Energie-Krise

Bis zu 95 Prozent Preissteigerung in Memmingen: Kostenexplosion für Erdgas-Kunden

Erdgas wird in Memmingen bis zu 95 Prozent teurer.

Erdgas wird in Memmingen bis zu 95 Prozent teurer.

Bild: Sven Hoppe/dpa

Erdgas wird in Memmingen bis zu 95 Prozent teurer.

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Nicht 68 Prozent Preis-Steigerung, sondern bis zu 95 Prozent teurer wird Erdgas für Kunden der Memminger Stadtwerke ab 1. Dezember.
15.10.2021 | Stand: 10:54 Uhr

In Memmingen gibt es eine Gaspreis-Explosion. Wie wir berichteten, wird der Preis für Erdgas in der Tarifgruppe A 2001 um 68 Prozent erhöht. Doch in einem anderen Tarif gibt es eine noch höhere Preissteigerung: In der Tarifgruppe MM Online Privat steigt der Preis um knapp 95 Prozent.

Ein Rechenbeispiel: In einem Einfamilienhaus werden im Jahr im Durchschnitt 20 000 Kilowattstunden verbraucht. Mussten dafür bisher im Onlinetarif für Privathaushalte 959 Euro im Jahr bezahlt werden, sind nun 1745 Euro fällig. Pro Kilowattstunde Erdgas mussten seit Mai 2019 4,15 Cent bezahlt werden, ab 1. Dezember sind nun 8,08 Cent fällig. Nicht verändern wird sich die monatliche Servicepauschale von 10,71 Euro, die in der Rechnung enthalten ist.

Damit ist der Online-Tarif für Privathaushalte aber immer noch um 1,81 Cent pro Kilowattstunde günstiger als im Tarif A 2001. Hier steigen die Preise für Gas ab 1. Dezember 2021 um bis zu 68 Prozent. Das macht im Jahr bis zu 786 Euro aus – also statt bisher 1156 Euro dann 1942 Euro. Auch hier ist die Servicepauschale enthalten, im Tarif A 2001 sind das 8,33 Euro im Monat. Als Beispiel für diese Rechnung haben wir ebenfalls den Verbrauch in einem Einfamilienhaus herangezogen, also 20.000 Kilowattstunden pro Jahr. Weitere Beispiele für diese Tarifgruppe: Wer auf 60 Quadratmetern wohnt, muss ab 1. Dezember ungefähr 230 Euro im Jahr mehr bezahlen, für eine 100-Quadratmeter-Wohnung sind es etwa 530 Euro mehr als bisher.

Memmingen gehört damit zu den Kommunen in Deutschland, die die Gaspreise am stärksten erhöhen. Laut Vergleichsportal Verivox haben 32 regionale Gasanbieter für September und Oktober Preiserhöhungen von durchschnittlich 12,6 Prozent angekündigt. Beim Beheizen eines Einfamilienhauses führe das zu Mehrkosten von 188 Euro im Jahr. Die Preiserhöhung der Memminger Stadtwerke liegt deutlich darüber.

Gaspreise seit sechs Jahren nicht erhöht

Die Stadtwerke hätten trotz steigender Kosten für Erdgas seit 2015 die Preise nicht erhöht, sagt Geske. Sie hätten zu den günstigsten Anbietern in Memmingen gezählt, von denen es mehr als 200 in der Stadt gebe. Deshalb falle nun die Steigerung so hoch aus. Schon seit einiger Zeit zahlten die Stadtwerke für jede privat verbrauchte Kilowattstunde Gas drauf. Das könne sich aber kein Unternehmen auf Dauer leisten. Und weil sich die Gaspreise in den vergangenen Wochen um ein Vierfaches erhöht hätten, hätten die Stadtwerke nun reagieren müssen. "Wir waren dazu gezwungen."

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Zwar haben sie sich laut Geske einen Teil des Gases zu günstigen Konditionen gesichert. Und im Einkauf werde immer versucht, die günstigsten Preise zu erzielen. Doch ein Teil müsse über die Börse gekauft werden. Und dort seien die Preise nun explodiert. Das betreffe nicht nur die Stadtwerke Memmingen, sondern alle Energieanbieter in Deutschland. "Was im Moment auf dem Energiemarkt passiert, hat mit normalen Marktmechanismen nichts zu tun."

Warum steigen die Gaspreise?

Warum die Gaspreise explodieren, darüber möchte Marcus Geske nicht spekulieren. Die Stadtwerke seien - vor dem Verbraucher - das vorletzte Glied in der Lieferkette. Auf Preisentwicklungen hätten sie keinen Einfluss. In Memmingen und in ganz Süddeutschland wird vor allem Gas aus Russland verbraucht. Es wird spekuliert, dass Russland immer weniger Gas nach Deutschland leite, um so zu erzwingen, dass die neue Pipeline Nord Stream 2 in Betrieb gehen darf, die ebenfalls Gas nach Deutschland transportieren soll. Das verhindert derzeit aber das EU-Recht, weil einige juristische Anforderungen noch offen sind.

Hier finden Sie die Gaspreise der Memminger Stadtwerke, die seit 2015 gelten, und hier die Preise, die ab 1. Dezember 2021 gelten werden.

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Experten sehen laut Deutscher Presseagentur dpa viele Gründe für den starken Preisanstieg in Deutschland. Nach dem Wiederanlaufen der Wirtschaft habe sich die weltweite Nachfrage wieder normalisiert, erläutert Fabian Huneke vom Beratungsunternehmen Energy Brainpool. Das gelte vor allem für Asien. Der dortige Bedarf an Flüssigerdgas (LNG) beeinflusse auf den eng verflochtenen Erdgasmärkten auch das Preisniveau in Europa.

Gasspeicher leerer als sonst

Zudem seien die Gasspeicher in Europa nach dem vergleichsweise kalten Winter 2020/21 noch nicht wieder komplett gefüllt. In Deutschland seien sie derzeit zu weniger als zwei Drittel gefüllt, wie auf der Datenplattform der Betreiber zu sehen ist. Vor einem Jahr betrug der Füllstand gut 94 Prozent. Auch in den meisten Jahren zuvor waren die Speicher vor Beginn der Heizsaison deutlich besser gefüllt als derzeit.

Die unterirdischen Speicher, die über ganz Deutschland verteilt sind, gleichen Verbrauchsspitzen aus. An kalten Tagen werden bis zu 60 Prozent des Gasverbrauchs in Deutschland aus solchen Speichern abgedeckt, heißt es beim Branchenverband Initiative Erdgasspeicher. Rund 23 Milliarden Kubikmeter Gas können in den Speichern gelagert werden. Das ist etwa ein Viertel der jährlich in Deutschland verbrauchten Erdgasmenge.

Warum in den Speichern derzeit weniger Gas ist als üblich, lässt sich laut dpa nicht eindeutig sagen. Ausfälle und Wartungsarbeiten an der Gas-Infrastruktur in Europa hätten zur Folge gehabt "dass die Gasspeicher nicht so stark wie sonst üblich über den Sommer gefüllt werden konnten", sagt etwa Eren Çam vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln. Der Essener Energiekonzern RWE verweist zudem auf das Auslaufen der Erdgasproduktion in den Niederlanden.

"Situation bewusst herbeigeführt"

Oliver Krischer, Fraktionsvize der Grünen im Bundestag, glaubt: "Die Situation bei den leeren Gazprom-Speichern in Deutschland und Europa dürfte bewusst herbeigeführt worden sein", vermutet er. Gazprom betreibt über seine Tochterfirma Astora unter anderem den Speicher im niedersächsischen Rehden, der mit einem Volumen von 4 Milliarden Kubikmetern einer der größten in Europa ist. Mitte September wies die Datenplattform für Rehden einen Füllstand von weniger als fünf Prozent aus. Deutschland rutsche damit "in eine Situation mit Erpressungspotenzial", warnt Krischer mit Blick auf das Genehmigungsverfahren für die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2.

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow wies laut dpa Vermutungen zurück, dass die Energiegroßmacht Russland irgendetwas mit der derzeitigen Preisrally zu tun habe. Gazprom Germania hält sich bei der Frage nach den Gründen für den weitgehend leeren Speicher Rehden bedeckt. Ein- und Ausspeichermengen erfolgten durch die Kunden, teilte ein Sprecher auf Anfrage mit. "Daher können wir auch nicht prognostizieren, wie die Entwicklung in der Zukunft aussehen wird." Laut RWE ist Gazprom vertragstreu. "Alle unsere Lieferanten und Handelspartner, darunter Gazprom, erfüllen ihre Lieferverpflichtungen", betont ein Sprecher.