"Der hat hier nichts verloren"

Warum der Wolf im Ostallgäu nicht gern gesehen ist

Wanderzeit der Wölfe: Zweite bestätigte Sichtung 2018

Wölfe breiten sich in Deutschland immer weiter aus und viele Menschen finden das gut. Im Ostallgäu aber könnte es der große Beutegreifer schwer haben.

Bild: Klaus Dietmar (dpa)

Wölfe breiten sich in Deutschland immer weiter aus und viele Menschen finden das gut. Im Ostallgäu aber könnte es der große Beutegreifer schwer haben.

Bild: Klaus Dietmar (dpa)

Der Wolf hätte es im dicht besiedelten Ostallgäu schwer. Doch was würde passieren, wenn es in der Region einen Problemwolf gäbe?
14.07.2021 | Stand: 04:30 Uhr

Eine Mehrzahl der Menschen in Deutschland sieht die Anwesenheit von Wölfen weiter positiv. Das ergab laut Landesbund für Vogelschutz (LBV) eine repräsentative Umfrage. 76 Prozent der Befragten gaben an, dass Wölfe selbst dann in Deutschland leben sollen, wenn es Probleme gibt. 65 Prozent sagen allerdings auch, dass Tiere, die Probleme verursachen, notfalls getötet werden müssen. Diese Umfrage und das Auftauchen eines Wolfes im Landkreis Dillingen nahmen wir zum Anlass, bei Interessensvertretern nachzufragen, was sie von Wölfen im Ostallgäu halten.

Wölfe im Ostallgäu könnten eine Gefahr für das Nutzvieh sein

„Ein Wolf hat in dieser Region nichts verloren“, sagt Thomas Kölbl, Geschäftsführer der Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbands (BBV) im Ostallgäu. Das Argument, in anderen Ländern funktioniere es, gelte nicht. Dabei dienten oft geringer besiedelte Gebiete oder solche, in denen Wölfe gejagt werden dürfen, als Vergleich. Das Umfrageergebnis erklärt er damit, dass auch Städter teilnahmen. Diese hätten oft eine zu romantische Vorstellung und seien nicht mit den Schäden konfrontiert, die solche Tiere verursachen – zum Beispiel, wenn sie Nutzvieh töten. Sei das der Fall, ließen Landwirte ihre Tiere nicht mehr auf die Weide.

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Da Anbindehaltung aber unerwünscht sei, bedeute das zum einen das Aus kleinerer Betriebe. Zum anderen beeinflusse es das Landschaftsbild – besonders in den Bergen. Schutzzäune seien dort unrealisierbar. Sie müssten 1,50 bis zwei Meter hoch und untergrabungssicher sein. Herdenschutzhunde fielen ebenfalls aus, da sie ihre Herde auch gegen Wanderer verteidigen. Es gehe nicht darum, Tiere auszurotten. „Aber wir brauchen eine vernünftige Lösung“, sagt Kölbl. Macht ein Wolf Probleme, müsse er ohne bürokratischen Aufwand entfernt werden können. Der strenge Schutz sei nicht mehr nötig, da die Zielgröße von 1000 Wölfen in Deutschland überschritten sei.

"Wo der Wolf jagt, wächst der junge Wald"

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Dieter Stosik, Geschäftsführer der Forstbetriebsgemeinschaft (FBG) Füssen sieht das ähnlich: „Leider ist das europäische Artenschutzrecht so streng, dass Entnahmen von Problemwölfen nur mit riesigem bürokratischem Aufwand möglich wären.“ Man sehe das beim Biber. Bei Schäden stünden Grundbesitzer trotz des Ausgleichsfonds als Bittsteller da und würden mit Almosen abgespeist. Entnahmen erfolgten im Ostallgäu viel zu zurückhaltend, trotz teilweise massiver Probleme und obwohl die Population nicht mehr vom Aussterben bedroht sei. „Beim Wolf wäre es ähnlich. Die meisten Äußerungen unserer Waldbesitzer richten sich deshalb gegen den Wolf“, sagt Stosik. Aus rein forstlicher Sicht jedoch wäre gegen den Beutegreifer nichts einzuwenden. „Wo der Wolf jagt, wächst der junge Wald. Aber unsere Wälder sind Teil einer von Viehhaltung geprägten Kulturlandschaft in einem dicht besiedelten Land.“

Der Wolf könnte im Ostallgäu Probleme bereiten

Auch Hans Hack, Zweiter Vorsitzender der Bund Naturschutz-Kreisgruppe Ostallgäu/Kaufbeuren fürchtet, dass die Ansiedlung des Wolfes Probleme bringt, denn „er lebt in Rudeln von zehn bis 20 Tieren. Er ist ein Raubtier und sucht sich seine Beute auch bei Nutztieren“, sagt der Halblecher. Zudem sei der Wolf scheu und zieht sich gern in unbewohnte Wälder zurück. „Darin liegt das Hauptproblem, das nur sehr schwer zu lösen sein wird.

Diese Rückzugsgebiete gibt es im ganzen Alpenvorland und in den Hochalpen kaum noch“, berichtet Hack. Das mache eine Ansiedelung von Wölfen in der Region fast unmöglich. Nicht übersehen werden dürfe allerdings der große Vorteil, den der Wolf bringen könnte, in dem er zur Reduzierung des Wildbestandes beitrage und so helfe, die Fichtenwälder in überlebensfähige, natürliche Mischwälder umzubauen.

Das Thema Wölfe polarisiert das Ostallgäu

Stefan Fredlmeier, Tourismusdirektor in Füssen, weiß, dass das Thema Wölfe „polarisiert. Dies hat damit zu tun, dass einzelne Interessengruppen extreme Auswirkungen auf ihr Lebens- und Geschäftsmodell befürchten. Wenn Biodiversität aber ein übergeordnetes Ziel ist, kann man nicht jegliche Entwicklung der Nutzenmaximierung des Menschen unterordnen.“ Wolle man der Artenvielfalt wieder mehr Platz einräumen, wäre es folgerichtig, dem Wolf, den der Mensch einst vertrieben hat, eine Chance zu geben.

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Allerdings seien die Menschen es gewöhnt, die Landschaft so zu gestalten, dass sie einen maximal vertretbaren wirtschaftlichen und – aus menschlicher Sicht – ästhetischen Nutzen bietet sowie Gefahr für Leib, Leben und Geschäft minimiert wird. „Für Einheimische und Touristen dürften die scheuen Wölfe keine Gefahr darstellen, aber für die Alp- und Landwirtschaft durchaus“, sagt Fredlmeier. Er sieht „aktuell keine Aussicht für eine Ansiedlung des Wolfes in unseren Kulturlandschaften“.

Wölfe können theoretisch überall leben

Isabel Koch, Vorsitzende der Kreisgruppe Füssen des Bayerischen Jagdverbandes (BJV) hält die Ansiedlung von Wölfen im Ostallgäu ebenfalls für problematisch. „Wölfe haben keine besonderen Lebensraumansprüche, sie können theoretisch überall leben“, sagt sie. Allerdings sollten sich Störfaktoren wie beispielsweise der Straßenverkehr in Grenzen halten und das Nahrungsangebot müsse stimmen. Infrage kommen daher wenig besiedelte Tieflandlandschaften sowie die meisten deutschen Mittelgebirge.

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Im Ostallgäu dagegen sei „zu viel los für den Wolf“. Hier lebten zu viele Menschen und die Besucherzahlen seien zu hoch. Dazu komme die Alpwirtschaft. Dort, wo es für große Beutegreifer geeignete Lebensräume gibt und ein konfliktfreies Miteinander möglich ist, spreche aber nichts gegen eine Wiederansiedlung. „Der Wolf ist ein faszinierendes Tier und Teil unserer Natur“, sagt Koch. Auch sei eine natürliche Selektion seiner in der Natur vorkommenden Beutetiere völlig vertretbar. Sie glaubt aber nicht, dass er wesentlich zur Reduktion des Schalenwildbestands beitragen wird. Denn warum sollte er diesem Wild hinterherjagen, wenn Nutztiere einfacher zu haben sind?