Corona in Memmingen

Explodierendes Gesundheitssystem: Wie die Lage in Impfzentrum, Hausarztpraxen und Krankenhaus ist

Am Samstag machte der Impfbus des Impfzentrums Memmingen am Theaterplatz Halt. Am Vormittag bildete sich eine mehr als 100 Meter lange Warteschlange. Zu dieser Zeit warteten etwa 90 Personen, um ihre Covid-19-Impfung zu erhalten.

Am Samstag machte der Impfbus des Impfzentrums Memmingen am Theaterplatz Halt. Am Vormittag bildete sich eine mehr als 100 Meter lange Warteschlange. Zu dieser Zeit warteten etwa 90 Personen, um ihre Covid-19-Impfung zu erhalten.

Bild: Thomas Weigert

Am Samstag machte der Impfbus des Impfzentrums Memmingen am Theaterplatz Halt. Am Vormittag bildete sich eine mehr als 100 Meter lange Warteschlange. Zu dieser Zeit warteten etwa 90 Personen, um ihre Covid-19-Impfung zu erhalten.

Bild: Thomas Weigert

Vor dem Impfzentrum zu warten, sei im Vergleich zu dem, was Corona anrichten kann, ein kleines Übel. Es gehe um Leben und Tod - sagen zwei Ärzte aus Memmingen.
26.11.2021 | Stand: 14:08 Uhr

„Es gibt nur ein Beatmungsgerät. Wer von uns Dreien soll es kriegen, wer darf überleben?“ Dr. Jan Henrik Sperling schaut in die Runde. Wenn die vierte Coronawelle nicht so schnell wie möglich gebrochen wird, werde die Frage, wer überleben darf, in absehbarer Zeit in Krankenhäusern Realität.

Die Kliniken Schwabens bereiteten sich auf eine solche Triage vor, also das Verfahren, mit dem ausgewählt wird, wer medizinisch versorgt wird, wer nicht. Auch im Memminger Klinikum. Sperling ist Ärztlicher Corona-Koordinator in Memmingen. Er und sein Kollege Dr. Hardy Götzfried, Ärztlicher Leiter des Impfzentrums, schildern die aktuelle Corona-Situation. (Lesen Sie auch: Droht die "Triage" in deutschen Kliniken? Die wichtigsten Fragen und Antworten)

  • Impfzentrum Memmingen: Immer wieder gibt es Kritik: Lange Wartezeiten, keine Terminvergabe. Vor einigen Tagen wurde eine kleine Gruppe, die lange gewartet hat, nicht mehr hineingelassen. „Die Situation ist vielschichtiger“, sagt Sperling. „Natürlich ist es frustrierend, wenn einzelne Personen am Ende eines langen Tages nicht mehr geimpft werden können. Aber das Personal arbeitet teilweise ununterbrochen, kommt nicht mal zum Trinken und muss höchst konzentriert sein. Wenn der Dienst offiziell um 20 Uhr beendet ist, geht es trotzdem öfter bis 21 oder 22 Uhr, bis alle Impflinge versorgt sind. Alle sind hier an der Belastungsgrenze. Ferner müssen wir Lüftungs- und Desinfektionspausen einlegen und Arbeitszeitregelungen der Mitarbeiter beachten.“ Irgendwo müsse also der Schlussstrich gezogen werden.

Warum es im Memminger Impfzentrum keine Terminvergabe gibt, erklärt Hardy Götzfried: Weil so mehr Menschen geimpft werden können. Und darauf komme es jetzt an: So schnell wie möglich so viele Menschen wie möglich gegen Corona zu impfen. Weiterer Vorteil: Jeder, der in der Schlange vor dem Zentrum steht, werde normalerweise am selben Tag auch geimpft. In einigen Impfzentren, die Termine vergeben, seien teils erst im neuen Jahr Termine frei.

Die Wartezeit auf dem Gehweg halten beide Ärzte für ein kleines Übel. „Wir wollen hier kein zweites Bergamo haben, wo es einen Auszählreim gibt, wer überlebt.“ In Bergamo im Norden Italiens waren im Frühjahr 2020 in drei Wochen 4500 Menschen im Zusammenhang mit Corona gestorben. In den Krankenhäusern konnte vielen Erkrankten aufgrund des Ansturms nicht geholfen werden.

Spezielle Impfangebote zum Boostern in Memmingen geplant

„Natürlich ist es gerade für ältere Menschen schwierig in der Winterzeit, länger zu warten. Wenn diese bei ihrem Hausarzt nicht unterkommen, gibt es leider keine bessere Lösung. Aktuell gibt es erfreulicherweise viele Personen mit Erstimpfung und auch mit einer Auffrischungsimpfung. Wären die Impflinge zur Erstimpfung im Sommer gekommen, dann hätten diese keine 15 Minuten warten müssen und die Warteschlangen für die Personen zur Booster-Impfung wären nun auch nicht so lang“, sagt Götzfried. Für Letztere sollen bald spezielle Impfangebote gemacht werden. (Lesen Sie auch: Zahl der Booster-Impfungen im Allgäu steigt sprunghaft an)

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Mitarbeiter von Klinikum, Gesundheitsamt und Ärzte am Limit

Derzeit hat das Memminger Impfzentrum jeden Tag von 10 bis 20 Uhr geöffnet - außer am Sonntag. Doch auch an diesem Tag könne bald wieder geöffnet werden. Das war bisher wegen Personalmangels nicht möglich, die Suche nach qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sei schwierig.

  • Hausärzte: Einige Hausärzte in Memmingen und Umgebung bieten keine Corona-Impfungen mehr an, weil ihre Praxen überlastet sind. „Die Hauptaufgabe der Hausärzte ist, die Regelversorgung aufrecht zu halten. Das heißt Betreuung von chronisch Kranken und von Akutpatienten. Hinzu kommen die Grippeimpfungen“, sagt Sperling. Die Corona-Aufgaben fallen zusätzlich an und kosten viel Zeit. „Da gehen viele Ärzte am Stock.“ Aber er sei in Austausch mit seinen Kolleginnen und Kollegen. Viele Arztpraxen würden versuchen, wieder Corona-Impfungen anzubieten.

Nicht nur für die Ärzte sei es eine harte Zeit. Sperling: „Auch die Medizinischen Fachangestellten sind über das erträgliche Maß belastet.“ Die Patienten kommen telefonisch nicht mehr durch in der Praxis. Es sind nur schwer Termine zu bekommen. „Das ist unsere aktuelle Situation. Die Menschen müssen dafür Verständnis aufbringen.“

  • Krankenhaus: „Unsere Krankenhäuser in Bayern platzen“, sagt Sperling. Es werde bereits überlegt, wie Patienten überhaupt noch versorgt werden sollen, denn die Corona-Welle steige weiter. „Wenn Sie jetzt einen Herzinfarkt kriegen, kann es sein, dass die nahegelegenen Krankenhäuser keine Kapazitäten mehr haben. „Bei einem Herzinfarkt kommt es auf Schnelligkeit an. Wenn es aber im Klinikum keine Kapazitäten mehr gibt, müssen Sie verlegt werden. Und es kann passieren, dass es in ganz Bayern schwierig ist, einen Platz auf einer Intensivstation zu bekommen.“

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