Energiekrise

IHK in Memmingen: "Insolvenzen sind nicht mehr abwendbar"

Andrea Thoma-Böck und Markus Anselment schätzen die Lage als sehr dramatisch ein.

Andrea Thoma-Böck und Markus Anselment schätzen die Lage als sehr dramatisch ein.

Bild: Maike Scholz

Andrea Thoma-Böck und Markus Anselment schätzen die Lage als sehr dramatisch ein.

Bild: Maike Scholz

Andrea Thoma-Böck und Markus Anselment zeichnen ein düsteres Bild von der derzeitigen Situation in der Wirtschaft. Eine Blitzumfrage zeigt, wo die großen Sorgen liegen.
22.09.2022 | Stand: 18:11 Uhr

Memmingen ist der größte Industriestandort Schwabens. Doch der Wirtschaft geht es nicht gut, sagen Andrea Thoma-Böck als Vorsitzende der IHK-Regionalversammlung Memmingen und Unterallgäu, und IHK-Regionalgeschäftsführer Markus Anselment. Im Gespräch mit unserer Redaktion fallen Aussagen wie „Pleitewelle im Herbst“, „Deutschland bald ein Entwicklungsland“ und „Alarmstufe Rot“.

Das ist die Blitzumfrage

Die aktuelle Situation aufgrund der Energiekrise zeigt eine Blitzumfrage der IHK. Thoma-Böck und Anselment ordnen das Ergebnis der Blitzumfrage ein, die jüngst innerhalb von 24 Stunden umgesetzt wurde. 370 Unternehmer aus der Region Schwaben wurden für die Teilnahme angefragt. Die Beteiligung lag bei 40 Prozent. „Daran allein sieht man schon die Betroffenheit“, ist Anselment der Meinung.

Gas, Strom und Lieferketten

Die Blitzumfrage zeige starke Belastungen in der regionalen Wirtschaft: 51 Prozent der Unternehmen sehen die aktuelle Preissituation beim Strom als schlecht, 83 Prozent rechnen mit einer weiteren Verschlechterung. Bei Gas gehen 88 Prozent davon aus, dass der Gasbezug noch teurer wird. Die Probleme in den Lieferketten würden schwerwiegender. „25 Prozent der befragten Unternehmen sehen die Existenz ihres Geschäftsmodells bedroht – durch Produktionseinschränkungen und Produktionsausfälle.“ Betriebskosten schießen in Höhen, die nicht mehr kompensierbar seien. „Wettbewerb findet nun mal international statt“, sagt Markus Anselment. Andrea Thoma-Böck ergänzt: „Produktionen müssen bei uns stillgelegt werden, andere greifen diese ab. Wir verlieren am internationalen Markt den Boden.“

"Wir bekommen einfach nicht mehr die Rohstoffe, dann kann nicht produziert werden“

Die Lieferketten-Problematik sei höchst dramatisch. „Wir bekommen einfach nicht mehr die Rohstoffe, dann kann nicht produziert werden“, stellt Thoma-Böck klar. Sie gibt Beispiele. Ammoniak ist existenziell wichtig für viele Produktionsprozesse in der Wirtschaft. Logisch sei die Konsequenz, wenn Ammoniak nicht mehr geliefert werde. Brauereien bekommen nur noch begrenzt Kohlensäure.

AdBlue nicht mehr erhalten

„Speditionen und Omnibus-Unternehmen werden das notwendige AdBlue bei Dieselfahrzeugen nicht mehr erhalten“. Salzsäure werde knapp. „Sie ist für die Reinigung von Wasser, für die Produktion von Gelatine und in der Oberflächentechnik essenziell“, so Thoma-Böck, die sich sicher ist: „Insolvenzen in vielen Branchen sind nicht mehr abwendbar. Diese Unternehmen sind nach einem Produktionsstopp auch nicht wieder schnell wiederbelebbar. Sie scheiden aus dem Markt aus.“ Insolvenzen bedeuten auch, Arbeitsplätze zu verlieren. „Ein Teufelskreis.“ Hinzu komme: Unternehmen, deren Energieversorgungsverträge auslaufen, erhalten nur noch bei gutem Unternehmensrating einen Anschlussvertrag. „Man kann seinen Stromanbieter nicht mehr einfach auswählen“, zeigt Thoma-Böck auf. Diese Zeiten seien vorbei.

Das ist die Forderung der IHK

Lesen Sie auch
##alternative##
Gas und Strom

Schwabens Wirtschaft schlägt angesichts der Energiekrise Alarm

Für Andrea Thoma-Böck und Markus Anselment ist klar: „Wir müssen das Problem an der Wurzel packen.“ „Alle möglichen Energieträger in Deutschland müssen genutzt werden, bis wir wieder Land sehen. Alle noch laufenden Kernkraftwerke müssen am Netz bleiben. Weitere Kohlekraftwerke müssen reaktiviert werden, denn mehr Angebot an Energie führt auch zu niedrigeren Preisen.“ In den derzeitigen Strommarkt müsse eingegriffen werden. „Dazu ist ein europäisches Agieren notwendig“, so Anselment. Das existierende Marktsystem sei grundsätzlich richtig, funktioniere in der derzeitigen Energiekrise aber eben nicht.

Der Bund und seine Aufgaben

Der Bund sollte die Energiekostenzuschüsse auch auf andere Branchen außerhalb der Industrie ausweiten, zudem die Strom- und Energiesteuer auf die europäischen Mindestsätze senken. „Biogasanlagen könnten einen Großteil des russischen Gases ersetzen, dafür müsste aber der ,Deckel’ für Biogasanlagen aufgehoben werden. Wir stehen uns bei so vielem selbst im Weg“, merkt Thoma-Böck an. So auch bei alternativen Energien. Ein Abbau von Bürokratie und die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren seien überfällig. „Der Staat hat dafür Sorge zu tragen, dass ich als Unternehmen ausreichend Energie habe, und zwar zu einem international wettbewerbsfähigen Preis. Doch dem kommt der Staat nicht nach“, sagt Thoma-Böck. Sie weiß: „Wir sind Inflationsträger. Es ist eine Dauerschleife und an Dramatik nicht mehr zu überbieten.“ Die Flexibilität und Innovation der Firmen würden das System derzeit am Laufen halten, „doch auch da müssen die Rahmenbedingungen stimmen, sonst ist kein Raum für Innovation mehr da“.

Sie wollen immer über die neuesten Nachrichten aus Memmingen informiert sein? Abonnieren Sie hier unseren kostenlosen, täglichen Newsletter "Der Tag in Memmingen".