im Wirtshaus den Gaumen mit regionalem Genuss zu verwöhnen. Anliegen der Landrätin ist auch die Vernetzung. Dies passe sehr gut zur Ökomodellregion Ostallgäu – immerhin sind 17 von 28 beteiligten Produzenten und Landwirten Biobetriebe. Insgesamt wirtschaften im Ostallgäu 491 Landwirte biologisch – knapp ein Fünftel aller Höfe im Landkreis. Mit einer Fläche von 18 175 Hektar im Ökolandbau steht das Ostallgäu bayernweit mit Abstand ganz oben – gefolgt vom Oberallgäu mit 15 392 Hektar.

Was Vernetzung konkret bedeutet, zeigt sich am Ort des Pressegesprächs: Daniel Kinast hat im Mai 2019 den Gasthof Engel in Pfronten-Kappel übernommen. Anspruch des jungen Wirts: Ein bodenständiges Gasthaus führen, in dem es ein regionales, vielseitiges, ehrliches, selbst gemachtes und ausgefallenes Angebot gibt. Bevorzugt in Bio-Qualität. Ergänzt wird dies durch einige Hostel-Zimmer für Übernachtungsgäste.

Am besten gelingt ihm die Vernetzung bisher beim Frühstück: Honig, Bio-Rinderschinken und Käse aus Seeg liegen neben konventionellem Schweineschinken aus Nesselwang und Königswinkel-Käse auf dem Brett, das Ei stammt aus Seeg, der Kaffee wurde in Aitrang geröstet, die Marmelade selbst eingekocht. Auch sonst findet man bei Kinast viele Produkte aus der Region auf der Karte: Beispielsweise Bio-Bier aus Nesselwang, das man zusätzlich zum Bier der Stammbrauerei ausschenken darf, Weinschorle aus Marktoberdorf, Limonade aus Leutkirch, Eis aus Isny.

Landrätin Zinnecker hofft, dass angesichts solcher Köstlichkeiten nach den corona-bedingten Einschnitten die „Sehnsucht groß ist nach unseren Gaststätten und den heimischen Produkten“. Hier arbeiten Hersteller von biologischen und konventionellen Lebensmitteln Hand in Hand, lobt Dr. Paul Dosch, Leiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Er hat festgestellt, dass Gastronomen oft einfach nicht wissen, dass im Nachbardorf jemand genau die Spezialität produziert, die ihre Speisekarte bereichern kann. Hier werde der Landkreis mit den Genusstagen zum Türöffner, der neue Lieferbeziehungen und Wertschöpfungen ermögliche.

Ein Beispiel ist auch das Wildschwein-Cordon-Bleu, das der Gasthof zur Krone in Weicht während der Genusstage auf der Speisekarte hat: Das Wildschwein stammt aus heimischer Jagd, der Schinken von einem Biohof in Stötten, der Käse aus Hopferau-Lehern, das Mehl liefert die Buchloer Kunstmühle, die Eier kommen aus Oberostendorf, das Blaukraut vom Grasser-Hof in Aitrang und die Aroniabeeren wachsen in Buchloe.

Die Genusstage machen zudem auf die Arbeit der Produzenten aufmerksam. Dafür öffnen einige Beteiligte in der Aktionswoche extra ihre Betriebe. So bescherten sie auch dem Honigdorf Seeg mit seiner Erlebnis-Imkerei neue Interessenten für die Führungen. Dorthin kommen immerhin rund 5000 Gäste pro Jahr. Und nach den Genusstagen im vorigen Jahr bahnt sich eine neue Kooperation an: Die Schnapsbrennerei Waldbrand in Wald plant einen Whiskey mit Honig aus Seeg. Auch ein Honigbier ist im Entstehen, berichtet Imker Simon Nuscheler.

Vernetzung wird auch bei der Hofbesichtigung im Biolandbetrieb Schreyer in Stötten-Riedhof am Samstag 10. Oktober, erlebbar: Dort verkauft auch Severin Schmölz aus Seeg seinen Bio-Käse und der Biohof Samenfink aus Unterthingau besondere Kartoffelsorten.

Für die Tourismusregion im Schlosspark zwischen Buchloe und Neuschwanstein seien die Genusstage ebenfalls ein Gewinn, betonte Tourismusgeschäftsführer Robert Frei: Die Vision für den Ostallgäu-Tourismus, das Herz zu berühren und das Leben zu bereichern, finde im Genuss ganz besonders seinen Ausdruck. Er erinnerte daran, dass gerade Urlauber gerne regionale Küche in guter Qualität genießen.

In dieser Konstellation verstehe sich der Landkreis als Kümmerer, der die Leute zusammenbringe, bekräftigte Landrätin Zinnecker. Das Ostallgäu sei hier manchmal noch unterbewertet, aber es biete tolle Produkte mit regionaler Identität.