Gefährliche Einsamkeit

Warum die Corona-Zeit besonders für  Alkoholiker zur Gefahr werden kann

Viele versuchen in der Coronakrise, Sorgen mit Alkohol erträglicher zu machen. Das lassen Zahlen des Marktforschungsinstituts GfK vermuten. (Symbolfoto)

Viele versuchen in der Coronakrise, Sorgen mit Alkohol erträglicher zu machen. Das lassen Zahlen des Marktforschungsinstituts GfK vermuten. (Symbolfoto)

Bild: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Viele versuchen in der Coronakrise, Sorgen mit Alkohol erträglicher zu machen. Das lassen Zahlen des Marktforschungsinstituts GfK vermuten. (Symbolfoto)

Bild: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Wegen Corona konnten sich die Anonymen Alkoholiker im Ostallgäu lange nicht treffen. Doch die Gemeinschaft ist wichtig. Was sind die Folgen?
28.09.2020 | Stand: 07:56 Uhr

Sich den Frust von der Seele reden oder einfach nur da sein, zuhören, sich in der Gruppe aufgehoben fühlen – die sogenannten „Meetings“, also regelmäßige Gruppentreffen, sind der wichtigste Baustein im Konzept der Anonymen Alkoholiker (AA). Betroffene können sich in einem geschützten Raum austauschen, im Kreis von Menschen, die ihre Sorgen, Ängste und Probleme aus dem eigenen Leben kennen. Das Motto lautet: Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen. Wegen Corona war das mit einem Schlag nicht mehr möglich. Die AA waren und sind somit von den Pandemie-Schutzmaßnahmen in besonderer Weise betroffen. Denn wenn dieser Austausch, das Gehaltensein in der Gemeinschaft fehlt, steigt das Rückfallrisiko für Alkoholabhängige, auch für die trockenen.

Alkohol als vermeintlicher Sorgenlöser

Dass Alkohol häufig als vermeintlicher Sorgenlöser genutzt wird, bestätigt Hans (), seit über 20 Jahren trockener Alkoholiker. Weil Trinken – zumindest kurzfristig – bei der Stressbewältigung hilft, sinkt die Hemmschwelle, der Marktoberdorfer kennt das aus eigener Erfahrung. Und auch die Einsamkeit spiele bei Suchterkrankungen immer eine Rolle, „nicht nur beim Alkohol und auch nicht erst seit Corona“, glaubt Hans. Doch zu verstehen, dass Alkohol die Einsamkeit nicht löst, sondern – im Gegenteil – sie sogar noch verstärkt, das sei ein langer Prozess. Eine Entwicklung, bei der die regelmäßigen Begegnungen mit anderen Betroffenen helfen.

Der wichtigste Teil seines Lebens

Auch heute noch, 20 Jahre nach seinem letzten Schluck Alkohol, sei das Meeting ein wichtiger Teil seines Lebens. Hans geht zu den Treffen in Kaufbeuren. Auch in Marktoberdorf findet ein Meeting statt. „Wenn ich dort sitze, ist die Welt außen vor“, sagt Hans. Zeit, die ihm gehöre und in der er sich um sich kümmere. Das sei ein entscheidender Punkt – denn wer sich diese Zeit nicht nimmt, stattdessen weiter trinkt, „der ist sich selbst nichts wert“. Anfangs sei er sogar betrunken in der Gruppe gesessen – und habe ein ganzes „Ausredenpaket“ parat gehabt, warum er hilfreiche Anregungen anderer Meeting-Teilnehmer zuerst nicht annehmen konnte. Das sei nicht ungewöhnlich, gerade am Anfang, also wenn jemand gerade erst entschieden hat, mit dem Trinken aufzuhören. Verurteilt werde dafür niemand: „Die einzige Voraussetzung, an einem Meeting teilnehmen zu dürfen, ist das Eingeständnis, ein Trinkproblem zu haben, und der Wunsch, etwas dagegen zu tun.“ Die Erfahrung, dass er nicht weggeschickt wurde, habe ihm geholfen, dran zu bleiben und den nächsten Schritt zu gehen, sagt Hans heute: 24 Stunden lang nüchtern bleiben, jeden Tag aufs Neue und immer nur für den heutigen Tag. Denn ein endgültiges „nie wieder“ sei für viele Süchtige eine unvorstellbar große Hürde, die gerade am Anfang abschrecke. „Irgendwann habe ich verstanden, dass es hilft, über Probleme zu reden. Und dass ich dann nicht trinken muss.“

Viele Gründe fürs Trinken

Einsamkeit im Lockdown, Angst vor der neuen Situation, finanzielle Probleme wegen Kurzarbeit oder sogar Jobverlust – das alles sind nahe liegende Gründe dafür, dass jemand zur Flasche greift. Dass viele versucht haben, diese Sorgen mit Wein, Bier und Schnaps erträglicher zu machen, lassen Zahlen des Marktforschungsinstituts GfK vermuten. Denen zufolge kauften die Deutschen zu Beginn der Corona-Pandemie deutlich mehr Alkohol. Von Ende Februar bis Ende März gingen gut ein Drittel mehr Weinflaschen über die Ladentheken als im gleichen Zeitraum 2019, auch bei klaren Spirituosen betrage die Steigerung 31,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und in einer aktuellen Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit und des Klinikums Nürnberg gab mehr als ein Drittel der rund 3000 Befragten an, seit Ausbruch der Corona-Pandemie mehr zu trinken als vorher.

„Unser Meeting in Kaufbeuren mussten wir gleich zu Beginn der Krise schließen, weil wir uns in einem Altenheim getroffen haben“, erzählt Hans. Wegen des Betretungsverbots war das nicht mehr möglich, kurz darauf waren Treffen größerer Gruppen ohnehin nicht mehr erlaubt. Als Ersatz wurden digitale Austausch-Plattformen geschaffen. Zudem haben die Gruppenmitglieder einen Aushang mit einem sogenannten Erste-Hilfe-Button am Eingang ihres bisherigen Treffpunkts angebracht. In Krisensituationen konnten Betroffene in Kontakt treten. Inzwischen dürfen sich Gruppen endlich wieder treffen.