Marktoberdorf

Ein paar Stunden Frieden mitten im Krieg

Weihnachten 1944 Wie Anton Dolch das Fest erlebte und warum ihn eine fremde Frau einlud
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Von von Andreas Filke
23.12.2019 | Stand: 15:08 Uhr

„Einfach mal nur für sich, einfach mal abschalten. Der Krieg war da kein Thema. Bei der Familie konnte ich auf andere Gedanken kommen.“ Es war Weihnachten 1944. Die letzte Weihnacht im Zweiten Weltkrieg.

Flugzeuge warfen ihre Bomben ab. Sirenen heulten. Die Menschen flohen in die Luftschutzkeller. Zu ihnen gehörte Anton Dolch, der junge Fliegersoldat aus dem Markt Oberdorf. Dort in einem Bunker in Herzogenaurach saß nun der 21-Jährige. Er war gerade mit geschwollener Wange vom Zahnarzt gekommen. Eine Frau sah ihn und lud ihn ein, das Fest des Friedens, wie es genannt wird, bei ihrer Familie zu verbringen. Dolch nahm die Einladung liebend gern an.

Der Allgäuer hat zu der Zeit seinen Dienst auf einem Flugplatz in der Nähe versehen. Er war an dem Stützpunkt der einzige Funkmechaniker, der sich auch sonst in der Technik der Flugzeuge auskannte. Deshalb befand sich seine Unterkunft nicht in der Kompanie, sondern direkt im Nebenraum des Hangar. Immer einsatzbereit. Immer unter Anspannung.

Dabei hatte Dolchs Leben ganz beschaulich in Krottenhill bei Ingenried begonnen. Es gehört zu jener Zeit zum Bezirk Markt Oberdorf. Mit dem Sachsenrieder Bähnle tuckerte er nach dem Schulabschluss nach Kaufbeuren zum Onkel, der ihm während der Ausbildung in der Spinnerei und Weberei Momm eine Unterkunft bot. Eine Dampfmaschine trieb über eine Transmission Webstühle an. Erst als Mechanikerlehrling, dann als Betriebsschlosser sorgte er dafür, dass alles rundlief.

Entspannung fand er bei der Segelfliegergruppe Kaufbeuren. Mit 16 Jahren stieg er das erste Mal allein mit einem Gleiter in die Luft. In der Werkstatt des Vereins waren seine Fertigkeiten und sein Geschick geschätzt. Und Dolch fand immer mehr Gefallen am Fliegen. Als der Krieg ausbrach, war für ihn klar: „Ich wollte wegen der Fliegerei zur Wehrmacht.“

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Daraus wurde zunächst nichts. Am Fliegerhorst, damals Ausbildungsstelle der Luftwaffe, wurden zivile Mechaniker für die Flugzeugwerft gebraucht. Während die angehenden Piloten auf einer „Spatz“, einem Doppeldecker, das Einmaleins der Fliegerei erlernten, schraubten Dolch und Kollegen an Motoren der Jagdflieger Me 109 von Messerschmitt herum. Sie wurden angeliefert, zerlegt und wieder zusammengebaut. „Eine dreckige Arbeit“, erinnert sich Dolch. Ein Jahr arbeitet er dort, bis seiner Mannschaft die Frage gestellt wurde: Wer will Flugzeugelektriker werden? Dolch meldete sich und gehörte damit der Wehrmacht an.

Nach vierwöchiger Ausbildung folgte der Stellungsbefehl. „Wir mussten einrücken.“ Für ihn hieß das: Ab nach Belgien. Es war August 1942. Es ging nach Antwerpen-Deurne, wo die deutsche Luftwaffe den Zivilflughafen übernommen hatte. Einheiten von Jagd- und Kampfgeschwadern waren dort stationiert.

Nach kurzen Zwischenstationen in Frankreich und München wurde Dolch zur Jagdstaffel nach Helgoland verlegt, wo Ende der 1930er Jahre durch Sandaufspülungen auf der vorgelagerten Insel Düne ein Flugplatz gebaut worden war. Seine Aufgabe dort: Schäden an Batterieladeanlagen der Flugzeuge reparieren. Bis zum Wintereinbruch 1943 blieb Dolch dort, „bis die Startbahn gefroren war“.

An viele Einzelheiten erinnert er sich. Und wenn dem 96-Jährigen die Ereignisse nicht mehr sofort einfallen, blättert er in seinem blauen Soldbuch. Auf der ersten Innenseite ist ein Schwarzweiß-Foto des jungen Soldaten in Fliegeruniform mit Heftklammern fixiert. Auf den weiteren Seiten finden sich die mit Tinte geschriebenen und gestempelten Orte und Zeiten, wann er wo stationiert war.

Für Dolch ging es weiter nach Osnabrück zum Flugplatz eines Kampfgeschwaders. Es sollte das für ihn dramatischste Ereignis werden. Es ist der ausgehende Winter 1944. „Wir waren gerade aus der Werft raus und haben Frühstück gemacht.“ In der Nähe eines Grabens. Plötzlich ein Brummen am Himmel. Einer seiner Kameraden blickte nach oben, erspähte einen alliierten Bomber und schrie: „Der hat die Luken auf.“ Dolch und alle anderen springen in Windeseile in den Graben. Sekunden später „ging der Zauber los“. Die Bomben schlagen ein. Die Druckwelle tost über den Graben hinweg. Als sie heraus krabbeln, sehen sie das Ausmaß der Zerstörung, sehen die Toten und sehen: Dort, wo sie essen wollten, ist ein Bombentrichter. Die Baracke, in der Dolch arbeitete, steht nicht mehr. Alles ist vernichtet. „Ich hatte nur noch das, was ich am Leib hatte: Arbeitskittel und Stahlhelm.“ Das Erlebnis verfolgt Dolch bis heute.

Dolch wurde nach Hessental, einen Stadtteil von Schwäbisch-Hall, verlegt. Dorthin, wo sich die Endmontage der Me 262 befand – ein strahlgetriebener Jagdflieger, der erste serienmäßig hergestellte Düsenjäger der Welt. Später über Herzogenaurach führte der Weg des Soldaten nach Graz. Auf der Fahrt dorthin wurde der Zug beschossen.

Wenig später war der Krieg zu Ende. Dolch kam in den Besitz eines Pferdes, ritt zwei Tage und zwei Nächte – und wurde von Amerikanern aufgegriffen. Er geriet in Kriegsgefangenschaft, aus der er Ende Juni 1945 schon wieder entlassen wurde. Noch heute besitzt er das Entlassungspapier. Dolch schlug sich zu Fuß und per Fahrrad durch bis nach Peißenberg, wo ihn Onkel und Tante erst einmal aufpäppelten.

Später lernte er in Oberdorf seine Frau kennen, beide bekamen eine Tochter. Dolch arbeitete zunächst als Mechaniker, ehe er zum Traktorenhersteller Fendt wechselte. Seine Aufgabe: Zwei mit Holzgas betriebene Autos der Firma auf Benzin- und Dieselantrieb umzubauen. Auch mit diesen fuhr er die Chefs Hermann und Xaver Fendt sowie deren Familien. Dolch bildete sich zum Industriekaufmann fort und arbeitete in dieser Funktion bis zur Rente. Wenn er Zeit hatte, machte er das, womit sein Traum begonnen hatte: Segelfliegen.

Seit etlichen Jahren lässt er es ruhiger angehen. Als Luftgewehr-Schütze bei der FSG Marktoberdorf. Mit seinen 96 Jahren dürfte er einer der ältesten, wenn nicht sogar der älteste Wettkampf-Schütze in Bayern sein – und das ohne Brille.

In diesen Tagen ist er damit beschäftigt, seine Krippe aufzubauen. Er freut sich und denkt an seine Eltern. Denn die Figuren hat seine Mutter modelliert.

Dann und wann denkt er auch zurück an die letzte Kriegsweihnacht. Dort in Herzogenaurach. Was es zu Essen gab, weiß er nicht mehr. Nur eines weiß er noch: „Die hatten eine nette Tochter.“ Zu einem näheren Kontakt sei es aber nie gekommen, sagt er. Trotzdem: Seine blauen Augen strahlen bei der Erinnerung, ein Schmunzeln zieht sich über seine Lippen. Das Wichtigste aber an diesem Tag: Es waren für ihn ein paar Stunden Frieden mitten im Krieg.