Corona und Studium

Mehr Studenten der Hochschule Kempten denken ans Aufhören

Die Corona-Pandemie ist ein Verstärker für psychische Probleme, sagt Michael Binzer. Er leitet seit Jahren die psychologische Beratung an der Hochschule Kempten. Dieses Jahr suchten schon überdurchschnittlich viele Studenten seine Hilfe.

Die Corona-Pandemie ist ein Verstärker für psychische Probleme, sagt Michael Binzer. Er leitet seit Jahren die psychologische Beratung an der Hochschule Kempten. Dieses Jahr suchten schon überdurchschnittlich viele Studenten seine Hilfe.

Bild: Ralf Lienert/Hochschule Kempten

Die Corona-Pandemie ist ein Verstärker für psychische Probleme, sagt Michael Binzer. Er leitet seit Jahren die psychologische Beratung an der Hochschule Kempten. Dieses Jahr suchten schon überdurchschnittlich viele Studenten seine Hilfe.

Bild: Ralf Lienert/Hochschule Kempten

Mehr Studenten gehen zur psychologischen Beratung an der Kemptener Hochschule. Psychologe Michael Binzer berichtet, wie ihnen Corona das Studium erschwert.
16.03.2021 | Stand: 06:37 Uhr

„Corona verstärkt Probleme“, sagt Psychologe Michael Binzer. Der 58-Jährige berät die Studenten der Hochschule Kempten seit mehreren Jahren bei psychischen Problemen – normalerweise persönlich, seit Beginn der Pandemie hauptsächlich telefonisch.

In der Vergangenheit haben jährlich 50 bis 60 der über 6000 Kemptener Studenten Hilfe bei Binzer gesucht. Im März und April 2020, als Corona das Allgäu erreichte, haben ihn nur sechs Personen kontaktiert. „Die Leute waren wie erstarrt“, sagt Binzer. Im Verlauf des Sommers sei die Anzahl stetig gestiegen. In den ersten beiden Monaten dieses Jahres waren mit 18 Studenten überdurchschnittliche viele bei ihm. Und noch mehr sind angemeldet.„Den Leuten fällt mit zunehmender Dauer der Pandemie die Decke auf den Kopf“, sagt Binzer. Frustration und Vereinsamung nehmen zu. (Lesen Sie auch: "Das Coole am Studentenleben fällt weg" - Wie es Allgäuer Studierenden in der Krise geht)

80 Prozent der Studenten fehlt Kontakt zu Kommilitonen

Die Einschätzung des Psychologen wird durch eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) bestätigt: Von 25.000 Teilnehmern gaben 80 Prozent an, dass ihnen der Kontakt zu Kommilitonen fehle. Knapp zwei Drittel vermissen den Austausch mit Dozenten. Als konkretes Beispiel nennt Binzer einen Erstsemester-Studenten, der von einem anderen Bundesland nach Kempten gezogen sei und wegen des Online-Unterrichts bisher niemanden kenne. (Lesen Sie auch: Auftrieb für die Forschung auf dem Kemptener Campus.)

Aus der Studie des DZHW geht nicht hervor, dass mehr Studierende über einen Abbruch nachdenken. In Binzers Beratung kam das Thema jedoch deutlich häufiger auf. „In digitalen Vorlesungen fehlt beispielsweise der soziale Vergleich“, sagt der 58-Jährige. Die Studenten könnten nicht einschätzen, inwieweit auch andere Vorlesungsteilnehmer Verständnisprobleme haben. Wenn sie selbst Schwierigkeiten hätten, fingen sie zu zweifeln an. Das führe zur Überlegung, das Studium abzubrechen.

Bei jedem Fünften ist Wohnsituation ungeeignet

Wie Studenten mit dem digitalen Modus klarkommen, sei sehr unterschiedlich. Jeder Fünfte gab laut DZHW an, dass die Wohnsituation für Distanzlehre nicht geeignet und die Internetverbindung schlecht sei. „Das ist ein Problem, das es ohne Corona nicht gegeben hätte“, sagt Binzer. Das spiele wohl auch eine Rolle bei der Hälfte der Studenten, die laut der Studie schätzen, wegen Corona länger zu studieren.

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Und auch die finanzielle Situation vieler Studenten hat die Pandemie erschwert. Davor haben etwa 60 Prozent neben dem Studium gearbeitet. Über ein Drittel davon gab laut DZHW an, in einer schwierigen Erwerbssituation zu sein. Beim Studentenwerk Augsburg, das auch die Kemptener Studenten betreut, sind laut Binzer von Juni bis September 3700 Anträge auf Überbrückungshilfe eingegangen. „Finanzielle Probleme können Studenten auf jeden Fall psychisch belasten“, sagt Binzer. Wenn im Beratungsgespräch Geldsorgen angesprochen werden, schickt er die Betroffenen weiter zur Bafög-Beratung. „Bei schwerwiegenden psychischen Beschwerden empfehle ich die Kontaktaufnahme mit einem Facharzt.“.

Doppelbelastung aus Studium und Job war für 40-Jährige zu viel

„Ich war früher psychisch schwer krank und schon öfter in Kliniken“, sagt eine 40-Jährige, die in Kempten studiert. Sie entschied sich 2019 für ein Tourismusmanagement-Studium. Nebenher arbeitete sie weiter in der Gastronomie. „Weil Hochschule und Job mir zuviel geworden sind, bin ich zur psychologischen Beratung“, sagt die 40-Jährige. Dann kam Corona. Sie Studentin verlor den Job. Sie habe damit jedoch – anders als die meisten ihrer Kommilitonen – keine Probleme. Sie erhalte Überbrückungshilfen und ihr Vater unterstütze sie. (Lesen Sie auch: Diese Kemptener Studenten haben einen Preis bekommen. )

„Ich bin definitiv froh, dass die Pandemie erst in meinem zweiten Semester anfing“, sagt die Studentin und bestätigt Binzers Einschätzung: Besonders für Studienanfänger sei die Situation hart. Aus dem Studiengang der 40-Jährigen zweifeln aber schon manche an ihrer beruflichen Zukunft – immerhin hängt der Tourismus immer noch in der Luft. Sie sei diesbezüglich aber optimistischer, sagt die 40-Jährige. Zur psychologischen Beratung der Hochschule gehe sie weiter, auch wenn es die Doppelbelastung durch Job und Hochschule nicht mehr gebe.

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