Protest gegen Wohnungsnot und Leerstände

Die Hausbesetzung vom April 1981 in Memmingen: Welche Spuren sie hinterließ

MM Hausbesetzung

40 Jahre nach der demonstrativen Hausbesetzung von 1981 in Memmingen kamen (von links) der damalige Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger und zwei der einstigen Aktivisten, Michael Paraszcuk und Utz Benkel, am damaligen Ort des Geschehens zusammen: Auch das Originaltransparent von damals hatten die ehemaligen Hausbesetzer im Gepäck.

Bild: Thomas Weigert

40 Jahre nach der demonstrativen Hausbesetzung von 1981 in Memmingen kamen (von links) der damalige Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger und zwei der einstigen Aktivisten, Michael Paraszcuk und Utz Benkel, am damaligen Ort des Geschehens zusammen: Auch das Originaltransparent von damals hatten die ehemaligen Hausbesetzer im Gepäck.

Bild: Thomas Weigert

Ihr Ziel konnten die Aktivisten damals nicht verwirklichen. Und doch brachte die Aktion manches in der Stadt in Bewegung.
18.04.2021 | Stand: 11:30 Uhr

40 Jahre ist es her, da sorgte eine spektakuläre Aktion in Memmingen für Aufregung: Bei einer demonstrativen Hausbesetzung im April 1981 machten etwa 20 junge Erwachsene auf das Thema Wohnungsnot aufmerksam und warben für ihre Vision: ein Kommunikationszentrum, in dem junge Erwachsene gemeinsam leben, arbeiten und ihre Freizeit verbringen können. Hatte dieser Wunsch je eine Chance, Wirklichkeit zu werden – oder war er reine Utopie? „Glücklich wäre man sicher nicht gewesen, weil es etwas Unbekanntes war“, meint Dr. Ivo Holzinger, der damals Oberbürgermeister war, nun bei einem Treffen 40 Jahre danach. Gescheitert sei das Ganze aber am Fehlen geeigneter und zugleich verfügbarer Gebäude.

Der Umgang mit Leerständen wandelte sich

Dennoch blieb die Hausbesetzung von 1981 nicht ohne Wirkung: Die Tatsache, dass etwas, das man aus Städten wie Berlin oder Hamburg gehört hatte, nun in Memmingen stattfand, „hat den Charakter als Oberzentrum unterstrichen“, sagt Holzinger und schmunzelt. Tatsächlich habe sich der Umgang mit Immobilien gewandelt: „Man hat die Häuser nicht mehr so lange ungenutzt gelassen. Es wurde sofort überlegt, was danach reinkommt.“

Zudem sei in die Jahre 1981 bis 1983 auch die Zukunftsentscheidung für den Martin-Luther-Platz gefallen – samt Debatte um das Antonierhaus, bei dem ein Privateigentümer Pläne für ein großes Geschäftshaus umsetzen wollte. Die Hausbesetzung „hat vielleicht bewirkt, dass wir bewusster mit der Sache umgegangen sind“.

Zeit der Hausbesetzungen ist vorbei

Wohnungsnot und Immobilienspekulation sind als Themen wieder brandaktuell: Doch die Ära solcher Hausbesetzungen ist vorbei, glaubt Holzinger – ebenso wie die damaligen Aktivisten Michael Paraszcuk und Utz Benkel. Beide sprechen von Veränderungen in der Gesellschaft und der Haltung junger Menschen. „Wir hätten jede Hütte genommen und sie uns zurechtgemauert“, sagt Paraszcuk – heute herrsche ein viel ausgeprägteres Anspruchsdenken.

Zwar engagierten sich junge Leute nach wie vor – etwa bei Fridays for Future. Doch Benkel sieht einen Unterschied: „Gemeinsam mit anderen ein Projekt umzusetzen, ist vielen fremd: Solidarität ist zu etwas Altbackenem geworden. Heute verknüpft man den Begriff vielleicht noch mit Gewerkschaften.“ Wie eh und je seien junge Menschen gefordert, für ihre Ziele einzutreten – doch auf ihre eigene Art, wirft Paraszcuk ein: „Etwas nachzumachen, was Alte gemacht haben, hat noch nie viel gebracht.“

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Für Benkel erinnert die Hausbesetzung heute an eine „virulente polarisierte Zeit“. Er habe damals gelernt, sich zu wehren, sagt Paraszcuk: „Die graue deutsche Nachkriegsmentalität hat sich ein bisschen geöffnet. Jeder hat gemerkt, dass er nicht nur ein Rädle im Getriebe ist, sondern eine eigene Persönlichkeit.“ Nach einer Pause sagt er: „Das hat das Zusammenleben schwieriger gemacht, aber unsere Herzen hat es geöffnet.“

Die ganze Geschichte der spektakulären Hausbesetzung von 1981 sowie Bildergalerien und das Video vom Treffen 40 Jahre danach finden Sie hier.