Serie: Reden wir über MOD

Er kam als Fremder und fand eine Heimat: Warum Selah Okul Marktoberdorf so sehr liebt

Selah Okul hat in Marktoberdorf eine neue Heimat gefunden. Er schätzt besonders die Hilfsbereitschaft in der Stadt.

Selah Okul hat in Marktoberdorf eine neue Heimat gefunden. Er schätzt besonders die Hilfsbereitschaft in der Stadt.

Bild: Mathias Wild, Benedikt Siegert (Archiv)

Selah Okul hat in Marktoberdorf eine neue Heimat gefunden. Er schätzt besonders die Hilfsbereitschaft in der Stadt.

Bild: Mathias Wild, Benedikt Siegert (Archiv)

Der frühere Lehrer reiste als junger Mann aus der Türkei zum Studium nach Deutschland. Und er blieb. Was er an den Menschen in Marktoberdorf besonders schätzt.
11.05.2021 | Stand: 20:57 Uhr

In unserer Serie soll ganz die Stadt im Mittelpunkt stehen. Mit Prominenten und Persönlichkeiten sprechen wir über ihre Sicht auf Marktoberdorf. Reden wir über MOD. Diesmal mit Selah Okul, Integrationsbeauftragter der Stadt Marktoberdorf.

Herr Okul, erinnern Sie noch an den Tag, als Sie das erste Mal nach Marktoberdorf kamen?

Okul: Das muss im Jahr 1973 gewesen sein. In der Zeit habe ich an einem Sprachkurs des Goethe-Instituts in Murnau teilgenommen. Dort fühlte ich mich aber sehr einsam. Ich kannte ja noch niemanden und hatte auch keine Verwandten hier in Deutschland. Aber ein Bekannter aus meiner Heimat lebte in Marktoberdorf. Und den besuchte ich. Das war für mich ein kleines Abenteuer, in dem für mich noch fremden Land. Zuerst mit dem Zug nach Weilheim und Schongau, dann mit dem Bus nach Marktoberdorf.

Eine Überraschung: Nur wenige Menschen in Marktoberdorf

Und wie war Ihr Eindruck von der Stadt?

Okul: Wissen Sie, ich stamme aus der türkischen Stadt Tarsus, eine Großstadt mit damals schon 150 000 Einwohnern. Da ging es immer sehr lebendig zu. Und als ich also damals nach Marktoberdorf kam, habe ich nur wenig Menschen gesehen. Es war für mein Empfinden sehr ruhig und fast leer. Das war für mich eine Überraschung.

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Sie haben dann Maschinenbau in München studiert. Wie haben Sie sich trotzdem in Marktoberdorf verliebt?

Okul: Der Kontakt zur Stadt ist nach dem ersten Mal nie abgerissen. Zuerst hatte ich nur einige türkische Freunde hier. Aber das hat sich dann entwickelt. Mitentscheidend war dabei der Sailerbräu. Da hat es angefangen. Für mich war es immer etwas ganz Besonderes dort hineinzugehen und die Leute zu sehen: Wie sie sich unterhalten, amüsiert und Bier getrunken haben – und so nett waren die! Wenn ich allein Platz genommen habe, dann sagte immer einer sehr schnell „komm zu uns rüber“ – obwohl sie mich ja gar nicht gut kannten. Das hat mich beeindruckt.

Es war leicht, in Marktoberdorf Kontakte zu knüpfen

Es lag also an den Menschen?

Okul: Absolut! Ich bin als Fremder hierhergekommen. Aber es war leicht, Kontakte zu knüpfen. Die Menschen hier waren so freundlich zu mir und haben mir immer geholfen. Dazu muss ich Ihnen eine Geschichte erzählen: Ich war als Student in einem Gasthaus am Marktoberdorfer Bahnhof. Und ich musste einen Lebenslauf schreiben. Doch ich wusste nicht wie. Als der Pächter, ein Herr Hofmann, mein Problem mitbekam, sagte er gleich: Ich helfe Dir. Und er ging während seiner Arbeitszeit in ein Nebenzimmer und hat mir meinen Lebenslauf geschrieben. Alleine hätte ich das nie geschafft. Diese Hilfsbereitschaft der Menschen hier vergesse ich nie. Daraus ist auch die Liebe zu Marktoberdorf gewachsen.

Gibt es diese Hilfsbereitschaft gegenüber Fremden noch immer in der Stadt? Wie empfinden Sie das?

Okul: Im Großen und Ganzen hat sich das die Stadt bewahrt, würde ich sagen. In Deutschland – und somit auch in Marktoberdorf – sind die Menschen gegenüber Fremden zunächst einmal sehr vorsichtig. Wenn sie aber sehen, jemand ist in Ordnung, dann nehmen sie ihn gerne auf. Wenn ich sehe, wie sehr sich die Helfer vom Arbeitskreis Asyl etwa um Asylbewerber kümmern – das ist schon phänomenal!

"Der Sport macht Integration leichter"

Aus Ihren eigenen Erfahrungen sagen Sie heute: Sport ist für die Integration ungemein wichtig. Warum?

Okul: Als Student habe ich ein Praktikum in Görisried gemacht. In dieser Zeit spielte ich dann Fußball in Oberthingau, später auch einmal für den TSV Marktoberdorf. Und mit dem Fußball hat es für mich angefangen, dass ich deutsche Freunde fand. Der Sport macht die Integration leichter. Man hat ein gemeinsames Ziel und freut sich gemeinsam, wenn man gewinnt. Wenn einer ein Tor schießt, ist es egal, ob er Türke, Italiener oder Deutscher ist. Man jubelt einfach über das Tor.

Sie haben dann gar nicht als Ingenieur gearbeitet, sondern haben hier als Lehrer Wurzeln geschlagen...

Okul: Ja, ab 1980 war ich Lehrer an der Berufsschule Ostallgäu und seit 1981 leben meine Frau und ich in der Stadt. Der Anfang in der Schule war gar nicht so leicht, denn ich habe mich schon fremd im Lehrerzimmer gefühlt. Aber auch das hat sich schnell geändert. Eine Rolle spielte auch dabei der Sport. In der Lehrer-Fußballmannschaft habe ich Freunde fürs Leben gefunden. Und Lehrer zu sein, das habe ich geliebt, bis zu meiner Pensionierung vor drei Jahren.

"Marktoberdorf ist meine Heimat"

Welche Gefühle hegen Sie heute für die Stadt?

Okul: Marktoberdorf ist meine Heimat. Ich fühle mich richtig integriert und als Teil dieser Gesellschaft. Aus diesem Grund war es mir auch so wichtig, dass ich im Jahr 2000 die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen habe. Integration geht nur ganz oder gar nicht, das ist meine Meinung. Also ich bin in Marktoberdorf so glücklich. Ich mag die Menschen hier von Herzen gern, weil sie mich so herzlich aufgenommen haben.

Seit 1988 sind Sie in der Stadt Beauftragter für Integration. Ihr unermüdliches Engagement in diesem Bereich gründet auf Ihren eigenen Erfahrungen?

Okul: Ich kam als junger Mensch in ein fremdes Land, das mir schnell zur Heimat wurde. Mir geht es heute gut, weil mir damals geholfen wurde. Deshalb möchte ich etwas zurückgeben. Und deswegen helfe und unterstütze ich heute andere. Als Lehrer galt mein besonders Augenmerk daher immer den Schülern mit ausländischen Wurzeln. Denn ich weiß aus eigenen Erfahrungen, wie schwer der Anfang in einem fremden Land sein kann. Das kann nur jemand verstehen, der es selbst erlebt hat.

Den Namen Okul gibt es auch nach Ihrer Pensionierung an der Berufsschule immer noch. Wie kam das?

Okul: Man kann sagen: Mein jüngster Sohn und ich haben getauscht. Er setzt also quasi eine Familientradition fort und unterrichtet seit mittlerweile drei Jahren an der Berufsschule. Am ersten Schultag meines Sohnes hat die Schulleiterin gesagt: Okul? An den Namen brauchen wir uns nicht zu gewöhnen. Den kennen wir!


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