Über ein Drittel der Stellen unbesetzt

Sind die jungen Leute zu bequem? Betriebe im Ostallgäu suchen händeringend nach Lehrlingen

Praktikum

Viele Ostallgäuer Betriebe suchen nach Lehrlingen.

Bild: Alexander Kaya (Sympbolfoto)

Viele Ostallgäuer Betriebe suchen nach Lehrlingen.

Bild: Alexander Kaya (Sympbolfoto)

Zahl der Bewerber im Ostallgäu drastisch gesunken. Wieso sich immer weniger junge Menschen in der Region für eine Lehre entscheiden.
22.08.2021 | Stand: 17:30 Uhr

Die Zahl der Bewerber für Ausbildungsstellen in Marktoberdorf und im Ostallgäu ist stark gesunken. Bereits seit Jahren klagen Unternehmen aus verschiedenen Branchen über viel zu wenig Interesse an ihren offenen Lehrstellen. Die Corona-Pandemie verstärkte diesen Trend im vergangenen Jahr. Besonders die Handwerks- und Gastronomiebranchen leiden. Teilweise haben Betriebe die Suche nach Lehrlingen sogar ganz aufgegeben.

Über ein Drittel der Stellen im Ostallgäu noch unbesetzt

Auch die Zahlen der Agentur für Arbeit Kempten-Memmingen, die auch für das Ostallgäu zuständig ist, bestätigen diesen Rückgang: Allein im Ostallgäu und in Kaufbeuren sind laut Armin Iqbal von der Agentur für Arbeit noch 590 von insgesamt 1404 gemeldeten Ausbildungsstellen unbesetzt. Im Vergleich zum Vorjahr haben sich im Ostallgäu 16 Prozent und in Kaufbeuren elf Prozent weniger junge Menschen auf Ausbildungsstellen beworben.

"Habe es aufgegeben zu suchen"

„Ich habe mittlerweile aufgegeben, nach Azubis aktiv zu suchen“, sagt Johannes Hirtl, Inhaber des Restaurants Zum Sailer in Marktoberdorf, wo er aktuell zwei Lehrlinge zum Koch ausbildet. Eigentlich gebe er sein Wissen gerne an junge Menschen weiter. Doch um potenzielle Bewerber zu werben und die Initiative zu ergreifen, koste viel Kraft, Energie und Zeit, die er nicht habe.

„Auch wir merken, dass weniger Bewerbungen eingehen“, sagt Renate Häfele, Inhaberin der Firma Holzbau Häfele aus Marktoberdorf. Die Situation sei zwar noch nicht dramatisch. Denn trotz des Rückgangs gehen immer genügend Bewerbungen ein, sodass das Unternehmen die zwei bis drei Lehrstellen pro Ausbildungsjahr besetzen könne. „Aber wie die Situation im nächsten Jahr ist, weiß man ja nie.“

Früher wurde einfach gemacht, heute kommen die Eltern

Woran liegt es, dass immer weniger junge Menschen sich für eine Ausbildung entscheiden? „Ich glaube, die zunehmende Bequemlichkeit in unserer Gesellschaft ist ein großes Problem“, sagt Hirtl. In seiner Ausbildung habe das Sprichwort, dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind, immer zugetroffen. „Da wurde nicht gejammert, sondern einfach gemacht“, sagt Hirtl. Bei den Vorgängern seiner aktuellen Lehrlinge habe er schon erlebt, dass er „sofort die Eltern am Hals habe“, wenn die Azubis mal etwas länger arbeiten müssten.

Betrieb im Ostallgäu tun sich schwer, Nachwuchs zu finden.
Betrieb im Ostallgäu tun sich schwer, Nachwuchs zu finden.
Bild: Patrick Pleul, dpa-Bildfunk (Symbolfoto)

Jugendliche suchen krisensicheren Jobs

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Arbeiten sei anstrengender, als in die Schule zu gehen, sagt Isabel Lubitz, Inhaberin des Friseursalons Isabel in Füssen. „Eltern finanzieren ihre Kinder heutzutage auch länger.“ Deswegen sei die Motivation, sich um einen Ausbildungsplatz zu kümmern und eigenes Geld zu verdienen, gering. Sie habe den Eindruck, dass viele Schulabgänger wegen der Corona-Pandemie zunächst einmal abwarten. „Krisensicherheit bei Jobs spielt seit dem vergangenen Jahr auch eine Rolle bei der Berufswahl“, sagt Lubitz. Und der Beruf der Friseurin oder des Friseurs sei – wie im vergangenen Lockdown deutlich wurde – alles andere als krisensicher.

Auch Robert Klauer, Kreishandwerksmeister der Region Ostallgäu-Kaufbeuren hat den Eindruck, dass die meisten Schüler aufgrund der Corona-Pandemie länger überlegen als zuvor. „Wenn der Job krisenfest sein soll, dann wäre das Handwerk gerade eine gute Wahl.“ Die meisten Betriebe sind laut Klauer gut durch die Pandemie gekommen – einige profitierten sogar. „Alle renovieren, alle brauchen dringend Handwerker.“

Dennoch fehlen vor allem im Handwerk die Bewerber – und das nicht erst seit der Corona-Pandemie: Handwerksbetriebe seien es mittlerweile gewohnt, mehr Stellen anzubieten, als Lehrlinge zu bekommen, sagt der Kreishandwerksmeister. „Und wenn wir wüssten, woran das liegt, hätten wir es schon längst geändert.“

Zu Wenig Fachkräfte für die Menge an Arbeit

Lange Wartezeiten für Kunden seien mittlerweile Standard. „Wir haben einfach zu wenig Fachkräfte für die Menge an Arbeit.“ Da nun viele Menschen lange auf Handwerker warten müssen und merken, dass sie auf diesen Berufszweig angewiesen sind, hofft Klauer auf ein Umdenken. „Vielleicht kommt es endlich in der Gesellschaft an, wie wichtig die Branche ist“, sagt er.

Wegen Corona gab es wenig Beratung

Im Jahr 2021 war die berufliche Orientierung für Schülerinnen und Schüler aufgrund der Pandemie schwerer als sonst, sagt Armin Iqbal von der Agentur für Arbeit. Betriebe konnten kaum Kontakt zu den Schülern aufnehmen. Auch Berufsberatungen mussten online oder per Telefon stattfinden, sodass die Berufsberaterin oder der -berater nicht so nah am Schüler sein konnte.

Für die, die sich noch nicht entschieden haben, ist es noch nicht zu spät: In einigen Betrieben sind sogar für das kommende Ausbildungsjahr, das am 1. September beginnt, noch Plätze frei. Auch im Handwerk gebe es noch offene Stellen. „Wir hoffen natürlich, dass sich die Unentschlossenen doch noch kurzfristig für das Handwerk entscheiden“, sagt Iqbal.

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