Vortrag in Marktoberdorf: Demenz und Autofahren

Senioren am Steuer: Wann ist das Risiko zu groß?

Seniorin  Auto  Demenz

Menschen mit einer fortgeschrittenen Demenz sind im Straßenverkehr schnell überfordert. Sie werden für sich selbst und andere zum Risiko. Angehörige tun sich jedoch häufig schwer, mit den Betroffenen ins Gespräch zu kommen.

Bild: dpa (Symbolfoto)

Menschen mit einer fortgeschrittenen Demenz sind im Straßenverkehr schnell überfordert. Sie werden für sich selbst und andere zum Risiko. Angehörige tun sich jedoch häufig schwer, mit den Betroffenen ins Gespräch zu kommen.

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Menschen mit Demenz können irgendwann nicht mehr Autofahren. Wann sollten sie den Führerschein abgeben? Experte rät, wie Angehörige helfen können.
24.09.2021 | Stand: 19:00 Uhr

Als Manuela Mayer (Name geändert) nach einiger Zeit mal wieder bei ihrem Vater im Auto mitfuhr, war sie richtiggehend geschockt. Der 74-Jährige fuhr nicht nur sehr langsam, er ignorierte auch Verkehrsschilder und hatte an Kreuzungen deutliche Probleme beim Abbiegen. „Das geht so nicht mehr!“, dachte sich Mayer. Ihr Vater war eigentlich immer ein sicherer Autofahrer gewesen. Ein Jahr zuvor war bei ihm eine beginnende Demenz diagnostiziert worden. Lange merkte man ihm kaum etwas an. Doch nun war Manuela Mayer klar: Papa sollte nicht mehr Auto fahren. Für Mayer stellte sich eine große Herausforderung: „Wie bringe ich meinem Vater bei, dass er besser den Führerschein abgeben sollte?“

Experte zeigt in Marktoberdorf Lösungswege

Wie Manuela Mayer stehen viele Angehörige von Demenzkranken vor diesem Problem. Auto zu fahren bedeutet Freiheit, Unabhängigkeit und selbstbestimmte Mobilität. Eine Demenzerkrankung kann die Fahrtüchtigkeit jedoch enorm einschränken beziehungsweise das Fahren eines Autos unmöglich machen. Welche Anzeichen gilt es zu beachten, wie spreche ich mit dem Betroffenen und welche Lösungswege gibt es? Über diese und andere Fragen sprach Gerhard Stadler, Demenzbeauftragter des Landkreises Ostallgäu, in einem Vortrag im Gemeindezentrum der Johanniskirche. Dazu eingeladen hatte die Marktoberdorfer Einrichtung Lebensfreude im Rahmen der zweiten bayerischen Demenzwoche.

Das Auto ist für viele das Wichtigste

„Für viele Ältere ist das Auto das Wichtigste, denn sie wollen selbstständig sein und bleiben. Daher sind Führerschein und Fahrtüchtigkeit ganz heikle Themen“, sagte Stadler. Er erinnerte sich an Erlebnisse mit seinem eigenen Vater. „Der war noch ganz lange davon überzeugt, dass er Autofahren kann – und dass er sogar gut fährt.“ Es sei ganz schwierig, mit Betroffenen ins Gespräch zu kommen. Oft blockten sie ab oder reagierten wütend. Angehörige sollten verständnisvoll reagieren. Denn: Demenz sei eine Behinderung im kognitiven Bereich. „Insofern kann der Demenzkranke gar nicht zu der Einsicht gelangen, dass es nun an der Zeit wäre, den Führerschein abzugeben“, sagte Stadler.

Demenz verringert geistige Leistung

Studien zeigen, dass Menschen mit einer beginnenden Demenz durchaus noch fahrtüchtig sein können. Gleichwohl sollten Angehörige darauf achten, die Anforderungen beim Autofahren zu verringern, sagt Stadler. Dazu zählt: keine Fahrten bei Nacht, Regen, Schnee oder zu Stoßzeiten. Bei einer fortschreitenden Erkrankung verringert sich jedoch die geistige Leistungsfähigkeit. Die Beeinträchtigungen betreffen Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Konzentration, Orientierung und Urteilsfähigkeit. Ob die Fahrtüchtigkeit noch gegeben ist, kann beispielsweise ein freiwilliger Test zeigen. Der ADAC bietet etwa einen „Fahr-Fitness-Check“ an sowie Beratung und Fahrsicherheitstraining für ältere Autofahrer.

Wann sollten Angehörige einschreiten?

Wann sollten Angehörige hellhörig werden? Anzeichen für eine eingeschränkte Fahrtüchtigkeit sind laut Stadler: unentschlossenes Verhalten während der Fahrt, Verfahren auf bekannten Straßen, Schwierigkeiten an Kreuzungen, langsames Fahren, das Nichtbeachten von Verkehrszeichen, das falsche Benutzen von Pedalen oder häufige Beinahe-Unfälle. Für Angehörige, die sich unsicher, ob der oder die Betroffene noch ausreichend gut fahren kann, hat Stadler einen Tipp: „Fragen Sie sich: Würde ich mein Kind oder Enkelkind im Auto mitfahren lassen?“ Lautet die Antwort Nein, sollte man darauf dringen, das Autofahren sein zu lassen.

Im Notfall Füherscheinstelle einschalten

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Grundsätzlich sollten Angehörige laut Stadler aufkeimende Problem möglichst frühzeitig ansprechen. „Dann ist vielleicht noch die Einsicht vorhanden. Je länger man wartet, umso schwieriger wird es.“ Wenn Betroffene keine Einsicht zeigen, sind auch kleine Tricks erlaubt wie Autoschlüssel verstecken oder die Batterie abzuklemmen. Wird der Handlungsdruck wegen Selbstgefährdung oder Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer groß, kann auch die Führerscheinstelle eingeschaltet werden. Die Behörde ist verpflichtet, Hinweisen nachzugehen. Und sie kann eine Prüfung anordnen, ob der Betroffene noch Autofahren kann. Ist dies nicht mehr der Fall, zieht die Behörde den Führerschein ein.

Damit es gar nicht so weit kommt, rät Stadler frühzeitig einen Hausarzt einzuschalten. Der Arzt als Vertrauens- und auch Autoritätsperson kann mit seiner Einschätzung viel bewirken. Umfragen zufolge würden zwei Drittel der Über-65-Jährigen ihren Führerschein freiwillig abgeben, wenn ein Arzt sagt: Es geht nicht mehr.

Experte lehnt generelle Kontrollen ab

Eher ablehnend steht Stadler generellen Kontrollen oder verpflichtenden Medizinchecks für ältere Fahrer gegenüber, wie es etwa in Italien, Spanien, der Schweiz oder in skandinavischen Ländern der Fall ist. „Das ist schon ein grober Eingriff in das Freiheitsrecht.“ Es sei ja auch nicht so, dass ältere Menschen „die Unfallverursacher der Nation“ sind, sagt Stadler Und man dürfe auch nicht vergessen, dass viele Ältere allein lebten und etwa in ländlichen Regionen gar keine Alternativen zum Auto hätten, wenn sie etwa zum Einkaufen wollten. „Das ist ein Thema, das nicht nur Demenzkranke, sondern alle Menschen angeht“, sagt Stadler.

Senioren am Steuer haben zu Unrecht einen schlechten Ruf

Senioren am Steuer haben oft einen schlechten Ruf – zu Unrecht. Entgegen der weit verbreiteten Meinung, dass die Gruppe der älteren Autofahrer überdurchschnittlich viele Unfälle verursacht, zeigt die Unfallstatistik ein anderes Bild. „Grundsätzlich ist es nicht so, dass wir als Polizei ältere Fahrer als größere Gefahr ansehen“, sagt der Verkehrsexperten der Polizei Marktoberdorf, Rudolf Stiening. Nach Angaben von Stiening war die Altersgruppe der Über-60-Jährigen im Jahr 2020 lediglich in 15 Prozent der Unfälle in der Region Marktoberdorf verwickelt. In Zahlen heißt das: Autofahrer ab 60 Jahren waren an 147 von insgesamt 970 Unfällen beteiligt.

Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko

Auffällig ist laut Stiening jedoch: Mit zunehmendem Alter steigt jedoch das Risiko, dass Ältere in einen Unfall verwickelt sind oder ihn gar selbst verursachen. In der Altersgruppe 70 Jahre aufwärts waren Autofahrer an 83 der 970 Unfälle beteiligt. 71 Prozent der Unfälle verursachten sie selbst. Generell ist in Deutschland die Altersgruppe der 25 bis 35-jährigen Männer am häufigsten in Verkehrsunfälle mit Personenschaden verwickelt.

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