Mindelheim

Bauernprotest größer als erwartet

Bauerndemo

Bauerndemo

Bild: Johann Stoll

Bauerndemo

Bild: Johann Stoll

CSU-Neujahrsempfang Mehr als dreimal so viele Traktoren als angemeldet begleiten den Besuch der Landwirtschaftsministerin in Mindelheim. Michaela Kaniber sucht das Gespräch und stellt sich vor die Bauern
##alternative##
Von Johann stoll
26.01.2020 | Stand: 15:07 Uhr

Bauern sind Frühaufsteher, seit jeher. Die ersten Traktoren rollen an diesem Sonntag um 7 Uhr auf Mindelheim zu. Manche hupen lautstark. Das Ziel: Das Mindelheimer Forum, wo als Festrednerin beim CSU-Neujahrsempfang um 10 Uhr die Bayerische Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber erwartet wird. Es sind vor allem junge Burschen, die hier Flagge zeigen, weil sie sich Sorgen um die Zukunft ihrer Betriebe machen und weil sie den Eindruck haben, sie würden zum Sündenbock für alles gemacht werden.

Trotzdem ist die Stimmung gelöst und bleibt friedlich. Einziger Zwischenfall: Ein Notarztwagen im Einsatz musste einen Umweg fahren, weil die Traktoren auf der Krumbacher Straße zu eng standen.

50 Bauern mit ihren Zugmaschinen und teils Lastwagen hatten die Organisatoren dieser Kundgebung, Michael Jörg und Dominik Hehl aus Lauchdorf angemeldet. Die Resonanz ist dann aber weit größer. Entlang eines Teilstücks der Krumbacher und der Landsberger Straße stehen am Ende 160 Traktoren. Mindestens ebenso viele Zuschauer lockt die Schau an. Es ist die erste Demonstration auf einem Mindelheimer CSU-Neujahrsempfang.

Vor 9 Uhr treffen die ersten Vertreter der CSU am Forum ein. Der designierte Baustaatssekretär Klaus Holetschek ist darunter. Er geht sofort auf die Bauern zu, sucht mit Einzelnen das Gespräch. Überpünktlich um 9.45 Uhr trifft die Ministerin ein. Sie kennt das inzwischen, wenn sie öffentlich auftritt, dass sie von Landwirten empfangen wird. Begrüßungsküsschen mit Franz Josef Pschierer, dann sagt sie: „Schau mehr schnell hin“ und meint die Bauern.

Es ist ein schweigender Empfang: weder Beifall noch Buhrufe. Und so läuft Kaniber erst mal mit den beiden Abgeordneten Franz Josef Pschierer und Klaus Holetschek zwischen den langen Traktorreihen durch auf der Suche nach Gesprächspartnern. Mit dabei ist auch Kreisbäuerin Margot Walser. Mit Vertretern der Initiative „Land schafft Verbindung“ kommt die Ministerin dann kurz danach ins Gespräch, wobei Pschierer immer wieder mit Sorge auf die Uhr schielt, weil er fürchtet, der gesamte Zeitplan dieses Vormittags könne durcheinandergeraten.

Lesen Sie auch
##alternative##
50 Jahre Landkreis Unterallgäu

Die Menschen prägen den Landkreis Unterallgäu

Im mit 360 Besuchern voll besetzten Forum nehmen ein paar der Bauern Platz und hören sich die Reden an. Keiner der Redner spart die Bauern aus. Pschierer etwa sagt: Bayern ohne Bauern sei nicht denkbar. Holetschek fordert, den Landwirten wieder ihre Würde zu geben. Und Rainer Schaal stimmt den Bauern in ihrem Protest zu. Sie hätten recht. „Wir stehen zum bäuerlichen Berufsstand“.

Michaela Kaniber sagt, den Landwirten sei ihre Heimat nicht egal. Sie engagierten sich in vielfältiger Weise auch ehrenamtlich in den Vereinen. „Landwirte stehen jeden Tag früh auf, um die Schönheit Bayerns zu bewahren und um perfekte Lebensmittel zu produzieren. Bauern würden als „Bodenvergifter, Tierquäler und Subventionseinstreicher“ diffamiert. Den Kritikern riet sie, sich mal in die Lage anderer hineinzuversetzen.

2019 sei vor allem für die Bauern kein einfaches Jahr gewesen. So manche Debatte werde nur noch emotional geführt, beklagte Kaniber. Schwarze Schafe gebe es in jeder Branche. „Die muss man auch mit aller Härte stellen“. Aber man könne nicht eine ganze Berufsgruppe in Sippenhaft nehmen.

Die Demonstrationen der Bauern nennt Kaniber wichtig. „Wir in Bayern haben euch schon verstanden“, rief sie den Landwirten zu, etwa bei den Schwachstellen der Düngeverordnung. Im Bundesrat seien von 16 Agrarministerin inzwischen neun von den Grünen. „Die haben eine ganz andere Sichtweise“, so Kaniber. Grüne hätten viel Meinung zur Landwirtschaft, aber kaum Wissen.

Den Landwirten riet sie, weiterhin im Gespräch mit den Verbrauchern zu bleiben. Diese Akzeptanz sei wichtig. Es gelte praktikable Lösungen zu finden. Wenn die Rede aufs Kükenschreddern oder die betäubungslose Kastration von Ferkeln kommt, „interessiert die Fachlichkeit keinen“. Die Bauern bat sie, sich ihre Herzlichkeit zu bewahren und sich nicht zu radikalisieren.

Das Thema Umwelt- und Artenschutz sei der CSU wichtiges Anliegen. Nicht die Grünen, sondern die CSU habe das erste Umweltministerium eingerichtet, und zwar in Bayern. Allein in diesem Jahr fördert der Freistaat diesen Bereich mit 350 Millionen Euro. Bayern sei mit über 10 000 Ökoland-Bauern Spitzenreiter und Vorreiter in reduziertem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. „Das weiß nur keiner“, sagt Kaniber. 98 Prozent der Bevölkerung spreche über die Berufsgruppe Landwirte, habe aber wenig Ahnung davon. „Das macht mich traurig“.

Nach der Automobilbranche sei die Landwirtschaft in Bayern der wichtigste Wirtschaftszweig mit einem Umsatz von 158 Milliarden Euro im Jahr. Jeder siebte Arbeitsplatz hänge direkt oder indirekt von der Landwirtschaft ab.

Auch die Doppelmoral vieler Verbraucher kritisierte Kaniber. 87 Prozent sagten, die fänden Bioprodukte super. Aber nur sieben Prozent kauften sie. „So funktioniert das nicht!“ Beim Italiener im Lokal werde für eine Flasche Wasser sechs, sieben Euro bezahlt. „Aber wenn der Liter Milch mal 1,29 Euro kostet, dann bringt das den Bayern um“.

Die Landwirte ärgere, dass sie allein für den Artenschutz sorgen sollen. Dabei haben auch Kommunen und die Kirchen große Flächen. Sie müssten auch ihren Beitrag leisten.