Festival

Fulminanter Auftakt des Kammerchorwettbewerbs in Marktoberdorf: "Das ist eine Botschaft an alle Kriegsherren"

Der Bundesjugendchor unter der Leitung von Anne Kohler eröffnet den 17. Internationalen Kammerchorwettbewerb in Marktoberdorf.

Der Bundesjugendchor unter der Leitung von Anne Kohler eröffnet den 17. Internationalen Kammerchorwettbewerb in Marktoberdorf.

Bild: Alfred Michel

Der Bundesjugendchor unter der Leitung von Anne Kohler eröffnet den 17. Internationalen Kammerchorwettbewerb in Marktoberdorf.

Bild: Alfred Michel

Der Kammerchorwettbewerb in Marktoberdorf hat begonnen. In Zeiten des Ukraine-Kriegs ist das Miteinander größer denn je. Das Festival hat eine klare Botschaft.

05.06.2022 | Stand: 09:19 Uhr

Es ist bereits das 17. Mal, dass der Internationale Kammerchorwettbewerb in Marktoberdorf stattfindet, und doch fühlt es sich wie eine kleine Premiere an – ein Aufatmen nach Jahren der Pandemie. „Nach langer Zeit des musikalischen Schweigens können wir wieder zusammenkommen und Musik machen“, brachte es Prof. Jürgen Budday, der Künstlerische Leiter des Festivals, beim Eröffnungskonzert auf den Punkt. Dort stand vor allem das friedliche Miteinander im Mittelpunkt, das nicht nur auf der Bühne zelebriert wurde.

Es hängen weniger Fahnen als sonst beim Kammerchorwettbewerb im Modeon, es stehen weniger Chöre auf der Bühne. Prof. Jürgen Budday, der Künstlerische Leiter des Festivals, spricht von einer „organisatorischen Gratwanderung“, die das Organisationsteam rund um Geschäftsführerin Ramona Wegenast und Festivalmanagerin Maria Groß meistern musste. „Wir sind in Vorbereitung des Wettbewerbs durch alle Höhen und Tiefen gegangen“, sagt er. „Höhen, weil es sich zur Jahreswende abzeichnete, dass der Wettbewerb stattfinden kann. Tiefen, weil durch unterschiedliche aktuelle Ereignisse Chöre wieder absagen mussten“, sagt Budday.

Höhen und Tiefen bei der Organisation des Kammerchorwettbewerbs in Marktoberdorf

Von den ursprünglich qualifizierten zehn Chören sind sieben übrig geblieben. Der russische Chor konnte, wie bereits berichtet, zum Bedauern der Organisatoren nicht ausreisen. Zudem musste der gemischte Chor aus Ostrava in Tschechien absagen. Stattdessen nimmt nun der Frauenchor der Technischen Universität Ostrava am Wettbewerb teil. Der deutsche Chor Sonat Vox schaffte es nicht rechtzeitig zum Eröffnungskonzert anzureisen. Sein Wettbewerbsprogramm verschob sich komplett auf den Sonntag. „Und dennoch sind wir voller Freude und Dankbarkeit, dass wir den 17. Kammerchorwettbewerb mit einem Jahr Verspätung durchführen und feiern können“, sagt Budday.

Es ist Tradition, dass der Kammerchorwettbewerb von einem Chor eröffnet wird, der nicht am Wettbewerb teilnimmt. In diesem Jahr konnte dafür der Bundesjugendchor gewonnen werden – ein junger Chor in zweifacher Hinsicht, wie die Moderatoren Monika Schubert und Jeroen Schrijner verrieten. Der Chor wurde erst 2020 unter der Leitung von Anne Kohler gründet. 2021 gab er sein Debütkonzert. Nun trat er zum zweiten Mal überhaupt in Marktoberdorf mit einem besonderen Programm auf: „Mensch und Wald“

Bundesjugendchor feiert unter der Leitung von Anne Kohler Premiere in Marktoberdorf

Anne Kohler stand bereits 2017 beim Kammerchorwettbewerb auf der Bühne. Damals nahm sie mit ihrem Chor Pop-Up am Wettbewerb teil und gewann in der Kategorie „Populäre Chormusik“ den ersten Preis. Zudem war Kohler selbst vor einigen Jahren in der Jury des Kammerchorwettbewerbs gesessen. Mit dem Bundesjugendchor, der aus etwa 50 Sängerinnen und Sänger im Alter zwischen 18 und 26 Jahren besteht, hatte sie ein besonderes Highlight im Gepäck: das Stück „Ode an das Sägemehl“, das Jan Kopp im Auftrag des Deutschen Musikrates komponiert hat. Er setzt sich darin mit einem Gedicht des russischen Lyrikers Alexej Porvin auseinander, der den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine zur Sprache bringt.

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Anhand des Bilds eines Baumstamms kritisiert Porvin die Gewalt. Der Baumstamm, der in dem Gedicht für das Gewissen und die Gewaltfreiheit steht, wird zu Sägemehl pulverisiert. Der Dichter stellt die Frage, ob dieser Zerfall wieder zusammenwachsen kann. Die Ode scheint topaktuell zu sein. Porvin hat sie aber 2014 geschrieben – als Reaktion auf die Krim-Annexion.

Jan Kopp, der im Februar eigentlich mit seiner Komposition beginnen wollte, stieß auf das Gedicht und nahm Kontakt zu Porvin auf. Er schuf die Komposition, die nun in Marktoberdorf Premiere feierte. Knackend bewegte sich der Bundesjugendchor durch das Unterholz. Es raschelt und es surrt. Die Sängerinnen und Sänger verwandelten sich mit erstaunlicher Präzision in einen schwingenden und wallenden Klangkörper. Mithilfe von Knackfröschen und der Kraft ihrer Stimmen entführten sie das Publikum auf eindrucksvolle Weise in eine andere Welt, die sich mal todesstill und bedrohlich und dann wieder romantisch präsentiert.

Der Ukraine-Krieg ist beim Marktoberdorfer Festival ein allgegenwärtiges Thema. Es lässt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aber auch näher zusammenrücken. Es ist ein Miteinander vor und hinter der Bühne. Die Chöre feiern und bejubeln sich gegenseitig. Besonders heute, sei es wichtig den Kontakt zwischen den Völkern zu pflegen, sagte auch Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell bei der Eröffnung. „Ein solches Ereignis wie hier ist eine Botschaft an die Kriegsherren“, betonte er.

Unter donnerndem Applaus hieß das Publikum in Marktoberdorf die Chöre willkommen. Mit Bravo-Rufen und Standing Ovations feierten sie den Bundesjugendchor. Ein fulminanter Auftakt zu einem ganz besonderen Wettbewerb, der die kommenden Tage wohl noch viele besondere Momente bereithält.

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