"Fischeriana"

Marktoberdorfer Heimatforscher veröffentlicht Buch und lüftet das eine oder andere Geheimnis

Siegfried Laferton bei der Präsentation seines neuen Buches "Fundus der Heimatgeschichte" in Marktoberdorf.

Siegfried Laferton bei der Präsentation seines neuen Buches "Fundus der Heimatgeschichte" in Marktoberdorf.

Bild: Stefanie Gronostay

Siegfried Laferton bei der Präsentation seines neuen Buches "Fundus der Heimatgeschichte" in Marktoberdorf.

Bild: Stefanie Gronostay

Wie war Kurfürst Wenzeslaus wirklich? Diese Frage beantwortet Siegfried Laferton in seinem neuen Buch. Er übersetzte dafür Jahrhunderte alte Aufzeichnungen.
12.10.2021 | Stand: 09:00 Uhr

Im Vergleich zum jetzigen Buch sei ihm der erste Band fast wie eine Fingerübung vorgekommen, sagt Siegfried Laferton. Seit Jahren beschäftigt sich der Marktoberdorfer Heimatforscher mit den Aufzeichnungen des ehemaligen Landrichters Ludwig Wilhelm Fischer. 54 Bände umfasst die „Fischerinana“, in der Fischer im 19. Jahrhundert das Leben in und um Marktoberdorf beschrieb. Und Siegfried Laferton las sie alle. Er entzifferte die altdeutsche Handschrift, transkribierte und recherchierte – er bahnte sich einen Weg durch Fischers „labyrinthische Sammlung“, wie er sagt. Seine Ergebnisse hat er nun in dem Buch „Fundus der Heimatgeschichte“ veröffentlicht. Es ist bereits der zweite Teil, der der „Fischeriana“ entspringt und das Laferton der Öffentlichkeit präsentierte.

Sulzschneider fielen der Pest zum Opfer

Wie lebte Kurfürst Clemens von Wenzeslaus? Wie bestritten die Bürger in Oberdorf ihren Alltag und welche Ereignisse bewegten sie? Diese und viele weitere Fragen werden in dem 400 Seiten dicken Buch von Siegfried Laferton beantwortet. Dem Kurfürsten Wenzeslaus, der sich jeden Morgen zur Messe in die Pfarrkirche begab, ist ein ganzes Kapitel gewidmet. Ein weiteres erzählt von harten Zeiten wie den Hungerjahren in Bernbeuren von 1771 bis 1772 oder der Zeit des 30-jährigen Krieg (1618 bis 1648), als das halbe Dorf Sulzschneid abbrannte und fast alle Einwohner Hunger und Pest zum Opfer fielen. Auch Themen wie Musik und Tanz, Bräuche im Jahreskreis, Essen und Trinken, der Hausbau und die Kleidung werden in dem Buch behandelt.

So sah er aus, der Verfasser der "Fischeriana" und Landrichter Ludwig Wilhelm Fischer.
So sah er aus, der Verfasser der "Fischeriana" und Landrichter Ludwig Wilhelm Fischer.
Bild: Stadtarchiv Marktoberdorf

Drei Anläufe benötigte es, bis Siegfried Laferton eine passende Gliederung für sein Buch hatte. „Fischer selbst hatte einige Male versucht, den Stoff zu gliedern“, sagt Laferton. „Doch er hatte das Material nicht für eine Veröffentlichung vorgesehen und sich für keine Gliederung entschieden.“ Laferton stand also vor der Herausforderung, einen roten Faden zu finden. Dies war beim ersten Band kein Problem, da es sich um einen klar begrenzten Themenbereich handelte. Der zweite Teil stellte Laferton hingegen vor die eine oder andere Schwierigkeit.

Vor diesen Herausforderungen stand Laferton

In seinem Vorwort berichtet Siegfried Laferton von den Schwierigkeiten, den Überblick über die vielschichtige Sammlung zu halten. Fischer hatte ein Netz über zahlreiche Querverweise geknüpft. Über die Jahre hinweg war dieses Netz immer größer geworden. Die Aufzeichnungen hielt Fischer handschriftlich fest. Laferton entzifferte seine Sütterlinschrift. Diese war gut zu lesen. Doch hatte Fischer die Eigenheiten, die Laferton vor Probleme stellte. Der Heimatforscher wurde zum „Enschlüssler eines Rätsels“, wie er sagt.

Auch als Leser müsse man sich mit Bedacht auf den Text einlassen. „Fischer verwendet Begriffe, die heute einen anderen Bedeutungsbereich abdecken“, erklärt Laferton. „Bei all dem zeitlichen Abstand zu Fischers Welt lohnt sich dennoch ein Spaziergang durch den neugeordneten Bestand von Fischers Fundus“, sagt Siegfried Laferton. „Ludwig Wilhelm Fischer hat uns dieses Fenster in die Vergangenheit geschaffen,“ sagt Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell.

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Fischers Werk liegt gut aufgehoben in der Bayerischen Staatsbibliothek. Dort war sie für die Öffentlichkeit jedoch bis vor wenigen Jahren nur schwer zugänglich. Anlässlich Fischers 200. Geburtstag im Jahr 2017 lies die Stadt Marktoberdorf die Sammlung mithilfe von Sponsoren digitalisieren. Sie ist im Internet frei lesbar. Dank Laferton gibt es eine Übersetzung aus dem Altdeutschen. „Dass wir durch dieses Fenster schauen können, verdanken wir Siegfried Laferton“, sagt Hell.

Landrichter Ludwig Wilhelm Fischer: Zur Person

  • Geboren am 29. Mai 1817 in Rain am Lech, gestorben am 10. Januar 1890 im damaligen Markt Oberdorf.
  • Jurastudium 1838-43 in München.
  • Rechtspraktikant 1844 beim Landgericht Rain, nach weiteren Stationen dort, in Baar und Rosenheim ab 1851 in Weiler im Westallgäu.
  • Ab 1856 Assessor in Oberdorf.
  • Hochzeit 1861 mit Wilhelmine Fischer. Die Ehe blieb kinderlos.
  • Landrichter in Markt Oberdorf von 1862 bis zu seiner Pensionierung 1879.
  • Fischers Amtsbezirk deckte sich in etwa mit dem Altlandkreis Marktoberdorf, jedoch ohne Obergünzburg.
  • Begeisterter Sammler von Mythen und Altertümern; Heimatkundler.