Heiligabend

Die Sehnsucht nach der richtigen Stimmung

Die Weihnachtskrippe der Kirche St. Josef in Memmingen.

Die Weihnachtskrippe der Kirche St. Josef in Memmingen.

Bild: Eva Maria Häfele (Archiv)

Die Weihnachtskrippe der Kirche St. Josef in Memmingen.

Bild: Eva Maria Häfele (Archiv)

Weil viele Gottesdienste nicht stattfinden können, geben Memmingens Dekane hier geistliche Impulse.
24.12.2020 | Stand: 05:45 Uhr

Für viele Menschen gehört ein Gottesdienstbesuch an Heiligabend und den Weihnachtstagen traditionell dazu. Doch wegen Corona ist das heuer nicht oder nur eingeschränkt möglich. Die Memminger Zeitung hat die drei Memminger Dekane gebeten, daher an dieser Stelle geistliche Impulse zu setzen.

„Kann es in diesem Jahr Weihnachten werden?“, fragt Christoph Schieder, evangelisch-lutherischer Dekan von Memmingen. Angesichts der Pandemie scheint das Fest in weite Ferne gerückt. Doch auch ohne Corona sei die Weihnachtsbotschaft vielen fremd geworden. Die Geschichte von der wundersamen Geburt eines Armeleutekindes vor mehr als 2000 Jahren klingt viel zu schön, um wahr zu sein. Aber tun angesichts der Verlorenheit dieser Welt solche schönen Geschichten nicht Not? Geschichten, die fröhlich und selig machen?

Als der Dichter Johannes Falk in seinem Lied „O du fröhliche, o du selige“ von der verlorenen Welt schreibt, hat er die bittere Realität der Kriegs- und Waisenkinder der Napoleonischen Kriege vor Augen. „Auch in diesem Krisen-Jahr ging manchem eine Welt verloren – durch den Verlust von Normalität, von finanzieller Sicherheit, von Gesundheit oder eines Menschen“, sagt Schieder.

Die Weihnachtsbotschaft kann verlorene Welten nicht zurückbringen. Aber sie kann Hoffnung schenken. „Welt ging verloren; Christ ist geboren!“ Das Kind, von dem uns so wundersam erzählt wird, kann zerbrochene Herzen heilen, Tränen abwischen und hartherzige Gemüter erweichen; es lässt jeden, dem es begegnet, spüren: Es gibt ein Morgen – auch für dich.

„Wie soll das funktionieren – Heiligabend ohne Kirche? Da kommt doch keine Stimmung auf!“, sagt Claudia Schieder, evangelisch-lutherische Dekanin von Memmingen. Diese Worte sprechen vielen aus dem Herzen. Ihre Sorge ist nicht, dass Weihnachten dieses Jahr anders wird, sondern dass Weihnachten gar nicht wird.

Hinter dem Ruf nach einem bestimmten „Wohlgefühl“ steckt also mehr. Wer spürt, dass in diesem Jahr etwas fehlt, der zeigt, dass es nicht allein auf den Baumschmuck, das festliche Menü oder Geschenke ankommt. So schön das alles ist, die Sehnsucht nach der „richtigen Stimmung“ wird damit nicht erfüllt.

Besonders an Weihnachten sehnen sich Menschen nach Zufriedenheit und wollen versöhnt mit sich und anderen leben. Doch leider gelingt das nicht immer von allein.

„Christ ist erschienen, um uns zu versühnen“, so heißt es im Lied „O du fröhliche“. Diese Botschaft ist die entscheidende Nachricht für die Festtage: Versöhnung und innerer Friede werden uns geschenkt. Das Kind in der Krippe hilft uns, Gedanken zu ordnen, Gefühle zu klären und barmherzig mit uns und anderen zu sein. Auf diese Weise sorgt es für die „richtige Stimmung“. Sorgen wir dafür, dass es uns erreicht - auf welchem Weg auch immer. Dann wird Weihnachten werden. Bestimmt.

Weihnachten retten – unter diesem Stichwort hatte man in Deutschland den Menschen gesagt, wenn sie sich nur ordentlich an die Vorgaben des Teillockdowns halten würden, dann könne Weihnachten ganz unbeschwert gefeiert werden. Oder so ähnlich. Tatsächlich aber kam es ganz anders, und bewegt hat mich in den ganzen Diskussionen, welch hohe Bedeutung dem Weihnachtsfest zugesprochen wurde“, sagt Ludwig Waldmüller, katholischer Dekan von Memmingen. Familienfest, Begegnung, die wichtigsten Tage im Jahr, so vieles war da zu lesen und zu hören. Dabei spielte der Inhalt des Festes, die Geburt Jesu Christi, gar keine so große Rolle. Darüber will ich gar nicht lamentieren; ich sehe da vielmehr eine große Chance: Als ich mein Studium in Italien begann, hatten wir die ersten Wochen Sprachkurs in San Pastore. Zu Ende des ersten Sonntagsgottesdienstes, den ich dort erlebte, wurde das Marienlied „O Santissima“ angestimmt. Aber das hat es in sich: Es wird nämlich auf die Melodie von „O du fröhliche gesungen“. Und das war mitten im August. Ist vielleicht das eine eigene Botschaft? Das, was Weihnachten ausmacht, gehört nicht nur in jene Tage zu Ende Dezember, sondern ins ganze Jahr hinein? Die Geburt Jesu Christi hat die Welt nachhaltig verändert, die Menschheit erlöst. Da kann doch auch das Suchen nach Frieden, Gemeinschaft, Familienzusammenhalt, Besinnung und Miteinander auch sich auf das ganze Leben ausdehnen, oder? Ursprünglich war „O du fröhliche“ ja auch als Lied für die drei Hauptfeste des Jahrs geschrieben – neben der fröhlichen Weihnachtszeit nämlich auch die fröhliche Osterzeit und die fröhliche Pfingstenzeit. Es wäre doch wunderbar, wenn das Corona-Weihnachten uns anstecken könnte mit einer Vertiefung der Beziehungen und des Miteinanders im ganzen Jahr.