Neuerscheinung

Versuche mit Menschen statt mit Kaninchen: Beklemmendes Buch über KZ-Arzt aus Roßhaupten

Das neueste Werk von Hans Schütz dreht sich um dessen Begegnungen mit dem KZ-Arzt Dr. Hans Münch.

Das neueste Werk von Hans Schütz dreht sich um dessen Begegnungen mit dem KZ-Arzt Dr. Hans Münch.

Bild: Repro: AZ

Das neueste Werk von Hans Schütz dreht sich um dessen Begegnungen mit dem KZ-Arzt Dr. Hans Münch.

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Der Ostallgäuer Hans Schütz hat über KZ-Arzt Hans Münch ein Buch geschrieben. Wie er den verbrecherischen Auschwitzarzt, der auch in Roßhaupten wohnte, erlebte.
12.11.2020 | Stand: 12:06 Uhr

Es sind Sätze wie diese, die einen schaudern lassen: „Ich konnte an Menschen Versuche machen, die sonst nur an Kaninchen möglich sind. Das war wichtige Arbeit für die Wissenschaft.“ So verteidigte sich Dr. Hans Münch einst in einem Spiegel-Interview. Münch gehörte zu den Ärzten, die im Konzentrationslager Auschwitz menschenverachtende medizinische Forschung an Lagerinsassen durchgeführt hatten, später praktizierte er in Roßhaupten. Der aus Lechbruck stammende Schriftsteller Hans Schütz hat nun ein Buch über seine Begegnungen mit dem KZ-Arzt veröffentlicht.

Schütz greift in seinen Romanen immer wieder auf eigene Lebenserfahrungen zurück, wie in „Nebelstochern“, der sich mit der heilen Welt seiner Kindheit am Lech in den 1950er und 60er Jahren befasst. Oder in „Ludwig zum Zweiten“, der den gesellschaftlichen Wandel 1968 in dem Provinzstädtchen Füssen beschreibt. Sein neustes Buch „Der gute Mensch von Auschwitz? Meine Begegnungen mit dem KZ-Arzt Dr. Hans Münch“ ist aus einer ganz besonderen persönlichen Betroffenheit entstanden. Denn Hans Schütz war als junger Student in den 1970er-Jahren mehrfach bei Münch in dessen griechischem Ferienhaus zu Gast, da er mit einem seiner Söhne befreundet war.

Von Münchs Vergangenheit wusste er nichts

Von der Vergangenheit Münchs als KZ-Arzt in Auschwitz wusste er damals allerdings nichts. Bis heute beschäftigt den Autor der Zwiespalt zwischen sehr positiven Erinnerungen an Dr. Münch und den Ferienaufenthalten bei ihm im griechischen Fischerdörfchen Afissos, und der Tatsache, dass es sich bei ihm um einen der menschenverachtenden Täter im Konzentrationslager Auschwitz handelte.

Eiter injiziert, Häftlinge mit Malaria infiziert

Hans Münch hatte mit Beginn des Zweiten Weltkrieges in bayerischen Landarztpraxen die Vertretung eingezogener Ärzte übernommen. 1943 trat er der Waffen-SS bei und wurde an das Hygiene-Institut der Waffen-SS Rajsko versetzt, ein Außenlager des Konzentrationslagers Auschwitz. Dort führte er an KZ-Häftlingen Experimente zu Rheuma und Malaria durch. So soll er Menschen Eiter injiziert haben, um den Zusammenhang zwischen vereiterten Zahnwurzeln und Rheumatismus zu untersuchen, oder Häftlinge mit dem Malaria-Erreger infiziert haben, um festzustellen, ob sie dagegen immun sind oder nicht.

Warum Münch zunächst als "guter Mensch von Auschwitz" galt

Nach dem Krieg wird ihm im polnischen Krakau der Prozess gemacht. Zeugen sagen zu seinen Gunsten aus, als Einziger von 40 Angeklagten wird er freigesprochen. Im Urteil hieß es, er sei den Häftlingen gegenüber wohlwollend eingestellt gewesen. Nach dem Freispruch in Polen galt Münch als der „gute Mensch von Auschwitz“. Er wurde auch als Sachverständiger gehört – etwa 1964 beim Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main – und konnte seiner Tätigkeit als praktischer Arzt in eigener Praxis in Roßhaupten nachgehen.

Doch 1998 gab der damals 87-Jährige dem Spiegel als letzter noch lebender KZ-Arzt von Auschwitz ein Interview, das die Legende des „guten Menschen“ zum Einsturz brachte. Sagte er doch über sich: „Ich bin ein human eingestufter, nicht verurteilter Kriegsverbrecher.“ Und er räumte ein: „Ja, natürlich bin ich ein Täter. Ich habe viele Leute gerettet. Dadurch, dass ich ein paar umgebracht habe.“ Jahrzehnte nach Kriegsende ermittelte daher die deutsche Justiz gegen Münch. Das Verfahren jedoch wurde im Januar 2000 wegen „fortgeschrittener Demenz“ bei dem hochbetagten Mann eingestellt.

Was das Buchprojekt mit Schuld und Sühne zu tun hat

Auch Schriftsteller Hans Schütz erfuhr erst durch den Spiegel-Bericht von der Vergangenheit des Dr. Hans Münch. Begleitet von Erinnerungen an wunderschöne Ferienerlebnisse beginnt Schütz zu recherchieren. Immer mehr Fragen stellen sich und mehr und mehr nehmen die Verwirrungen zu. So entstand dieses Buchprojekt – eine literarisch-dokumentarische Auseinandersetzung über NS-Verbrechen, Schuld, Sühne, und die Aufarbeitungsdebatte der Nachkriegszeit.

Im Vorwort schreibt Professor Dr. Gerhard Kral: „Es ist ein außerordentlicher Glücksfall, dass Hans Schütz authentisch die Lebenswelt des Hans Wilhelm Münch über viele Jahre miterlebte und in einer rundum gelungenen biografischen Dokumentation die besondere Form der ,Bewältigung’ der Vergangenheit und die unbeschädigte Fortsetzung der beruflichen Karriere in der freien Gesellschaft der Grund- und Menschenrechte erschließt.“ Die Darstellung besteche vor allem durch die gelungene Verquickung von privatem Erlebnis und historisch-soziologischer Analyse.