Gemeinnütziger Träger

"Systemwechsel": Vor diesen Herausforderungen steht die Lebenshilfe Ostallgäu

Die Lebenshilfe Ostallgäu sagt: "Die Selbstbestimmung der Menschen steht klar im Fokus".

Die Lebenshilfe Ostallgäu sagt: "Die Selbstbestimmung der Menschen steht klar im Fokus".

Bild: Paul Zinken, dpa (Symbolfoto)

Die Lebenshilfe Ostallgäu sagt: "Die Selbstbestimmung der Menschen steht klar im Fokus".

Bild: Paul Zinken, dpa (Symbolfoto)

Die Lebenshilfe Ostallgäu steht vor neuen Herausforderungen. Hilfen werden immer kleinteiliger. Gleichzeitig macht der Fachkräftemangel zu schaffen.
16.10.2021 | Stand: 18:39 Uhr

Vieles verändert sich in der Behindertenhilfe, dies wurde auf der Jahresversammlung der Lebenshilfe Ostallgäu deutlich. „Jeder Mensch hat das Recht auf volle Teilhabe und wohnortnahe, kleinteilige Hilfen,“ sagt Wolfgang Neumayer, Erster Vorsitzender. Dies ist im Bundesteilhabegesetz verankert und soll bis 2023 umgesetzt werden. Träger wie die Lebenshilfe stellt das jedoch vor Herausforderungen. Mehr Wahlmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung bedeuten im Umkehrschluss mehr Flexibilität von Angeboten, Diensten und Personal. „Doch die Selbstbestimmung der Menschen steht für uns klar im Fokus.“

Als Navigationssystem soll das neue Leitbild gelten, das derzeit in einer Projektgruppe gemeinsam mit dem Organisationsentwickler Markus Flum erarbeitet werde. „Es werden in Zukunft neue Werte gelten, das Selbstverständnis der Lebenshilfe wird sich verändern“, sagt Flum. Die Lebenshilfe stelle für diesen „Systemwechsel“ bereits seit Jahren die Weichen.

Im Marktoberdorfer Zentrum entsteht ein neues Wohnheim

Claudia Kintrup von der Geschäftsführung der Lebenshilfe Ostallgäu nannte beispielhaft das neu entstehende Wohnheim für 19 Menschen mit einer Behinderung im Zentrum von Marktoberdorf, das zum Januar 2023 bezogen werden kann. In Planung ist eine weitere Wohneinheit in Füssen mit bis zu 24 Plätzen. Neben Wohnraum für Menschen mit sehr hohem Hilfebedarf werden dabei auch spezielle Angebote für Menschen mit einer „erworbenen Hirnschädigung“ entstehen. „Wir sind hierbei im engen Austausch mit den Fachkliniken in Enzensberg. Bislang gibt es hier in der Region keine geeigneten Wohnmöglichkeiten für diese Zielgruppe, die Nachfrage danach ist entsprechend hoch.“

Auch im Jugendbereich tut sich einiges. Neben intensiven Sanierungs- und Brandschutzarbeiten in der Heilpädagogischen Tagesstätte am Sonneneck Kaufbeuren wird die Lebenshilfe die Trägerschaft für das geplante Kinderhaus mit 180 Plätzen am Generationencampus Kleeblatt in Neugablonz übernehmen. Start hierfür ist 2024. „Das sind Meilensteine für uns, aber gleichzeitig Projekte, die den Fachkräftemangel im pädagogischen und pflegerischen Bereich zu einer unserer größten Herausforderungen in den nächsten Jahren machen.“

Auch Wertachtal-Werkstätten verändern sich

Auch die Wertachtal-Werkstätten, ein hundertprozentiges Tochterunternehmen der Lebenshilfe Ostallgäu, befinde sich auf einem Weg der Veränderung, beschreibt Geschäftsführer Ralf Grath. „Wir müssen uns weiterentwickeln und durch Außenarbeitsplätze mehr Nähe zum ersten Arbeitsmarkt schaffen, das ist unser Auftrag. Und gleichzeitig müssen wir den sicheren Raum einer Werkstatt gewähren,“ betont Grath die Parallelität der Angebote.

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Für den Bereich Inklusion am Arbeitsmarkt wurden Stellen geschaffen, weitere Außenarbeitsplätze aufgebaut und bereits einzelne Beschäftigte in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung geführt. Umfangreiche Modernisierungsmaßnahmen für die Standorte Kaufbeuren und Marktoberdorf sind geplant, doch Fördergelder der Staatsregierung und des Bezirk Schwaben sind aufgrund von massiven Haushaltskürzungen derzeit noch offen. Meilensteine für die Werkstätten waren die Verlagerung der Wäscherei in Marktoberdorf ins Zentrum und die Eröffnung eines Ladengeschäfts in der Füssener Innenstadt.

„Eine große finanzielle Unsicherheit prägte die letzten Corona-Monate,“ bilanzierte Klaus Prestele, dritter im Bund des Geschäftsführungs-Trios. Viele Planungen waren nur auf kurze Sicht möglich, noch heute seien nicht alle Leistungen aus 2020 abgerechnet.

Lebenshilfe Ostallgäu größte gemeinnützige Träger im Allgäu

Doch habe der Verein die bisherige Pandemie gut überstanden. Mittlerweile zählt die Lebenshilfe Ostallgäu zu einem der größten gemeinnützigen Träger im Allgäu: 540 Mitarbeiter arbeiten für den Verein und noch einmal 880 für das Tochterunternehmen Wertachtal-Werkstätten. Prestele ging ebenso auf die Stiftung Lebenshilfe Ostallgäu-Kaufbeuren ein, deren Zweck es ist, Menschen mit einer Behinderung in der Region zu unterstützen.

Um den Verein für die kommenden Entwicklungen zu rüsten und gleichzeitig eine aktuell gültige Basis zu erhalten, wurde über ein Jahr an einer neuen Satzung gearbeitet, berichtete Wolfgang Neumayer. Da die Mitglieder im Vorfeld bereits den neuen Satzungsentwurf per Post erhielten, wurde dieser nach nur wenigen Nachfragen einstimmig verabschiedet.

In allen Beiträgen der Geschäftsführung und des Vorsitzenden wurde deutlich, dass die Corona-Pandemie extreme Einschnitte für Menschen mit einer Behinderung und deren Familien hervorgebracht hat. „Ohne die Flexibilität und das Engagement unserer Mitarbeiter wären wir nicht durch die vergangenen Monate gekommen,“ zeigt sich Wolfgang Neumayer dankbar für den Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den über 35 Einrichtungen der Lebenshilfe Ostallgäu und Wertachtal-Werkstätten.

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