Neue Chronik

Als die Fugger mit eigenem Scharfrichter in Boos herrschten

Boos Chronik

Der Booser Hobby-Heimatforscher Herbert Schlatterer hat eine rund 800 Seiten umfassende Booser Dorfchronik zusammengestellt.

Bild: Armin Schmid

Der Booser Hobby-Heimatforscher Herbert Schlatterer hat eine rund 800 Seiten umfassende Booser Dorfchronik zusammengestellt.

Bild: Armin Schmid

Der Hobby-Heimatforscher Herbert Schlatterer hat eine Dorfchronik für Boos geschrieben. Sie umfasst 800 Seiten.
24.11.2020 | Stand: 12:13 Uhr

Wie hat sich Boos ab dem Jahr 1551 zu Zeiten der Herrschaft der Fugger weiterentwickelt? Was lässt sich aus der Booser Häuser- und Hofgeschichte herauslesen und auf die Entwicklung und Herkunft heute ansässiger Familien übertragen? Und welche zeitgeschichtlichen Persönlichkeiten haben in Boos gewirkt und die Geschehnisse beeinflusst? Fragen über Fragen, auf die es bislang kaum oder keine schnellen Antworten gab.

Ändern soll sich dies nun mit dem Erscheinen einer Booser Dorfchronik, deren Inhalt Herbert Schlatterer über Jahre hinweg zusammengestellt hat. Im Jahr 2009 hatte der Booser Hobby-Heimatforscher den Auftrag zur Erstellung eines Heimatbuches erhalten. Zunächst wollte sich der 74-jährige auf die Entstehung und Geschichte der Pfarrkirche St. Martin und die Historie der Pfarrgemeinde konzentrieren. Nach und nach kamen weitere Themen und Buchkapitel dazu.

Historisches Bildmaterial

So habe Sebastian Kneipp von 1853 bis 1854 zwei Jahre in Boos gelebt und seine älteste, schriftliche Kurverordnung in der Illertalgemeinde verfasst. Eingang in die rund 800 Seiten umfassende Chronik, die mit ebenso vielen historischen Bildaufnahmen ausgestattet ist, findet auch der Kunstmaler Josef Madlener, der die Jahre 1892 bis 1894 in Boos verbrachte und die dortige Schule besuchte.

Das Geschichtsbuch selbst will Herbert Schlatterer nicht nur als Lesestoff, sondern auch als aussagekräftiges Nachschlagewerk verstanden wissen. Nachschlagen kann der Leser beispielsweise die Haus- und Hofgeschichte der Booser Anwesen, die Schlatterer bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges zurückverfolgt hat. Dort ist die Hofnachfolge von rund 1300 Booser Familien mit über 2600 Namen über die Jahrhunderte hinweg dargestellt.

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Eine Stütze dabei waren die im Jahre 1725 eingeführten Haus-Heiligen, welche jedem Haus zugelost und somit deutlich vor den späteren Hausnummern eingeführt wurden. Über fast jeder Haustüre wurde eine Blechtafel mit der Abbildung des Hausheiligen angebracht. Wer es sich leisten konnte, hatte eine Figur seines Hausheiligen in einer kleinen Nische am Haus untergebracht.

Todesurteile gefällt

Letztlich hat sich der Ruheständer Schlatterer auch mit der Fuggerschen Herrschaft auseinandergesetzt und herausgefunden, dass in der Pfarrkirche drei verschiedene Familienwappen der Fugger dargestellt sind. Mit Blick auf die dunklen Seiten der Dorfgeschichte haben die Fugger in Boos Gerichtsbarkeit gehalten und auch Todesurteile gefällt. Zu Zeiten der Französischen Revolution haben die Fugger diese Gerichtsakten wohl aus Angst vor Racheaktionen selbst vernichtet.

Auch einen Scharfrichter hat es demnach in Boos über lange Zeit hinweg gegeben. Der musste außerhalb des Dorfes wohnen und hatte eine eigene Grabstätte im Friedhof. Die Daten der Booser Bürgermeister und Gemeinderäte hat Schlatterer auf einen Zeitraum von 200 Jahren zurückverfolgt. Er stellte auch die Bilder der Ehrenbürger und der Rathauschefs ab 1912 zur Verfügung, welche seit letztem Jahr im Sitzungssaal des Booser Gemeinderats hängen.

Mit dem Fahrrad zur Weltausstellung nach Paris

Von 1920 bis 1960 gab es in Boos einen Polizeiposten mit bis zu fünf Polizisten und einem Gefängnisraum. Gespannt sein dürfen die Leser auch auf die Geschichte von zwei Booser Bürgern (Alois Moest und Georg Nägele), die im Jahr 1900 rund 800 Kilometer mit Fahrräder zur Weltausstellung nach Paris gefahren sind, welche noch keine Hinterradbremse hatten.

Oder auf die Anschaffung des ersten Booser Automobils, einen Nash Sedan 400, den der Marxenbauer Ludwig Kartheininger in den 1930er Jahren gekauft hat. Alle Informationen konnte der Heimatforscher im ersten Band aber gar nicht unterbringen. Stoff für zweites Buch ist demnach noch ausreichend vorhanden.

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