Interview

„Das genaue Hinschauen baut Vorurteile ab“

Ein funktionierendes Miteinander in Memmingen, unabhängig von Herkunft, Religion oder sozialer Schicht: Das ist eine Herausforderung – und das Ziel des beruflichen Wirkens von Lukas Krupinski, der für die städtische Koordinierungsstelle Integration zuständig ist.

Ein funktionierendes Miteinander in Memmingen, unabhängig von Herkunft, Religion oder sozialer Schicht: Das ist eine Herausforderung – und das Ziel des beruflichen Wirkens von Lukas Krupinski, der für die städtische Koordinierungsstelle Integration zuständig ist.

Bild: Verena Kaulfersch

Ein funktionierendes Miteinander in Memmingen, unabhängig von Herkunft, Religion oder sozialer Schicht: Das ist eine Herausforderung – und das Ziel des beruflichen Wirkens von Lukas Krupinski, der für die städtische Koordinierungsstelle Integration zuständig ist.

Bild: Verena Kaulfersch

Lukas Krupinski von der Koordinierungsstelle will das Thema Integration in Memmingen voranbringen. Dabei soll die ganze Stadtgesellschaft mitarbeiten.
29.05.2022 | Stand: 10:15 Uhr

Ohne Zusammenhalt und Miteinander geht es nicht – beides ist lebenswichtig für die Stadt. Gleichzeitig gehören Memmingerinnen und Memminger verschiedenen Religionen an, sie bringen unterschiedliche kulturelle Hintergründe mit und stammen aus einer Vielzahl von Herkunftsgebieten. Dafür zu sorgen, dass jeder und jede sich gleichermaßen einbringen, seinen Platz finden kann, ist das Ziel von Integration – und der Arbeitsbereich von Lukas Krupinski von der städtischen Koordinierungsstelle. Wie er diese Aufgabe angeht.

Als Kompass auf dem Weg zu mehr Miteinander soll das Integrationspolitische Gesamtkonzept dienen, das derzeit erstellt wird. Wie ist der Stand?

Lukas Krupinski: Gerade läuft eine Fragebogen-Aktion mit Trägern und Institutionen. Die Ergebnisse liefern uns einen ersten Überblick, wo wir näher hinschauen müssen. Das gleiche Ziel haben Interviews mit Experten, die mit Zugewanderten arbeiten. Etwa zur Pfingstzeit soll eine Bürgerbefragung starten. Dabei bitten wir die Teilnehmenden ihre Eindrücke darüber zu schildern, wie das Zusammenleben in Memmingen funktioniert. Im September sollen öffentliche Veranstaltungen folgen, bei denen sich konkrete Handlungsfelder ergeben. Dieser Prozess in Zusammenarbeit mit dem Integrationsbeirat ist entscheidend, weil wir nicht alle gleich sind: Keine Stadt ist wie die andere. So können wir für uns in Memmingen erkennen, wie wir hier vor Ort zusammenleben und wo wir hinwollen. Memmingen ist ja das, was alle verbindet. Deshalb ist die Teilhabe an den Traditionen und der Stadtkultur wertvoll. Darin steckt die Botschaft: Identifiziert euch mit eurem Heimatort – ihr gehört zu Memmingen.

Integration durchzieht als gesamtgesellschaftliche Aufgabe sämtliche Lebensbereiche. Welchen Beitrag leisten Sie mit der Koordinierungsstelle?

Krupinski: Auf große gesellschaftliche Themen stellt sich jede Kommune mit klassischer Sozialplanung ein. Mit dem Blickwinkel Migration und Integration macht das einen Teil meines Aufgabenfelds aus. Es geht zum Beispiel darum, mit Akteuren und der Bürgerschaft zu schauen, was gut läuft, wo es Verbesserungsbedarf gibt, wo man anpacken muss. Ob wir unsere Ziele erreichen, zeigt uns ein Monitoring, dessen Kriterien wir ebenfalls erarbeiten. Außerdem bin ich ein Ansprechpartner, der ein offenes Ohr hat: etwa, wenn jemand jetzt in der Ukraine-Krise helfen will und wissen möchte, ob das Angebot sinnvoll ist oder etwas Ähnliches schon läuft. Es ist toll, dass wir viele engagierte Leute in der Stadt haben. Mir geht es darum, dass sie verschränkt und nicht parallel arbeiten, um ihre Kräfte und Ressourcen zu schonen.

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Welche Tipps können Sie Freiwilligen an die Hand geben?

Krupinski: Ich kann Erfahrungen mit ihnen teilen: das nötige Know-How, um durchzuhalten und nicht auszubrennen. In der Arbeit mit Geflüchteten stellen sich Herausforderungen und ich kann bei der Überlegung helfen, wie man sie anpackt. Es ist zum Beispiel wichtig zu wissen, dass Flucht ein Trauma verursacht. Sie ist ein Verlust von Kontrolle. Für Betroffene ist es wichtig, dass man sie unterstützt, Dinge selbst zu lösen und ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zurückzugewinnen. Manchmal drückt auch der Körper durch Schmerzen das aus, was sie nicht aussprechen können. Bei diesen somatoformen Beschwerden ist nicht immer ein Arzttermin nötig und den Betroffenen hilft vor allem das Gefühl von Ruhe und Sicherheit.

Nicht nur Geflüchteten soll geholfen werden, in der Stadtgesellschaft anzukommen. Wo muss Integration in der Stadt außerdem ansetzen?

Krupinski: Wenn man sich die Aufenthaltstitel anschaut, sind es sogar relativ wenige Menschen, die durch Flucht zu uns gekommen sind. Die größte Gruppe stellen mit etwa elf Prozent Bürgerinnen und Bürger aus der Europäischen Union (EU) mit ihren Angehörigen. Auch damit müssen wir uns auseinandersetzen. Diese Menschen sind zum Arbeiten hergekommen und viele von ihnen sind im Niedriglohnsektor beschäftigt. Oft sind sie sehr durch die Sicherung ihres Lebensunterhalts gefordert und haben weder die Zeit noch die Kraft, Sprachkurse zu besuchen oder sich in einem Verein einzubringen. Vieles erklärt sich so durch die Zugehörigkeit zu einer Schicht und gleicht sich für Zugewanderte, ganz unabhängig von Herkunft und Religion. Das ist zum Beispiel in der Frage zu beobachten, wie gut die Kinder in der Schule zurechtkommen und welche weiterführende Schule sie besuchen. Aber wir sehen das auch beim Bildungserfolg von Erwachsenen. Bei Integration geht es also auch um das genaue Hinschauen und die Frage „Was hängt wie zusammen?“. Das ist sehr spannend und baut Vorurteile ab. Interview: Verena Kaulfersch