Straßen in Marktoberdorf

Straße "Am Graben": Nur der Name ist in Marktoberdorf geblieben

Um der Marktordnung gerecht zu werden, mussten die Oberdorfer 1459 den Ort befestigen. Aus dieser Zeit stammt der Straßennamen „Am Graben“.

Um der Marktordnung gerecht zu werden, mussten die Oberdorfer 1459 den Ort befestigen. Aus dieser Zeit stammt der Straßennamen „Am Graben“.

Bild: Gerlinde Schubert

Um der Marktordnung gerecht zu werden, mussten die Oberdorfer 1459 den Ort befestigen. Aus dieser Zeit stammt der Straßennamen „Am Graben“.

Bild: Gerlinde Schubert

Straßen erzählen Geschichte: Was das Sträßlein zwischen Froelichstraße und Buchelweg in Marktoberdorf mit der Marktordnung von 1459 im Mittelalter zu tun hat.
Um der Marktordnung gerecht zu werden, mussten die Oberdorfer 1459 den Ort befestigen. Aus dieser Zeit stammt der Straßennamen „Am Graben“.
Von Anne Lutz
05.01.2021 | Stand: 05:45 Uhr

Straßennamen erzählen Ortsgeschichte: Eine ganze Reihe bedeutender Persönlichkeitenstecken dahinter. Aber auch Flurnamen sind oft die Namensgeber gewesen. Es ist schon über 30 Jahre her, als Anne Lutz diese Geschichten zusammengetragen hat. Sie erscheinen nun teils in aktualisierter Form. Heute: „Am Graben“.

15 000 Kubikmeter Erde wurden bewegt - ganz ohne Bagger

Unermüdlich müssen wohl unsere Vorfahren gegraben und geschaufelt haben, ehe sie voll Stolz auf Oberdorfs Befestigungsanlage aus Wall und Graben blicken konnten. Eine schwache Ahnung ihrer Schaufelarbeit, die ihnen die Marktordnung von 1459 auferlegt hatte, vermittelt ein Bummel auf dem Sträßlein „Am Graben“, das aus südwestlicher Richtung zur Buchel hinaufführt.

Schätzt man die Grabentiefe auf 2,50 Meter und rechnet die Böschungen hinzu, so ergibt sich bei einer Gesamtlänge von 1200 Metern rund um Oberdorf immerhin eine Erdbewegung von etwa 15000 Kubikmetern, die aufzuhacken, auszuschaufeln, umzusetzen und als Wall aufzuschütten und anzuböschen waren. Eine beachtliche Leistung, die uns vom Bagger verwöhnten Nachkommen Respekt abverlangen sollte.

Befestigung soll 100 Oberdorfer Häuser schützen

Diese aufwendige Arbeit war der Preis für die Markterhebung, die den frischgebackenen Bürgern also nicht nur Jahrmarktsfreuden und das Recht auf „Stock und Galgen“ einbrachte, sondern ihnen auch eine Befestigungsanlage als Pflicht auferlegte, die ihre zu jener Zeit etwa 100 Häuser und deren Einwohner ebenso schützen sollte wie Händler und Besucher an Markttagen. Mit der Erfindung der Feuerwaffen allerdings verlor die Anlage ihren Sinn.

Ihre Reste konnte man noch bis ins späte 19. Jahrhundert recht gut erkennen. Unterhalb der Straße „Am Graben“ gab es noch einen kleinen Tümpel, einen Grabenrest, und auch die zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts bebaute Straße war noch als Wall erkennbar. Wenn Bader Forster aus der Salzstraße zu seinem Krautgarten jenseits des Walles wollte, musste er ein Treppchen hinauf- und ein Treppchen wieder hinabsteigen.

Warum 86 Stück Hornvieh und 30 Schafe ertranken

Ähnlich lange hielt sich die Befestigungsanlage im Westen von Oberdorf. Bevor die 1891 beginnende Kanalisation den Graben trockenlegte, speisten ihn Oberdorfs offene Bächlein reichlich mit Wasser – am reichlisten wohl am 4. Mai 1768, als ein heftiges Gewitter mit Hagel und Regen den Markt so unter Wasser setzte, dass 86 Stück Hornvieh und 30 Schafe in den Ställen ertranken und die „Hagelschlossen vier Schuh hoch“ lagen.

Als der westliche Graben trocken lag, füllte man ihn mit Erdreich aus dem Wall auf und legte einen Fahrweg an, der lange Zeit „Wallgraben“ hieß und erst nach dem Zweiten Weltkrieg in „Birkenweg“ umbenannt wurde. Durch das „Grabengäßle“, das die „Hinthere Gasse“ (jetzt Meichelbeckstraße) nördlich mit dem „Wallgraben“ verband, schuf man schon frühzeitig einen Fußweg über Wall und Graben, um die Pesttoten auf kürzestem Wege aus dem Ort und dann auf dem langen Weg um Oberdorfs Nordwestecke übers „Todtengäßle“ zum Gottesacker zu schaffen. Der Pestfriedhof im Süden der Stadt entstand wohl erst im Dreißigjährigen Krieg.

Was heute in Marktoberdorf noch ans Obere und Untere Tor erinnert

Die offiziellen Ein- und Ausgänge bildeten natürlich das „Obere Tor“ an der Ecke Meichelbeck- und Kemptener Straße und das „Untere Tor“ an der Kaufbeurer Straße. Wer das „Obere Dearle“ abgebildet sehen möchte, sollte während der Messe in der Martinskirche einmal seinen Blick ganz unauffällig ins rechte untere Eck des Gemäldes am Muttergottesaltar schweifen lassen.

Außer dieser bescheidenen Darstellung im Halbdunkel erinnern die alten Bezeichnungen „Torbäck“ und „Torschneider“ noch an Oberdorfs schlichte Ein- und Ausgangsgebäude, und auch Wall und Graben bleiben zumindest jenen im Gedächtnis, die alte Katasterblätter zu studieren haben und dort Grundstücksnamen wie „Uffm Graben“ oder „Hinterm Graben“ finden.