Künstlergespräch in Obergünzburg: Wenn Kunst und Wissenschaft aufeinandertreffen

Martin Minde (links) und Dr. Wolfgang Ullrich beim Künstlergespräch in Obergünzburg.

Martin Minde (links) und Dr. Wolfgang Ullrich beim Künstlergespräch in Obergünzburg.

Bild: Horst Hacker

Martin Minde (links) und Dr. Wolfgang Ullrich beim Künstlergespräch in Obergünzburg.

Bild: Horst Hacker

Im Rahmen der Sonderausstellung „Kaspar – Minde“ diskutieren der Künstler Martin Minde und der Kulturwissenschaftler Dr. Wolfgang Ullrich über Gemeinsamkeiten.
31.07.2022 | Stand: 09:00 Uhr

Seit Juni läuft im Historischen Museum Obergünzburg die Sonderausstellung „Kaspar – Minde. Das Göttliche Sehen“. Sie wird anlässlich des 200. Geburtstags von Johannes Kaspar noch bis 16. Oktober gezeigt. Das Museum hat nun zu einem Künstlergespräch der besonderen Art geladen: Im Ausstellungsraum oben unter dem Dachgebälk des Heimatmuseums begrüßte Museumsleiterin Dr. Martina Kleinert freudig die 25 Besucher.

Auf der Bühne saßen der als Autor, Kulturwissenschaftler und Berater in Leipzig tätige Dr. Wolfgang Ullrich (geboren 1967) und sein Gesprächspartner Martin Minde. Minde wurde 1940 in Königsberg geboren und lebt heute als freischaffender Künstler in München. Der angekündigte Gesprächstitel: „Bildkunst auf der Suche nach Wahrheit.“

Ist die Kunst von Johannes Kaspar noch zeitgemäß?

Dem Betrachter der Exponate zeigt sich auf den ersten Blick: Gegensätzlicher könnten die Bilder gar nicht sein. Bezüglich des Spätnazareners Johannes Kaspar (1822 bis 1885), der sein ganzes Leben in Obergünzburg lebte, wurde die Frage in den Raum gestellt: Ist Kaspar noch zeitgemäß? Kann man ihn wirklich noch ausstellen?

Kaspars Werke sind fest im katholischen Glauben und der Kirchenlehre verwurzelt. Der Kirchenmaler des 19. Jahrhunderts greift auf traditionsreiche Ikonographie (Mittelalter, Barock) zurück und schreibt sie mit Hingabe fort. Seine Werke spiegeln das religiöse Empfinden und die christliche Weltanschauung des Künstlers wider. Kunst und Religion werden, wie Ullrich sagt, zusammengeführt.

Vollkommen anders ist die wissenschaftlich-künstlerische Auseinandersetzung Martin Mindes mit Farbe – als Grundlage aller Anschauung. Seine höchst modernen Werke sind Resultate einer Farbformlehre, die die Möglichkeiten farbigen Gestaltens entfaltet. Liegt in der Fähigkeit des Menschen, farbig zu sehen, eine alle Menschen verbindende Wahrheit, eine universelle göttliche Schöpfung? Die Perspektiven des Wissenschaftlers und des Künstlers liegen mitunter so unterschiedlich weit auseinander, dass eine in Rede und Gegenrede nachvollziehbare Verständigung beziehungsweise Verständnis ab und an zumindest schwerfällt.

Künstler hat Anspruch, dass seine Werke Gemeinschaft stiften

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Was Kaspar betrifft, konstatiert der Leipziger Autor des 2021 erschienenen Bandes „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“ (Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek), dieser habe überhaupt keinen Gedanken daran verschwendet, dass Kunst autonom sein muss. Minde, der vorübergehend auch in Obergünzburg lebte, wo blühende Löwenzahnwiesen für ihn zum Schlüsselerlebnis für die Entwicklung seiner Kunstrichtung wurden, ist hingegen sehr wohl ein autonomer Künstler. Sein ganz großes Thema sei das Thema der Farbe. Mit ihr schaffe er „seine eigene Welt“. Für ihn bestehe Anspruch „Gemeinschaft zu stiften, gemeinsam zu sehen und zu verinnerlichen“, wie er sagt.

Das veranlasst Dr. Ullrich zu fragen: „Wie soll diese Kunst Gemeinschaft stiften können?“ Eine Frage, bei der es auch den Münchner Künstler Mühe kostet, plausible Antworten zu finden.