Unterallgäu

Damit der Wille des Patienten zählt

Dr. Manfred Nuscheler

Dr. Manfred Nuscheler

Bild: Sandra Baumberger

Dr. Manfred Nuscheler

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Vorsorge Warum Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht wichtig sind und worauf man dabei achten sollte, erläutert Manfred Nuscheler, Ärztlicher Direktor der Unterallgäuer Kliniken
Von Sandra Baumberger
12.02.2020 | Stand: 16:01 Uhr

Wer mag sich schon ausmalen, wie das wäre, wenn er plötzlich schwer krank und handlungsunfähig im Krankenhaus läge. Oder wenn er wegen einer schweren Demenz nicht mehr selbst entscheiden könnte? Und wohl kaum jemand will darüber nachdenken, wann er sein Leben noch für lebenswert hält und in welchem Fall er vielleicht lieber sterben würde. Die Antworten darauf sind nicht leicht – aber überaus wichtig, wie der Ärztliche Direktor der Unterallgäuer Kliniken, Dr. Manfred Nuscheler, weiß. Er schätzt, dass im Unterallgäu bis zu 35 Prozent der Senioren und deutlich weniger jüngere eine Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht hinterlegt haben. Das sei zwar schon eine recht gute Durchdringung, zeige aber auch, dass es Luft nach oben gibt.

Nuscheler wirbt dafür, sich über das Thema Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht Gedanken zu machen und diese unbedingt mit einer nahe stehenden Person zu teilen. Denn die Formulare schaffen dem Mediziner zufolge Rechtssicherheit für Ärzte und Angehörige und stärken vor allem das Selbstbestimmungsrecht des Patienten. Überdies erleichtere ihr Vorhandensein es ungemein, herauszufinden, welcher Behandlung der Patient zugestimmt hätte – und welcher wohl eher nicht. Hat er nichts verfügt, „sind die Ärzte gesetzlich verpflichtet, den mutmaßlichen Willen des Patienten zu ermitteln“, so Nuscheler. „Das kann eine Detektivarbeit sein.“

Gleichzeitig stellt er aber klar: „Im Notfall müssen wir einfach handeln. Da ist keine Zeit, um eine Patientenverfügung zu sondieren. Das ist kein Instrument, um den Notfall zu regeln.“ Auf die Zeit danach kann sie aber eben sehr wohl Auswirkungen haben. „Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht dienen einer patientenorientierten Medizin. Das ist das, was wir wollen.“

Als Beispiel nennt er den Fall einer 65-Jährigen, die nach einem Kreislaufstillstand wiederbelebt wurde und danach im Wachkoma lag. Während die Ärzte für eine künstliche Ernährung plädierten, wollte die Familie das Sterben zulassen. Sie verwies auf die Patientenverfügung, die die 65-Jährige selbst verfasst hatte. Darin verfügte sie, dass sie keine lebensverlängernden Maßnahmen befürworte, wenn sie sich in einem „unaufhaltsamen Sterbeprozesse“ befinde. Da es sich beim Wachkoma aber nicht um einen „unaufhaltsamen Sterbeprozess“ handelt und nicht klar war, ob sie auch in diesem Fall einen Therapiestopp gewollt hätte, musste letztlich das Betreuungsgericht entscheiden, wie die Frau weiter behandelt werden soll.

„Die Patientenverfügung kann nicht durch den mutmaßlichen Willen ausgehebelt werden“, betont Nuscheler. Sie ist bindend – auch wenn sich der Patient im Gespräch mit Angehörigen später anders geäußert haben mag. Wie das Beispiel zeige, sei es zudem problematisch, wenn die Verfügung unklar ist. „Lieber hat man keine, als eine, die missverständlich ist“, sagt er und rät: „Nehmen Sie ein vorformuliertes Formular, vertrauen Sie dem und scheuen Sie sich nicht, einfach Kreuze zu machen. Das ist ein gut ausformuliertes Grundgerüst und man vermeidet Fehler. Sie können das nicht selber schreiben.“

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Er empfiehlt die Broschüre „Vorsorge für Unfall, Krankheit und Alter“ des Bayerischen Justizministeriums, die man sich im Internet kostenlos herunterladen oder im Buchhandel bestellen kann. Wer sich bei der Beantwortung der Fragen unsicher ist oder generell Fragen zur Patientenverfügung hat, kann sich vom Hausarzt, dem Sankt-Elisabeth-Hospizverein, dem Roten Kreuz, den Maltesern und ähnlichen Organisationen beraten lassen.

Nuscheler rät überdies, etwa alle zwei Jahre zu überprüfen, ob die Patientenverfügung weiterhin zu den eigenen Vorstellungen passt. Bleibt alles wie gehabt, könne man sie trotzdem nochmals mit Angabe des Datums unterschreiben, um deutlich zu machen, dass der darin erklärte Wille noch aktuell ist. Juristisch nötig ist das allerdings nicht.

Neben der Patientenverfügung rät der Arzt, eine Vorsorgevollmacht auszustellen. Der Bevollmächtigte „ist das Sprachrohr, das dem eigenen Willen Ausdruck verleihen kann“. Es sollte diesen Willen also gut kennen und stark genug sein, um sich selbst und eigene Wünsche für die weitere Behandlung zurückzunehmen. „Eine enorm enge emotionale Bindung kann auch hinderlich sein“, gibt Nuscheler zu bedenken.