Serie: Marktoberdorfer Ortsgeschichte(n)

Unter Bürgermeister Kriß erlebt Marktoberdorf den Aufschwung

Bürgermeister Gustav Kriß führt den damaligen Markt Oberdorf nach Krieg und Inflation zu neuer Blüte. Ihm zu Ehren ist in der Stadt eine Straße benannt.

Bürgermeister Gustav Kriß führt den damaligen Markt Oberdorf nach Krieg und Inflation zu neuer Blüte. Ihm zu Ehren ist in der Stadt eine Straße benannt.

Bild: Dirk Ambrosch

Bürgermeister Gustav Kriß führt den damaligen Markt Oberdorf nach Krieg und Inflation zu neuer Blüte. Ihm zu Ehren ist in der Stadt eine Straße benannt.

Bild: Dirk Ambrosch

Viele Marktoberdorfer können dank seiner Hilfe nach dem Krieg ein Eigenheim bauen. Was der Bürgermeister dafür alles in Bewegung gesetzt hat.
Bürgermeister Gustav Kriß führt den damaligen Markt Oberdorf nach Krieg und Inflation zu neuer Blüte. Ihm zu Ehren ist in der Stadt eine Straße benannt.
Von Anne Lutz
17.01.2021 | Stand: 14:07 Uhr

Straßennamen erzählen Ortsgeschichte: Eine ganze Reihe bedeutender Persönlichkeiten stecken dahinter. Aber auch Flurnamen sind oft die Namensgeber gewesen. Es ist schon über 30 Jahre her, als Anne Lutz diese Geschichten zusammengetragen hat. Sie erscheinen nun in aktualisierter Form. Heute: die Krißstraße.

Zu keiner anderen Zeit wuchs Marktoberdorf so schnell wie in den 1960er Jahren. Bei kommunalen und gewerblichen Bauvorhaben herrschte Hochkonjunktur und die Wohngebiete dehnten sich in alle Himmelsrichtungen aus.

Der Mann, zu dessen Ehre damals im südlichsten der neuen Baugebiete die Krißstraße benannt wurde, während etwa zur gleichen Zeit seine Buchbinderei mit Schreibwarengeschäft an der Eberle-Kögl-Straße der Spitzhacke zum Opfer fiel, hätte zu seinen Lebzeiten von einer so üppigen wirtschaftlichen Blüte seines Heimatortes nicht einmal zu träumen gewagt. Als der Buchbindermeister Gustav Kriß Bürgermeister war, von 1909 bis 1924, ahnte man nichts vom späteren steilen Aufstieg des Marktes zur Kreisstadt, denn in diese Amtsperiode fielen der Erste Weltkrieg und die Inflation.

Er führt die Gemeinde durch die Zeit der Inflation

Kriß sah die jungen Männer seiner Gemeinde mit ihrer vaterländischen Begeisterung in den Krieg ziehen, aus dem 80 nicht zurückkehrten, und er erlebte den wirtschaftlichen Niedergang in den Jahren danach mit. Im bäuerlich-handwerklich geprägten Oberdorf zeigte die Inflation gewiss nicht die gleichen katastrophalen Auswirkungen wie in den Städten und Industriegebieten, aber Probleme brachte sie einem Bürgermeister auch hier.

Kriß sah dem Geschehen nicht gänzlich tatenlos zu. Als Gemeindeoberhaupt und Vorsitzender des Gewerbevereins suchte er gemeinsam mit der Genossenschaftsbank und risikofreudigen Geschäftsleuten, die Schäden gering zu halten. Dass die Bautätigkeit beispielsweise im Ort nicht völlig erlahmte und die Bauarbeiter nicht alle arbeitslos würden in einer Zeit, da Stundenlöhne in Milliardenhöhe zu zahlen waren, ließ er für Bauwillige und mutige Unternehmer Gutscheine mit dem Oberdorfer Wappen drucken und in der letzten Phase der Inflation sogar Dollarschecks - ein gewagtes Unternehmen, denn sie waren nur durch Vertrauen gedeckt. Die "Oberdorfer Währung" galt nur am Ort und in der näheren Umgebung.

Sein Verhandlungsgeschick zahlt sich aus

Als im November 1923 der Spuk vorüber war, hatte sich das Risiko gelohnt. Die Umwertung in Reichsmark klappte reibungslos. Zwar waren die hübschen weißen, gelben und blaugrünen Goldmark-Gutscheine ebenso wie die Dollarschecks nur noch Pfennige wert, als ihre Besitzer zur Kasse gebeten wurden, aber sie hatten ihren Zweck erfüllt und in einer Zeit größter Unsicherheit ermöglicht, mit Bauten bleibende Werte zu schaffen.

Glücklicherweise sah Kriß auch normale Zeiten. Immerhin knüpfte er 1909, als er mit 56 Jahren Bürgermeister wurde, an die friedvolle Ägide unter seinem Vorgänger Xaver Heel an, und außerhalb Oberdorfs geschahen auch kaum aufregendere Dinge, als dass Graf Zeppelin mit seinem Luftschiff das Allgäu überflog, in Amerika der Muttertag eingeführt wurde, in London ein Friseur die erste Dauerwelle in weibliche Haarpracht legte und sich in den Alpen Skisport und Fremdenverkehr entwickelten.

Gustav Kriß eröffnete gleich im ersten Jahr seiner Amtszeit eine gewerbliche Berufsschule in Oberdorf und begann 1911, also zwei Jahre später, mit dem Bau jener ersten Turnhalle, die 1953 zum Stadttheater umfunktioniert wurde. Eine alte Fotografie zeigt den Bürgermeister mit Kinn- und Schnauzbart unterm Hut bei der Hebauffeier inmitten der Bauhandwerker.

Er betrieb die Erweiterung der Wasserversorgung und zum gleichen Zweck den Ankauf der Quellen von Kirchthal bei Lengenwang. Für die Feuerwehr beschaffte er eine neue Spritze, und den Turnern überließ er auf der Buchel einen Sportplatz.

Kriß wird kurz vor seinem Tod zum Ehrenbürger ernannt

Als Kriß 1924 mit 71 Jahren sein Amt als Bürgermeister niederlegte, bildete Oberdorfs neues, stattliches Postgebäude gewissermaßen den krönenden Abschluss seiner Amtszeit. Bis zu diesem Neubau hatte die Post ihre Geschäfte im Erdgeschoss des alten Rathauses abgewickelt, sozusagen zu Füßen des Bürgermeisters, der im Obergeschoss residierte.

Kurz bevor Kriß im Alter von 88 Jahren starb, erlebte er noch die Freude, in die Reihe der Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde aufgenommen zu werden. Das war 1940, im Zweiten Weltkrieg also. Die Schrecken dieses Krieges in ihrer Gesamtheit mitzuerleben, blieb ihm erspart.