Serie: Marktoberdorfer Ortsgeschichte(n)

Ortsgeschichte: Als Oberdorf trotz Widerständen im Salzhandel mitmischte

Einst für den Salzhandel gebaut, ist sie heute eine Verkehrsader: Die Marktoberdorfer Salzstraße.

Einst für den Salzhandel gebaut, ist sie heute eine Verkehrsader: Die Marktoberdorfer Salzstraße.

Bild: Andreas Filke (Archivfoto)

Einst für den Salzhandel gebaut, ist sie heute eine Verkehrsader: Die Marktoberdorfer Salzstraße.

Bild: Andreas Filke (Archivfoto)

Obwohl das Geschrei der Füssener groß war, ließ das Hochstift Augsburg die Salzstraße durch Marktoberdorf bauen. Wie sich das aufs Geschäft auswirkte.
13.01.2021 | Stand: 16:52 Uhr

Straßennamen erzählen Ortsgeschichte: Eine ganze Reihe bedeutender Persönlichkeitenstecken dahinter. Aber auch Flurnamen sind oft die Namensgeber gewesen. Es ist schon über 30 Jahre her, als Anne Lutz diese Geschichten zusammengetragen hat. Die Serie erscheint nun in aktualisierter Form. Heute: „Die Salzstraße“.

Der Name „Salzstadel“ gibt im Allgemeinen keine Rätsel auf. Dennoch fragt man sich, was das handelsferne, bäuerliche Oberdorf mit dem mittelalterlichen Salzhandel zu schaffen hatte, der diesen Straßennamen rechtfertigt. Ein forschender Blick ins 18. Jahrhundert beantwortet die Frage. In jener Zeit – die Nachbarn in Kaufbeuren und Füssen konnten sich schon auf mehrere Jahrhunderte Kaufmannstradition berufen – begann sich auch in Oberdorf etwas zu rühren, was auf den Anschluss an Handel und Wandel hoffen ließ.

Der Fürstbischof von Augsburg schloss einen Vertrag mit Kurbayern ab

Nachdem Fürstbischof Josef von Augsburg 1760 die Straßen von Kaufbeuren nach Füssen und Nesselwang über Oberdorf ausgebaut hatte, bemühte sich auch sein nachfolger Clemens Wenzeslaus darum, den Markt in das Netz der Handelsstraßen einzufädeln. 1769 schloss er mit Kurbayern einen Vertrag über den Bau einer Straße für den Transport bayerischen Salzes von Schongau nach Kempten mit Zwischenstation in Oberdorf. Diese Wegstrecke war kürzer als die bislang genutzte über Füssen, Nesselwang und Oy und sollte die Fuhrkosten senken.

Welch Geschrei sich in Füssen gegen die neue Konkurrenz erhob, lässt sich leicht ausmalen, und auch die Tiroler Handelsherren stimmten in die Entrüstung ein, weil sie eine Gefahr für den Absatz des österreichischen Salzes witterten. Allen Widerständen zum Trotz ließ das Hochstift Augsburg die Straße 1773 in großer Eile und mit sparsamsten Mitteln aufschütten, wobei die anliegenden Gemeinden kräftig helfen mussten. Entsprechend schlecht fiel die Arbeit aus, und die Straße war schon nach zwei Jahren nur noch bei Frost befahrbar.

Die Fuhrleute klagten über die schlechte Straße und über Fürstabt von Kempten

Die Fuhrleute klagten über den Verlauf durch „viel moosiges“ Gelände und über die gefährliche „Katzensteig“ bei Krottenhill, und ständiges Gerangel gab es nicht nur untereinander um die Instandhaltung der Fahrbahn und der beidseitigen „Gräbele“, sondern auch mit dem sperrigen Fürstabt von Kempten wegen der Anschlussrute in seinem Hoheitsbereich.

Oberdorf mag mit seiner Faktorei als Zwischenstation durch Transit- und Lagergebühren einen hübschen Gewinn eingestrichen und mancher Bauer sich als Fuhrmann ein willkommenes Zubrot verdient haben, ein wahrhaft blühendes Geschäft aber für alle Beteiligten konnte sich wegen der unzulänglichen Straße nicht entwickeln. So sperrte sich denn auch die Marktgemeinde lange Zeit gegen den geforderten Bau eines Salzlagers und hortete zeitweilig, wenn der Weitertransport nach Kempten stockte, bis zu 2000 Fass Salz im Schloss.

Erst spät bauen die Oberdorfer einen Salzstadel - dort, wo jetzt die Tigaustraße in die Kemptener Straße mündet

Erst im Jahre 1797 entschlossen sich die Oberdorfer, ihrer Faktorei einen Salzstadel zu bauen, und sie errichteten das hölzerne Lagerhaus beim oberen Tor an der Thalhofener Straße dort, wo jetzt die Tigaustraße in die Kemptener Straße mündet.

Die Fuhrwerke kamen von Bertoldshofen her über die „Hohe Warth“ nach Oberdorf, passierten die heutige Salzstraße und übertrugen ihre Ladung nun am westlichen Ortsausgang an die Faktorei zum Weitertransport. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Eisenbahn den Fuhrwerkstranport unrentabel werden ließ, nutzte die Gemeinde den Salzstadel wechselweise als Lagerraum fürs Eichamt, als Musentempel und als Turnhalle, bis mit zunehmender Bautätigkeit im Markt der Ruf nach Abriss laut wurde.

Ein großer Brand im Jahr 1906 zerstörte den Salzstadel in Oberdorf

Noch heute vermuten alte Oberdorfer, dass ein paar Dickschädel kräftig nachgeholfen hatten, als in der Nacht des 8. September 1906 der hölzerne Stadel lichterloh brannte. Geblieben sind aus hundert Jahren Salzhandel der Name einer Straße und ein liebvoll gebasteltes Modell des Salzstadels im Heimatmuseum. Die Straße, ursprünglich ausschließlich für das bayerische Salz angelegt, ist später natürlich auch für andere Handelsgüter genutzt worden und nicht zuletzt für den Reiseverkehr mit der Postkutsche. An eine Posthalterei mit Gastwirtschaft erinnert in Oberdorf die „Neue Post“ an der Salzstraße.

Erfahren Sie hier, woher der Straßenname "Am Graben" in Marktoberdorf kommt.