95. Geburtstag

Erinnerung: Jeden Tag ein Stückchen Glück im Leben

Irmingard und Adalbert Meier nach dem letzten Konzert zugunsten der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe im Jahr 2015 in Ottobeuren.

Irmingard und Adalbert Meier nach dem letzten Konzert zugunsten der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe im Jahr 2015 in Ottobeuren.

Bild: Hans Honold

Irmingard und Adalbert Meier nach dem letzten Konzert zugunsten der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe im Jahr 2015 in Ottobeuren.

Bild: Hans Honold

Der Organist, Komponist und ehemalige Volksschullehrer Adalbert Meier wird erzählt aus seinem erfüllten Leben. Welche Rolle die Basilika Ottobeuren dabei spielt.
Irmingard und Adalbert Meier nach dem letzten Konzert zugunsten der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe im Jahr 2015 in Ottobeuren.
Von Johanna Rothärmel
10.02.2021 | Stand: 08:35 Uhr

Herr Meier, Sie feiern am 10. Februar 95. Geburtstag. In der Region sind Sie wohlbekannt als Organist, Chorleiter, Komponist und Pädagoge. Wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken, welches Gefühl steht da im Vordergrund?

Adalbert Meier: Ich bin dankbar, dass ich immer wieder großes Glück hatte in meinem Leben. Es war nicht immer leicht, gerade wenn ich an den Krieg oder gesundheitliche Einschränkungen denke. Doch auch aus solchen Situationen durfte ich mit tiefer Dankbarkeit für das Gute hervortreten. Es war ein Glück, dass ich Musik studieren durfte und als Schullehrer einen Beruf fand, der mir entsprach. Auch als Musiker gingen meine Wünsche in Erfüllung. In zahlreichen Benefizkonzerten durfte ich über die Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) Gutes bewirken. Dreh- und Angelpunkt meines Lebens waren dabei die Orgelkonzerte in der Basilika Ottobeuren. Das größte Geschenk meines Lebens ist für mich allerdings meine Frau Irmingard, die mir stets in Treue und Liebe zur Seite stand – und das, obwohl ihr meine Musik einiges an Verzicht abverlangte.

Frau Meier, wenn man Ihren Mann so reden hört, fällt einem seine große Dankbarkeit und Bescheidenheit auf. Wie behält man sich als so erfolgreicher Künstler diese Genügsamkeit?

Irmingard Meier: Das liegt wohl daran, dass er von ganzem Herzen für die Musik lebt. Er war zwar sehr beliebt und erfolgreich, bekam auch mehrfach das Angebot, als Musikschuldirektor tätig zu werden oder im Ausland zu konzertieren. Doch das alles wollte er nicht. Reisen dienten höchstens dazu, neue Orgeln kennenzulernen. Das Wichtigste war ihm, etwas mit der Musik zu bewirken, die Musik in jedem Dorf anzukurbeln, Chöre zu gründen oder einzelnen Schülern die Freude der Musik weiterzugeben. Noch heute treffe ich ehemalige Schüler von uns, die sagen, er hätte die Musik für sie geöffnet und damit den Zugang zu dieser Freudensquelle ermöglicht.

Herr Meier, Sie gaben in der Basilika in manchen Jahren mehr als 30 Konzerte und weitere im Allgäuer Raum. Sie spendeten all Ihre Konzerterlöse und die Vergütung ihrer vielfältigen musikalischen Arbeit an die Leprahilfe. Wie kamen Sie darauf?

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Kirchenmusiker: Jeden Tag ein Stückchen Glück

Adalbert Meier: Das Glück muss man weitergeben. Angefangen hat alles mit einem Artikel über die Leprahilfe, den ich zufällig las. Mich schockierte der Bericht aus Afrika, dem ich entnehmen konnte, dass Geld für die Hilfe fehlt. Dafür wollte ich spenden. Es kamen dann fast vier Millionen Euro zusammen. In die Summe floss mitunter auch unser privates Vermögen. Wir bekamen sehr viel Anerkennung dafür, doch das Gefühl, sein Glück geteilt zu haben, war immer das Schönste dabei.

Lebensplanung den Konzerten untergeordnet

Frau Meier, was bedeutet Ihrem Mann Ottobeuren als Konzertort?

Irmingard Meier: Ottobeuren war seine Berufung. Wie wichtig ihm die Konzerte waren, lässt sich daran messen, auf wie viel wir verzichtet haben und dass wir unsere Freizeitgestaltung, ja sogar die gesamte Lebensplanung diesen Konzerten untergeordnet haben. Immer stellte Adalbert sich die Frage, ob sich Termine mit Ottobeuren in Einklang bringen lassen – die Urlaubsplanung, Familienfeste und Klassentreffen, sogar OP-Termine wurden deswegen verschoben. Oder wenn ich an unseren Hochzeitstag zurückdenke: Wo war Adalbert, als die Braut im weißen Kleid vor der Kirche stand? Natürlich in der Basilika beim Orgelspielen. Dieser Ort war sein zweites Zuhause.

Herr Meier, Sie waren Schüler des namhaften Organisten und Komponisten Professor Arthur Piechler (1896 – 1974). Was schätzen Sie an ihm und wie prägte er Ihr Orgelspiel?

Adalbert Meier: Arthur Piechler war damals der bekannteste katholische Kirchenmusiker. Er war ein geschickter Lehrer, der meine Experimentierfreudigkeit förderte und mir mit seiner überragenden Improvisationskunst ein großes Vorbild war. Obwohl meine Begabung früh erkannt wurde und ich schon mit acht Jahren zum Beispiel Messen frei begleiten konnte, mangelte es mir als Kind und Jugendlicher sehr an Selbstbewusstsein. Piechler hat es geschafft, mich aus der Reserve zu locken.

Glückliches Naturell

Heiterkeit ist ein charakteristisches Merkmal Ihrer eigenen Kompositionen. Sie haben nicht nur geistliche Werke komponiert, sondern auch Singspiele, schwäbische Weisen und Lieder für das Memminger Kinderfest. In einem Ihrer Glückwunschlieder heißt es „Glück, Glück, Glück – jeden Tag ein Stück.“ Wenn Sie auf Ihr Leben blicken, passt der Text gut dazu?

Adalbert Meier: Allem Anschein nach habe ich ein glückliches Naturell, weil ich mich – ähnlich der Sonnenuhr – jetzt im Alter nur an Geglücktes, Gelungenes, Schönes erinnere. Verletzungen, Enttäuschungen, Benachteiligungen scheinen in meinem Leben keine Rolle gespielt zu haben, obwohl sie natürlich stattgefunden haben und zu einem „runden“ Leben einfach dazu gehören. Ich darf wahrlich behaupten, ich hatte „Glück, Glück, Glück – jeden Tag ein Stück.“

Im Sommer 2020 veröffentlichte die renommierte Plattenfirma DECCA die CD-Box „Eugen Jochum“. In dieser Box gibt es auch Aufnahmen Ihres Orgelspiels anlässlich des 1200-jährigen Jubiläums des Klosters Ottobeuren im Jahr 1964. Jochum war einer der großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts und beeinflusste nachhaltig das kulturelle Leben in Ottobeuren. Können Sie sich noch an die Aufnahme erinnern?

Adalbert Meier: Ja natürlich! Das war nämlich mein Debüt in der Phonowelt. Es war sehr aufregend für mich, zumal ich 14 Tage vor dem Aufnahmetermin noch einmal um eine komplette Programmänderung gebeten wurde. Aber das kompetente Team war äußerst geduldig mit dem unerfahrenen Neuling. Nebenzu konnte ich die Proben von Professor Jochum mit dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam beobachten. Dabei bestaunte ich die Art, wie der Dirigent väterlich und doch sehr bestimmt das Orchester führte. Jeder konnte spüren, dass der große Maestro sich nicht selbst zelebrierte, sondern dass es ihm um eine Werktreue ging. Dabei strahlte er immer eine gelöste Heiterkeit aus.

Herr Meier, eine letzte Frage. Wenn wir von den großen Problemen in der Welt absehen, was wünschen Sie sich im Kleinen?

Adalbert Meier: Es wäre schön, wenn jemand unser Engagement für die DAHW im Kleinen fortsetzen könnte.

Lebensdaten von Adalbert Meier

Der Kirchenmusiker, Komponist und Grundschullehrer Adalbert Meier wurde am 10. Februar 1926 in Amberg geboren; er lebt seit 1955 in Memmingen. Abitur in Kaufbeuren; 1941 bis 1944 Orgelstudium am Leopold-Mozart-Konservatorium Augsburg bei Arthur Piechler; ab 1947 Kirchenmusikschule Regensburg; Meier studierte Lehramt und Musik, während er bereits seine erste Stelle in Baisweil hatte (1950 Diplom an der Musikhochschule München). Ab 1948 Tätigkeit als Volksschullehrer; von 1955 bis 1988 Grundschullehrer in Memmingen. 1960 bis 2015 Orgelkonzerte in der Basilika Ottobeuren für die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe; Meier komponierte Messen („Südtiroler Bauernmesse“), Singspiele und Kantaten sowie Lieder für das Memminger Kinderfest. Auszeichnungen: 1975 und 2015 Bundesverdienstkreuz, 1977 Bayerischer Verdienstorden, 1986 Stadtsiegel de Stadt Memmingen.