Kastrationsaktion im Ostallgäu

Mehr als 160 herrenlose Katzen rund um Marktoberdorf: Warum die Streuner zum Problem werden

So fit und munter sind wild lebende Katzen meist nicht. Oft sind die Tiere krank und von Parasiten befallen. Weil sie auch zum Großteil unkastriert sind, tragen sie die Krankheiten weiter und weiter.

So fit und munter sind wild lebende Katzen meist nicht. Oft sind die Tiere krank und von Parasiten befallen. Weil sie auch zum Großteil unkastriert sind, tragen sie die Krankheiten weiter und weiter.

Bild: Thomas Schwarz

So fit und munter sind wild lebende Katzen meist nicht. Oft sind die Tiere krank und von Parasiten befallen. Weil sie auch zum Großteil unkastriert sind, tragen sie die Krankheiten weiter und weiter.

Bild: Thomas Schwarz

In und um Marktoberdorf gibt es über 160 wilde und unkastrierte Katzen. Die Tierfreunde und das Tierheim versuchen zu helfen. Dafür brauchen sie Spenden.
02.10.2021 | Stand: 17:15 Uhr

Verletze, kranke und leidende Katzen sind Alltag für Christiane Schrade. Sie nimmt sich wilden und herrenlosen Katzen an, die in und um Marktoberdorf leben und sich unkontrolliert vermehren. Beinahe jede freie Minute verbringt die 52-jährige Tierschützerin aus Marktoberdorf damit.

Dabei könnte dieses Tierleid verhindert werden: Durch Kastration. Gemeinsam mit Michaela Schmid, Leiterin des Tierheims in Marktoberdorf und Dr. Klaus Finkenwirth, Vorsitzender des Vereins Tierfreunde-Ostallgäu, setzt sie sich aktiv für die Kastration von Katzen in der Region ein. Doch trotz aufwendiger Kastrationsaktionen nimmt die Zahl von wilden, kranken Katzen nicht ab. Ganz im Gegenteil.

160 wilde und unkastrierte Katzen rund um Marktoberdorf

Schätzungen zufolge gibt in Deutschland rund zwei Millionen Straßenkatzen. Alleine in Bayern sind es über 300 000, sagt Michaela Schmid. Meist seien das ausgewilderte Hauskatzen, die im Wald oder auf Bauernhöfen leben. „Die Katzen werden weder von einem Tierarzt versorgt, noch sind sie kastriert“, sagt die Tierheimleiterin. Und das ist das große Problem: Die Streuner bekommen immer wieder Junge, vererben Missbildungen, tragen Krankheiten weiter und sind von Parasiten befallen. Nur konsequente Kastrationen können dieses Leid langfristig beenden, sagt Schmid.

Im Gebiet von Wald bis Bidingen und Oberthingau seien derzeit 160 unkastrierte wilde Katzen gemeldet, die in den Scheunen und Ställen von nur wenigen einzelnen Bauernhöfen leben. „Und das bei Weitem nicht alle“, sagt Schrade. Ihrer Erfahrung nach seien es immer doppelt so viele Katzen, wie die Leute zählen.

Die Tierfreunde und der Tierschutzverein (zu dem das Marktoberdorfer Tierheim gehört) planen, all diese Katzen in einer großen Aktion zu kastrieren. Dabei fangen die Tierschützer die Katzen mit Lebendfallen in Absprache mit den Anwohnern ein und kastrieren sie nach und nach. Doch für so viele Tiere haben die beiden Vereine weder ausreichend finanzielle Mittel, noch genügend Platz, die Katzen unterzubringen. „Diese Aufgabe überrollt uns“, sagt Schmid. „Und wenn wir nur eine vergessen oder übersehen, können wir in zwei Jahren wieder von vorne anfangen.“

Beängstigende Masse an wilden Katzen und enorme Kosten

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Nicht nur die Masse an Katzen sei beängstigend, sagt Tierheimleiterin Schmid. Auch die Kosten, die damit auf die Tierfreunde und den Tierschutzverein zukommen seien enorm. „Pro Kastration rechnen wir mit 100 Euro aufwärts.“ Dabei bleibe es allerdings nicht, wenn die Tiere krank sind und behandelt werden müssen. „Mit einer Augen-OP sind wir zum Beispiel ganz schnell im vierstelligen Bereich.“ Die Kosten dafür müssen Vereine tragen, die auf Spenden und Mitgliedsbeiträge angewiesen sind.

„Selbst wenn die Finanzen geklärt wären – wo sollen denn die vielen Katzen hin?“, sagt Schmid. Vierbeiner mit Wunden, Brüchen und Entzündungen müssen zunächst auf die Krankenstation des Tierheims. Dort pflegt das Personal die Tiere, bis sie fit genug sind, die Kastration zu überstehen. Auch danach müssen sie sich noch einige Tage von der Operation erholen.

Tragende Katzen und Jungtiere bleiben generell im Tierheim bis sie sich von der Geburt erholt oder geschlechtsreif sind. Dann werden auch sie kastriert. „Wir lassen kein unkastriertes Tier mehr frei“, sagt Schrade. Doch auch diese Katzen brauchen Platz. „Wir können eine Kastrationsaktion also erst beginnen, wenn wir sicher wissen, dass die Tiere im Heim unterkommen.“ (Lesen Sie auch: Im Pappkarton am Straßenrand ausgesetzt: Tierheim Marktoberdorf findet mehrere Tiere)

Tierretterin Christiane Schrade aus Marktoberdorf.
Tierretterin Christiane Schrade aus Marktoberdorf.
Bild: Stefanie Gronostay

Irrglaube über Kastrationen kursiert im Ostallgäu

Dieses Thema ist nicht neu: „Seit mindestens 20 Jahren setze ich mich für die armen Streuner in der Region ein“, sagt Christiane Schrade. Bei Michaela Schmid seien es mindestens 25 Jahre, wobei sie bereits als Jugendliche immer wieder bei Aktionen für Katzen mitgeholfen hat. Auch Tierärzte in Bayern leisten Aufklärungsarbeit. Doch warum gibt es trotzdem noch so viele unkastrierte Katzen? Laut Schmid sei der Irrglaube, dass Kätzinnen einmal Junge bekommen müssen, bevor sie kastriert werden, weit verbreitet. Auch der Mythos, dass kastrierte Katzen keine Mäuse mehr fangen, kursiere im Ostallgäu.

Das größte Problem sei aber die finanzielle Frage. Viele Landwirte können oder wollen sich die Kastration, ihrer zugelaufenen Hofkatzen, nicht leisten. Dass eine große Katzen–Population auf einem Hof auch eine Gefahr für das Vieh sei, ist laut Schrade den wenigsten Landwirten bewusst. Katzen hinterlassen Kot und Urin im Heu und verunreinigen so das Futter der Kühe. Auch tote Katzenbabys bleiben lassen Muttertiere meist im Heu liegen. (Lesen Sie auch: 50 herrenlose Katzen: Was besorgte Bürger im Ostallgäu jetzt tun)

Tierschutzverein Marktoberdorf und Tierfreunde setzen sich für Kastrationspflicht ein

Schrade, Schmid und Finkenwirth wünschen sich seit Jahren eine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht. Zwar würde das nicht alle Probleme lösen. Denn für Katzen gibt es keine Meldepflicht, weshalb die Kontrolle der Pflicht schwierig wäre. Doch durch die Kennzeichnungspflicht in Form von Tattoowierungen in den Ohren der Katzen sei für jeden sofort erkennbar ob die Katze kastriert ist oder nicht. Und das würde Tierschutzvereinen Kastrationsaktionen erleichtern.

Nach dem deutschen Tierschutzgesetz können Landesregierungen selbst entscheiden, ob sie eine solche Pflicht einführen. 2015 wurde dieses Recht auf Landkreise und kreisfreie Städte übertragen. Seitdem gibt es aber nur in zwei Städten in ganz Bayern eine Kastrationspflicht, während sie in Hessen und fast überall gilt. Allerdings rechnen weder Schrade noch Schmid damit, dass die verpflichtende Kastration in nächster Zeit komme. Bis dahin würden sie sich sehr über finanzielle Unterstützung für ihre Aktionen zum Schutz der freilaufenden Katzen freuen.

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