Kirchengeschichte

Die Heimkehr der Altäre in die Kartause Buxheim

BX Kartause

Laut dem Vorsitzenden des Heimatdienst Buxheim, Dr. Wolfgang Wettengel, gibt es in ganz Deutschland nur noch eine Handvoll solcher Kirchen, in denen die Priester und die Brüder in von einem „Letter“ getrennten Gotteshaus beteten. Nur den Priestern war es vorbehalten, in dem kunstvoll geschnitzten Chorgestühl Platz zu nehmen. Die Brüder ohne Weihen durften nur in der dahinter liegenden Bruderchorkirche beten.

Bild: Fotos: Franz Kustermann

Laut dem Vorsitzenden des Heimatdienst Buxheim, Dr. Wolfgang Wettengel, gibt es in ganz Deutschland nur noch eine Handvoll solcher Kirchen, in denen die Priester und die Brüder in von einem „Letter“ getrennten Gotteshaus beteten. Nur den Priestern war es vorbehalten, in dem kunstvoll geschnitzten Chorgestühl Platz zu nehmen. Die Brüder ohne Weihen durften nur in der dahinter liegenden Bruderchorkirche beten.

Bild: Fotos: Franz Kustermann

In der Kartause Buxheim wird nach Jahrzehnten eine Lücke geschlossen. Wie aus kleinsten Gipshäufchen fast echter Marmor wird.
21.08.2021 | Stand: 05:45 Uhr

Baustelle im Gotteshaus: 66 Jahre nach ihrer Auslagerung ins Benediktinerkloster Ottobeuren sind zwei Altäre wieder in die Brüderchorkirche in der Kartause Buxheim zurückgekehrt. Für den Vorsitzenden des Heimatdienstes Buxheim, Dr. Wolfgang Wettengel, wird damit nach der Rückkehr des aus dem Jahr 1691 stammenden, weltberühmten Chorgestühls ab dem Jahre 1979 eine „weitere, wichtige Lücke im Hinblick auf die originale Ausstattung der zweiteiligen Kartäuserkirche geschlossen“.

Restaurator Thomas Salveter rechnet damit, dass die Sanierung der beiden bereits auf der Empore befindlichen Altäre in diesem Herbst abgeschlossen werden kann. Der Heimatdienst will dann eine würdige Einweihungsfeier veranstalten – entweder noch im Spätherbst oder im Frühjahr.

Bis zum Jahre 1955 war die Klosterkirche in zwei Räume getrennt: Nur die Patres (Priester) durften im reichlich geschnitzten Chorgestühl Platz nehmen. Die Priester-Mönche wohnten in Zellen, kamen laut Wettengel „im Grunde auch nie raus“. Den Ordensbrüdern – also Mönche ohne Priesterweihe – war die andere Seite der zweiteiligen Kirche vorbehalten. Diese sei auch draußen im Wirtschaftsleben integriert gewesen.

Die Salesianer rissen 1955 die für die Kartäuser typische Abtrennung zwischen beiden Kirchenräumen – den sogenannten „Lettner“ – heraus. Zu dieser Zeit wurden von ihnen auch die beiden Altäre aus- und eine Orgel eingebaut. Der Orden ließ nur noch die Empore (getragen von wuchtigen Stuck-Marmorsäulen) stehen. Während die Kartäuser nie eine Orgel gehabt hätten, wollten die Salesianer auf so ein königliches Instrument absolut nicht verzichten.

Zum Wiedereinbau des Chorgestühls im Jahre 1993 – sozusagen zum Beginn der Wiederherstellung der Originalität – wurde der Lettner wieder originalgetreu zugemauert; ganz so wie er früher einmal war. Nachdem die Orgel in die Sankt Josef-Kirche integriert werden soll, können nun auch die beiden Altäre auf der nur über eine steinerne, sehr enge und steile Wendeltreppe erreichbaren Empore wieder eingebaut werden. Die Ottobeurener Benediktinerabtei bot dem Heimatdienst an, die beiden Altäre wieder nach Buxheim kommen zu lassen. Die Kosten der Sanierung sind bislang nicht bekannt, werden jedenfalls vom Besitzer der Kirche, dem Freistaat Bayern, bezahlt.

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Restaurator Thomas Salveter mischt derweil in penibler Sisyphus-Arbeit auf der einstigen „Besucher-Empore“ kleinste Gipshäufchen mit einem Gemisch zusammen – etwa aus ägyptischen Erd-Naturfarben –, und spachtelt in mühevoller Kleinarbeit die bunte Masse auf die schadhaften Stellen. Der Farbton ändert sich mit dem Arbeitsfortschritt: Nach zehn verschiedenen Behandlungen mit unterschiedlichen Polituren und gefühlvollen Schliffen werden die etwa fünf Millimeter starken Oberflächen der restaurierten Altäre von echtem Marmor nicht mehr zu unterscheiden sein. „Zum Schluss muss es passen“, sagt Salveter.

Zuletzt werden noch die vier Altarbilder eingebaut, die von der Kaufbeurer Künstlerin Cornelia Peter derzeit in Ottobeuren konserviert und transportfähig gemacht werden. Die Feinarbeiten finden in Buxheim vor Ort statt. Die Altarbilder aus dem Jahre 1712 etwa zeigen die Vermählung Mariens, die Kreuzigung Jesu sowie die Heiligen Martin und Georg.

Laut dem 67-jährigen Ägyptologen Wolfgang Wettengel war die Entfernung des Letters „ein Riesenfrevel“. Umso mehr freut er sich nun, dass sich die Kirche mit dem Einbau der Altäre wieder ein Stück weit mehr dem Originalzustand nähert. Oftmals kämen nämlich die Besucher extra von weit her nach Buxheim, um die typische Karthäuser-Kirche mit dem durch einen Lettner geteilten „Priester- und Brüderchor“ zu bestaunen. Aus diesem Grund wurde das Gotteshaus während der Bauarbeiten auch nicht vollständig abgesperrt, sondern nur teilweise: „Damit die Leute diesen einmaligen Zusammenhang auch wieder sehen können.“

Restaurator Salveter zeigt sich derweil ganz begeistert, dass der Stuckmarmor an Säulen und Altar seit der Barockzeit auch nach Jahrhunderten noch so gut erhalten ist. Die Kirche sei von den Gebrüdern Zimmermann studiert und teilweise gemalt worden. Allein in der Brüderchorkirche befinden sich nun wieder sechs Altäre: Jeweils zwei unter und zwei über dem Lettner – und nun auch wieder zwei auf der gegenüberliegenden Empore. Für diese wurden neue Tische geschreinert. Darauf wurden die alten, 260 Zentimeter hohen Altäre aufgesetzt. Sie sind – da von zwei Seiten sichtbar – beidseitig als „Vorderseiten“ gestaltet.

Hintergrund: Eine bewegte Geschichte

  • Anfänge Nach einer Schenkung Buxheims an die Domkirche von Augsburg (um 950) und der Gründung eines Kollegialstifts mit Weltpriestern erfolgte 1402/03 die Übergabe es Stifts an die Kartäuser. Um 1450 wurden die Besitzgrenzen mit einem Radius von 80 Kilometern rund um das Kloster festgelegt; besiegelt mit dem Bau von Kirche‚ Refektorium, einer umfangreichen Kelleranlage und Mühle. 1505 erfolgte eine Stiftung zum Bau der Annakapelle.
  • Niedergang Ab 1521 erfolgte durch die Nachwirkungen der Reformation der Niedergang der Kartause mit Klosterflucht und Rückgang des Konvents auf vier Mönche/Brüder. 1543 wurde Mithilfe von niederrheinhessischen und niederländischen Mönchen die Kartause neu aufgebaut. Ab 1678 erfolgte die Barockisierung der Kartause, ab 1699 die Um- und Neugestaltung der Magdalenen-, und Marien-, Annakapelle, Pfarrkirche, Kreuzgang, Kartausenkirche und Bibliothek durch Dominikus und Johann Baptist Zimmermann. Nach der Aufhebung der Kartause im Zuge der Säkularisation (1803) wurde 1812 der Konvent aufgelöst und die Reichskartause wurde zum Schloss der Grafen Waldbott von Bassenheim.
  • Versteigerung Das weltberühmte Chorgestühl und wertvolle Kunstgegenstände wie etwa die Bibliothek wurden bei einer Versteigerung in den Jahren 1883/84 in der ganzen Welt verstreut. 1916 erwarb der Bayerische Staat Teile der Klosteranlage. 1926 kauften die Salesianer Don Bosco große Teile der Kartause, errichteten mit dem „Marianum“ ein Gymnasium für Spätberufene.
  • Chorgestühl 1980 bis 1994 konnte der Bezirk Schwaben das in den Jahren 1687 bis 1691 von Ignaz Waibl angefertigte Chorgestühl von dem Frauenkloster St. Saviorus-Hospital London in England zurückkaufen; dies wurde am 14. September 1883 für 42100 Mark versteigert. Den Bezirk kostete der Erwerb des Kunstschatzes über zwei Millionen Mark.
  • Restaurierung Die aufwendige Restaurierung durch Entfernung des schwarzen Lackes mit 3500 Liter Ethylalkohol erforderte weitere 880000 Mark, wovon der Heimatdienst Buxheim 100000 Mark beisteuerte. Die zweite Phase der Restaurierung mit Ergänzung der fehlenden Teile kostete weitere 1,2 Millionen Mark, die sich der Bezirk Schwaben, der Freistaat Bayern, der Landkreis Unterallgäu und die Gemeinde Buxheim teilten. Am 24. Juni 1994 konnte die feierliche „Benediktion“ des Chorgestühls durch Bischof Viktor Josef Dammertz gefeiert werden. (fk)