Pflegenotstand im Allgäu

Das könnte gegen den Pflegenotstand helfen - eine Idee aus Memmingen

Seniorenheim in der Corona-Pandemie

In der Altenpflege gibt es in Deutschland einen personellen Notstand. Das liegt vor allem daran, dass immer weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für diesen Bereich gefunden werden.

Bild: Sina Schuldt/dpa

In der Altenpflege gibt es in Deutschland einen personellen Notstand. Das liegt vor allem daran, dass immer weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für diesen Bereich gefunden werden.

Bild: Sina Schuldt/dpa

Kann der starke Personalmangel etwa in Altenheimen entschärft werden? Ein Vertreter des Roten Kreuzes Unterallgäu aus Memmingen hat dafür eine Idee.
14.10.2021 | Stand: 06:46 Uhr

Wenn die Menschen in Deutschland verpflichtet wären, ein Jahr Dienst für die Gesellschaft zu leisten, gäbe es in der Pflege weniger Probleme. Das denkt Heinz Scheitzeneder, stellvertretender Geschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), Kreisverband Unterallgäu. Aus seiner Sicht wäre es deshalb sinnvoll, ein solches Pflichtjahr wieder einzuführen – ähnlich dem Wehr- und Zivildienst früher.

Seit es den Zivildienst nicht mehr gebe, sei es wesentlich schwieriger geworden, hauptamtliche Mitarbeiter für soziale Berufe zu gewinnen. Im Altenpflegeheim des BRK in Buxheim beispielsweise war die personelle Situation zuletzt so schlimm, dass Pflegekräfte aus dem Ausland angeworben werden mussten und müssen (wir berichteten).

Die Diskussion, ob wieder ein verpflichtender Dienst eingeführt werden soll, wird immer wieder geführt, seit die Wehrpflicht und damit der Zivildienst ausgesetzt worden sind (siehe unten). Doch nun gebe es mit der personellen Krise in der Pflege einen akuten Anlass.

Pflege: Nicht kurzfristige Mitarbeiter sind wichtig, sondern langfristige

Heinz Scheitzeneder geht es in seiner Forderung nach einem verpflichtenden Gesellschaftsjahr allerdings weniger darum, kurzfristig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen, die nach zwölf Monaten von neuen abgelöst werden. Sondern darum, Menschen für soziale Berufe zu begeistern und so Kräfte zu gewinnen, die langfristig bleiben. Er ist davon überzeugt, dass in vielen Menschen die Berufung schlummert, beispielsweise in der Altenpflege zu arbeiten. Diese Berufung könne in einem verpflichtenden Jahr entdeckt werden. Wie früher: Viele junge Menschen hätten vor dem Zivildienst eine Ausbildung absolviert. Während des Ersatzdienstes hätten einige dann gemerkt, dass nicht ihr zuvor erlernter Beruf das Richtige für sie sei, sondern dass im sozialen Bereich ihre berufliche Heimat liegt. Und so hätte es immer genügend hauptberuflichen Nachwuchs gegeben.

Lebenslauf schon straff geplant

Seitdem Wehr- und Zivildienst in Deutschland nicht mehr verpflichtend seien, gebe es zwar keinen Mangel an jungen Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr leisten oder sich einige Monate über den Bundesfreiwilligendienst beim BRK Unterallgäu engagieren, sagt Scheitzeneder. Doch das seien fast nur junge Frauen und Männer, die Abitur gemacht hätten und deren Lebenslauf vom Studium bis zum angestrebten Beruf schon recht straff geplant sei. Er ist froh und dankbar, dass sich diese Menschen engagieren. Aber so gut wie keiner von denen bleibe im sozialen Bereich hängen. Das sei früher anders gewesen, als Menschen aus allen Gesellschaftskreisen dabei waren – und so würde es mit einem verpflichtenden Gesellschaftsjahr wieder werden.

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Generell schade es keinem, verpflichtet zu sein, ein Jahr im Dienst der Gesellschaft zu stehen, sagt Heinz Scheitzeneder. Im Gegenteil: Gerade im sozialen Bereich, zum Beispiel in der Pflege, lernten Menschen fürs Leben. Und wenn sie nach dem Jahr nicht dabei blieben, hätten sie zumindest gelernt, welchen Respekt Pflegekräfte verdienen. (Lesen Sie auch: Krankenhausgesellschaft klagt: Corona verschlimmert den Personalmangel)

Bis zu 3778 und 4400 Euro im Monat

Sollen in der Pflege in Zukunft nicht nur Zuwanderer arbeiten, sieht er keine andere Möglichkeit als ein Verpflichtungsjahr. Die Forderung, dass die Rahmenbedingungen in der Pflege geändert werden müssen, um die personelle Krise zu entschärfen, sei nur bedingt umsetzbar: Pflegebedürftige Menschen benötigen auch nachts und an Wochenenden Betreuung. Und das Gehalt sei aktuell nicht unbedingt das schlechteste und liege deutlich über dem Mindestlohn: Einige Jahre nach der Ausbildung werden laut Tarif für eine Pflegefachkraft in der Altenpflege bis zu 3778 Euro brutto gezahlt. Wer sich weiterbilden lasse und eine Position mit Mitarbeiterverantwortung übernehme, könne bis zu 4400 Euro Brutto verdienen. Zu beiden Varianten gibt es Nacht-, Sonntags- und Feiertagszuschläge von etwa 150 bis 200 Euro im Monat. Und auch Jahres-Sonderzahlungen: im Sommer etwa 370 Euro, im Winter 85 Prozent des Monats-Bruttogehaltes.

Warum wurde der Zivildienst abgeschafft?

Der Zivildienst in Deutschland wurde im Jahr 2011 zusammen mit der Wehrpflicht ausgesetzt. Seit 1956 galt die allgemeine Wehrpflicht, seit 1961 konnten Männer den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen verweigern. Dafür mussten sie Ersatzdienst leisten, der seit 1973 Zivildienst hieß.

Warum wurden Wehrpflicht und Zivildienst abgeschafft? Unter anderem wegen der Wehrgerechtigkeit, die nicht mehr eingehalten werden konnte. Wehrgerechtigkeit bedeutet, dass alle wehrfähigen Männer einen Dienst an der Waffe oder einen Ersatzdienst leisten müssen. Aber: Nach dem Kalten Krieg wurde die Bundeswehr verkleinert, es standen mehr Wehrpflichtige zur Verfügung als gebraucht wurden. Ein System, nach dem Männer für den Wehrdienst ausgewählt wurden, gab es nicht. So geriet die Wehr-un-gerechtigkeit immer mehr in die Kritik. Ebenfalls immer stärkere Kritik gab es an der generellen Pflicht, einen Dienst zu absolvieren. (Lesen Sie auch: "Muss endlich ein großer Wurf werden": Gesundheitsminister Holetschek will große Pflegereform)