Marktoberdorf

Ein Zeichen gegen Rechts: 69-jähriger Unterallgäuer will 1.300 Kilometer nach Auschwitz radeln

Der Regisseur und Autor Leo Hiemer (links) übergibt Martin Krick sein Buch und ein Bild von Gabi. Krick transportiert die Erinnerungen mit dem Fahrrad nach Auschwitz.

Der Regisseur und Autor Leo Hiemer (links) übergibt Martin Krick sein Buch und ein Bild von Gabi. Krick transportiert die Erinnerungen mit dem Fahrrad nach Auschwitz.

Bild: Stefanie Gronostay

Der Regisseur und Autor Leo Hiemer (links) übergibt Martin Krick sein Buch und ein Bild von Gabi. Krick transportiert die Erinnerungen mit dem Fahrrad nach Auschwitz.

Bild: Stefanie Gronostay

Martin Krick radelt in Gedenken an Gabi von Stiefenhofen nach Auschwitz. Im Gepäck hat er viele Erinnerungen.
07.09.2020 | Stand: 18:04 Uhr

Als die Marktoberdorferin Gabi Schwarz mit fünf Jahren nach Auschwitz deportiert wurde, durfte sie den Koffer, den ihre Familie ihr gepackt hatte, nicht mitnehmen. Es hieß damals: Juden dürfen keine Sachen von Ariern besitzen. Nun, über 77 Jahre später, macht sich ein kleiner Kinderkoffer auf den Weg nach Polen. Transportiert wird er von Martin Krick aus Babenhausen (Unterallgäu).

In den kommenden 12 Tagen möchte er mit dem Fahrrad 1300 Kilometer nach Auschwitz zurücklegen. Mit im Gepäck hat er viele Erinnerungen – darunter ein Bild der kleinen Gabi und das Buch von Leo Hiemer.

Das Motto lautet "Nie wieder"

„Nie wieder“ heißt die Fahrrad-Tour, mit der Krick ein Zeichen gegen Rechts setzen möchte. Die Idee, nach Auschwitz zu radeln, reifte schon lange in dem Kopf des 69-Jährigen. „Auschwitz ist ein Stück Vergangenheit, aber auch ein Stück Gegenwart“, sagt er. Als Krick zufällig auf einen Vortrag von Leo Hiemer stieß, war klar: Gabi soll zum Gesicht der Tour werden.

Der Autor und Filmregisseur Leo Hiemer hat sich wie kein anderer mit dem Schicksal des kleinen Mädchens befasst. Anfang der 1990er Jahre vollzog er in dem Spielfilm „Leni ... muss fort“ ihre Geschichte nach. Er führte Interviews mit Zeitzeugen und verfasste 2019 das Buch „Gabi (1937-1943): Geboren im Allgäu - ermordet in Auschwitz“, das auf eigenen Recherchen, Dokumenten und Fotografien beruht.

Gabi wurde 1937 in Marktoberdorf geboren. Ihre Mutter, Lotte Eckart, war Jüdin. Obwohl sie ihr Kind katholisch taufen ließ und bei einer Pflegefamilie in Stiefenhofen versteckte, wurde Gabi nach Auschwitz deportiert und ermordet. In Stiefenhofen erinnert heute eine Gedenktafel an das Schicksal des Mädchens. Von dort macht sich Krick auf den Weg nach Auschwitz.

„Es ist der richtige Ort, um diese Tour zu starten“, sagt Hiemer. Jahrzehnte dauerte es, bis die Gedenktafel ihren Platz in Stiefenhofen fand. 1985, als der „Erinnerungskreis Gabriele“ das Anliegen erstmals vortrug, stieß die Idee auf Skepsis und teilweise Ablehnung. Seit wenigen Wochen hängt die kleine schwarze Tafel nun an der Kirchenmauer. Endlich. Lesen Sie hier: Stiefenhofen gedenkt dem Mädchen Gabi Schwarz.

Hiemer findet es besonders wichtig, junge Menschen zu erreichen

Es sei wichtig, dass sich vor allem junge Menschen mit dem Thema beschäftigen, betont Hiemer. „Ich freue mich, dass Herr Krick beschlossen hat, den Koffer an die Internationale Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz zu übergeben.“

Auch Helga Raible von der Stiftung Liebenau gibt Krick Broschüren mit nach Auschwitz. Sie erinnert insbesondere an die Menschen, die den „Euthanasie“-Morden der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen sind. Von Stiefenhofen radelt Krick nach Memmingen, Fellheim und Ichenhausen. Dort erhält er weitere Gegenstände, die er mit nach Auschwitz nimmt.

Unterwegs sammelt Krick Spenden für die Internationale Jugendbegegnungsstätte (IJBS). „Über Leo Hiemer bin ich mit dem Fotografen Christoph Morlok in Kontakt gekommen. Sein Vater war der Architekt der IJBS“, erzählt Krick. Auch Christoph Morlok ist zum Start der Tour gekommen und liest ein Grußwort des Internationalen Auschwitz-Komitees vor.

Reise ein "wichtiges Signal"

„Ihre Reise ist ein wichtiges Signal“, schreibt Vize-Präsident Christoph Heubner. Zu deutlich seien die Anzeichen neuer antisemitischer Gewalt.

Es ist nicht die erste Radtour dieser Art, die Krick macht. Im vergangenen Jahr radelte er von St. Petersburg nach Moskau. Auf seiner Reise nach Auschwitz nimmt sich Krick bewusst Zeit. Während der Reise betreibt Krick einen Facebook-Blog mit „begleitenden Gedanken“. Verschiedene Autoren veröffentlichen dort Aspekte rund um den Holocaust.

Krick ist es wichtig, sich mit dem Thema zu beschäftigen. „Die meisten Zeitzeugen sind nicht mehr am Leben. Es ist die Aufgabe der Nachfolge-Generationen, dass so etwas nicht noch mal passiert.“