Gedenkstätte

Was es mit dem Kriegerdenkmal in Marktoberdorf auf sich hat

Eingeweiht wurde das Kriegerdenkmal am 8. November 1931. Das Foto links oben zeigt es im Jahr 1950 mit herausgenommenen Seitenreliefs, bei der Aufnahme daneben handelt es sich um ein deutsches Massengrab im französischen Artois (August 1914).

Eingeweiht wurde das Kriegerdenkmal am 8. November 1931. Das Foto links oben zeigt es im Jahr 1950 mit herausgenommenen Seitenreliefs, bei der Aufnahme daneben handelt es sich um ein deutsches Massengrab im französischen Artois (August 1914).

Bild: Berger/Stadtarchiv Marktoberdorf

Eingeweiht wurde das Kriegerdenkmal am 8. November 1931. Das Foto links oben zeigt es im Jahr 1950 mit herausgenommenen Seitenreliefs, bei der Aufnahme daneben handelt es sich um ein deutsches Massengrab im französischen Artois (August 1914).

Bild: Berger/Stadtarchiv Marktoberdorf

In Bronze gegossen, in Stein gemeißelt: Marktoberdorfs Kriegerdenkmal im Wandel der Historie. Warum ein Gefallenendenkmal nicht immer selbstverständlich war.
Eingeweiht wurde das Kriegerdenkmal am 8. November 1931. Das Foto links oben zeigt es im Jahr 1950 mit herausgenommenen Seitenreliefs, bei der Aufnahme daneben handelt es sich um ein deutsches Massengrab im französischen Artois (August 1914).
Von Andreas Berg
21.11.2020 | Stand: 12:00 Uhr

Wer den Treppenaufgang zum Marktoberdorfer Schloss benutzt, wird am oberen Absatz von einer entschlossen dreinblickenden Gestalt beobachtet. Vom Eingang zum Kirchhof her grüßt von der Mauer die Bronzeplastik des Erzengels Michael, Schutzpatron der Soldaten und Polizisten sowie Nationalheiliger Deutschlands. Dieses Patronat ergab sich schon im Frühmittelalter, genauer, als König Otto I. im Jahr 955 die einfallenden Ungarn in der Schlacht auf dem Lechfeld besiegte. In dieser Eigenschaft stellt der heilige Michael das Kernstück der Gedenkstätte für die gefallenen Soldaten Marktoberdorfs dar.

Söldner galten gesellschaftlich sehr wenig

Dass für gefallene Soldaten ein Denkmal errichtet wird, war nicht immer selbstverständlich. Den Heeren der Frühen Neuzeit, die ausschließlich aus Söldnern bestanden, gehörten Kämpfer aus ganz Europa an. Die Söldner kämpften für Geld gegen jeden, ungeachtet seiner Religion oder Herkunft, was insbesondere im Dreißigjährigen Krieg, der als Glaubenskrieg propagiert wurde, paradox anmutet. Söldner galten als Mittel zum Zweck, und wenn sie fielen, erfolgten die Bestattungen meist in Massengräbern in der Nähe des Schlachtfeldes, ohne großes Aufsehen. Gesellschaftlich galt dieser Soldatentypus wenig.

Erst mit der Herausbildung eines Nationalbewusstseins im Zuge der Französischen Revolution, der Bildung von Freiwilligenverbänden in den Befreiungskriegen gegen Napoleon und der Einführung einer allgemeinen Wehrpflicht entstand ein neues Bewusstsein für sterbende Soldaten.

Die Väter, Söhne und Nachbarn, die in der Fremde starben

Fortan waren diese keine unbekannten Landsknechte mehr, die in der Fremde starben, sondern die Väter, Söhne und Nachbarn – Menschen, zu denen man einen persönlichen Bezug hatte.

Der Soldatendienst galt als ehrenhafte Staatsbürgerpflicht und wurde gesellschaftlich honoriert. Dementsprechend waren anonyme, grubenartige Massengräber ein unerträglicher Gedanke für die Angehörigen. Eine Gedenktafel für die Gefallenen der Napoleonischen Kriege war im Königreich Bayern das absolute Minimum, mit dem die Gemeinden ihre Dankbarkeit und Ehre den Toten gegenüber erweisen sollten.

Auch nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, der die Deutsche Reichsgründung hervorbrachte, wurde der Toten gedacht: Im ganzen Kaiserreich wurden nun Siegesmale mit Gedenktafeln aufgestellt, die an die Namen der Gefallenen erinnern.

1. Weltkrieg: Massensterben führte zu Massengräbern

Eine besondere Zäsur im Soldatengedenken stellt die Dimension des Ersten Weltkrieges dar: Damals standen sich Massenheere mit Millionen von Soldaten und Massenvernichtungswaffen wie Giftgas und Maschinengewehr gegenüber. Das Sterben Unzähliger führte dazu, dass die Soldaten vor Ort in Massengräbern beigesetzt werden mussten. Eine Rückführung in die Heimatorte wäre logistisch unmöglich und die Wirkung auf die Moral der Zivilbevölkerung fatal gewesen.

Fotografie eines deutschen Massengrabes in Artois
Bei der Aufnahme handelt es sich um ein deutsches Massengrab im französischen Artois (August 1914).
Bild: Berger

Um den Mythos vom sauberen, heldenhaften Krieg zu stärken, wurden Feldpostkarten mit aufwendigen, schön geschmückten Soldatenfriedhöfen und -denkmälern gedruckt und Fotos von Vorzeigegrabstellen verbreitet.

Um dieser Propaganda gerecht zu werden, wurde 1919 der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gegründet, dessen Aufgabe es war und ist, für eine würdevolle Bestattung der in der Fremde gefallenen Landeskinder zu sorgen. Bis heute sind dessen Mitglieder unterwegs, um Soldatenfriedhöfe im Ausland zu pflegen, Massengräber aufzuspüren und Vermisstenschicksale zu klären.

Welche Rolle der Erzengel Michael spielt

Im Markt Oberdorf wurde am 8. November 1931 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung das Kriegerdenkmal für die Gefallenen und Vermissten des Ersten Weltkrieges eingeweiht. Der Erzengel Michael wird von Bronzetafeln flankiert, die die Namen der Gefallenen tragen. Ganz außen sind zwei Bronzereliefs, die das Kriegswesen darstellen: Eine Tafel zeigt junge Männer mit Gewehren und Klappspaten, die sich von ihren Familien verabschieden und in den Krieg ziehen.

Die andere Tafel zeigt die Soldaten im Gefecht. Hier besonders markant: Die Darstellung des Todes als Gerippe in einem zerrissenen Soldatenmantel, der in typischer Lands-knechtsmanier auf einer Trommel das Schicksal der Soldaten auswürfelt.

Warum die Bronzetafeln nach dem 2. Weltkrieg versteckt wurden

Nach der Befreiung Oberdorfs durch die Amerikaner 1945 ging die Angst um, dass diese Reliefs den Alliierten zu martialisch sein und deshalb zerstört werden könnten. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurden die Platten von Oberdorfer Bürgern abmontiert und in einem Heuschober versteckt. Erst Anfang der 1950er Jahre wurden sie wieder hervorgeholt und an ihrem alten Platz angebracht.

Kriegerdenkmal mit herausgenommenen Seitenrelief
Das Foto zeigt das Kriegerdenkmal im Jahr 1950 mit herausgenommenen Seitenreliefs.
Bild: Berger