Landestheater Schwaben in Memmingen

"Große Lust auf opulentes Theater" - Kathrin Mädler, Intendantin des Landestheaters Schwaben, im Interview

Dr. Kathrin Mädler

Intendantin Kathrin Mädler steht vor ihrer letzten Spielzeit am Landestheater Schwaben. Danach wechselt sie ans Theater Oberhausen.

Bild: Ralf Lienert

Intendantin Kathrin Mädler steht vor ihrer letzten Spielzeit am Landestheater Schwaben. Danach wechselt sie ans Theater Oberhausen.

Bild: Ralf Lienert

Mädler blickt auf die herausfordernde Corona-Spielzeit in Memmingen zurück. Was sie jetzt von der Politik erwartet und was sie zu ihrer Nachfolge sagt.
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Von Brigitte Hefele-Beitlich
08.08.2021 | Stand: 10:40 Uhr

Frau Mädler, wie würden Sie die zu Ende gegangene Corona-Spielzeit 2020/21 spontan beschreiben?

Kathrin Mädler: Sie war sehr merkwürdig, herausfordernd und anstrengend, aber es gab auch viel Positives und Gutes.

Positives? Obwohl Sie sieben Monate komplett schließen und dann vor halb leerem Haus spielen mussten?

Mädler: Es gab zum Beispiel selten so viel Kontakt mit den Gastspielorten wie in der Pandemie. Diese Landestheater-Strukturen zu erhalten, ist eine wichtige Aufgabe in der nächsten Spielzeit. Intern haben wir ein paar Kommunikationsseminare gehalten und Prozesse angestoßen. Wenn wir gewusst hätten, dass wir so lange nicht spielen dürfen, hätte man noch mehr strukturell arbeiten können, aber wir waren ja die ganze Zeit mit umplanen beschäftigt.

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Nach der Sommerpause kommt nun der Spielplan, der eigentlich für die vergangene Saison geplant war.

Mädler: Den Spielplan komplett zu verschieben, war im Nachhinein die richtige Entscheidung. Denn von unserem neuen, coronatauglichen, konnten wir alle Produktionen irgendwie zum Leben bringen und sei es nur digital. Das war wirklich schön. Und die Gastspielorte haben vieles noch mal gebucht, was sie schon letztes Jahr ausgesucht hatten.

Wie oft haben Sie überhaupt auswärts gespielt?

Mädler: Die Vorstellungen waren natürlich überschaubar. Aber es gab auch richtig innovative Ideen. In Waiblingen haben wir „Event“ ganz ohne Publikum gespielt und die Aufführung wurde als Live-Stream aus dem Saal übertragen.

Corona-Jahr war emotional schwierige Zeit

Wie hat ihr Team den Lockdown gemeistert?

Mädler: Im Haus war das Corona-Jahr emotional eine schwierige Zeit, aber alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben wunderbar zusammengehalten. Da habe ich von anderen Häusern anderes gehört. Als es im März hieß: aufmachen und dann doch nicht, sind alle konstruktiv geblieben, das war richtig toll. (Lesen Sie auch: Landestheater Schwaben: Komplizierter Haushalt im Corona-Jahr)

Haben sich die paar Wochen Spielbetrieb vor der Sommerpause gelohnt?

Mädler: Als wir plötzlich durchstarten durften, haben alle voller Energie mit angepackt. Die Schauspielerinnen und Schauspieler fanden es super, dass sie noch mal spielen können. Das sommerliche Freilichttheater war genau das richtige Zeichen am Ende der Saison. Parallel liefen bereits Vorproben für die „Jungfrau von Orleans“. Es war schön zu sehen, wie frisch und mit welcher Lust dabei alle ans Werk gingen. Sehr erfreulich ist, dass wir auf der Bühne wieder normal proben dürfen, wenn die Leute geimpft sind, das ist für die künstlerische Arbeit ein großer Fortschritt.

Publikum kam nach dem Re-Start zögerlich

Wie hat das Publikum auf den Re-Start reagiert?

Mädler: Leider eher zögerlich, vor allem auf die Vorstellungen drinnen. Aber es war ja auch Fußball-EM und Masken tragen im Haus schreckt offenbar einige ab. Ich hoffe sehr, dass sich das Theater zum Herbst wieder richtig belebt.

Wie liefen die Vorstellungen mit wesentlich weniger Zuschauerinnen und Zuschauern als gewohnt?

Mädler: Die, die gekommen sind, haben wahnsinnig applaudiert und teilweise sogar gejubelt. Wir hatten natürlich Angst, vor halb leeren Rängen zu spielen – bei den ersten Vorstellungen waren manchmal nur 20 Leute da – aber wir haben es trotzdem genossen. Da wurde das Verhältnis zum Publikum ganz neu ausgelotet.

War es manchen vielleicht auch zu viel, sich in die Schlange an der Theaterkasse einzureihen, um Karten einzutauschen oder wahlweise in der Telefonwarteschleife zu hängen?

Mädler: Das tut uns unendlich leid, dass wir an der Kasse am Ende etwas überfordert waren. Wir sind da sowieso schon knapp aufgestellt, dann kam noch eine Erkrankung dazu. Aber bei unserem komplizierten Ticketsystem kann man nicht so leicht einspringen, das ist unser Nadelöhr. Alle Kollegen haben zwar an der Abendkasse und am Telefon mitgeholfen, aber es ist ärgerlich, dass wir das nicht besser hingekriegt haben und so die Abonnenten Einbußen im Service hinnehmen mussten.

Wie geht es mit dem Karten im Herbst weiter?

Mädler: Am wichtigsten ist jetzt, dass wir die Abonnentinnen und Abonnenten bei uns halten und Vertrauen schaffen. Wir wollen im Herbst wieder allen feste Termin geben, deshalb werden wir Vorstellungen doppelt spielen – Abstandsregelungen werden ja vermutlich weiter gelten. Viele werden deshalb nicht auf ihrem angestammten Platz sitzen können, aber zumindest auf ähnlichen. Wir haben jetzt erst einmal bis Dezember geplant.

Gab es auch Abo-Kündigungen?

Mädler: Nur ein paar wegen der Unsicherheit und ich hoffe nicht, dass sich die Leute das Theater ganz abgewöhnt haben. Da bin ich aber guten Mutes. Letztes Jahr haben unglaublich viele ihre Karten gespendet, um uns zu unterstützen. Und es gab sehr viele und sehr schöne Treuebekundungen in Briefen und Mails. Viele haben uns geschrieben, dass sie uns vermissen. Ich habe das schöne Gefühl, dass viele ihr Landestheater sehr lieben.

In Politik muss Paradigmenwechsel passieren

Muss auch die Politik mehr zum Theater und zu den Kultureinrichtungen stehen?

Mädler: Die Öffnungs- und Schließungsstrategie war politisch das größte Desaster. Wir hoffen, dass wir im Herbst durch die Impfungen einen anderen Stand haben als im letzten Jahr. Ich glaube, es wird keinen kompletten Lockdown mehr geben. Trotzdem muss ein Paradigmenwechsel passieren, die Politik darf uns nicht behandeln, als wären wir irgendeine Freizeiteinrichtung.

Theatermachen hat sich in der Pandemie gezwungenermaßen ziemlich verändert? Was wird davon bleiben?

Mädler: Mit der Digitalität als künstlerischem Mittel haben sich sehr interessante Möglichkeiten aufgetan, das wird sich in der künftigen Arbeit stark niederschlagen. Die vorgeschriebene Distanz als ästhetisches Mittel ist dagegen genug ausgelotet. Es war sehr schwierig mit Masken zu proben und die Kollegen trotzdem zu spüren. Jetzt haben wieder alle große Lust auf Körperlichkeit und Nähe. Die Reduktion war spannend und hat interessante Inszenierungen hervorgebracht. Man hat etwa viel bewusster darauf geschaut, wie Sprache funktioniert oder wie man Situationen anders lösen kann. Es hat auch Spaß gemacht, Konventionalität auszuhebeln, aber jetzt haben wir wieder Lust, spielerisch in die Vollen zu gehen.

Wird Corona ein Thema im Theater bleiben?

Mädler: Auf jeden Fall wird zu untersuchen sein, was Corona mit uns gesellschaftlich gemacht hat. Angesichts der fehlenden Debatte in der Pandemie über Kultur und deren Schließung müssen wir uns viel stärker fragen, wie wir Theaterschaffenden noch relevantere Akteure in unserer Welt werden. Und uns Gedanken machen über unseren Standpunkt in einer Gesellschaft, die sich total verändert.

Wie könnte das konkret aussehen?

Mädler: Wir müssen innere Prozesse anstoßen, hinterfragen wie und was wir produzieren: Wer ist unser Publikum? Wie erreichen wir auch andere als bisher? Warum machen wir das, was wir machen? Das erfordert eine noch verschärftere Zeitgenossenschaft. Aber auch ein hohes Maß an Tiefenbohrung. Und die große, ästhetische Verhandlung existenzieller Fragen.

Auch Bühnenverein befasst sich mit Theater der Zukunft

Muss sich das Theater unserer Zeit generell dorthin bewegen?

Mädler: Absolut, auch der Bühnenverein befasst sich mit dem Theater der Zukunft, inhaltlich und ästhetisch. Da geht es auch um Strukturveränderung, Machtdiskurse und einen Wertekodex. Und wir erarbeiten Hilfestellungen, wie man das umsetzen und zum Beispiel Zielvorgaben gemeinsam mit Trägern angehen kann.

Ihre persönlichen Ziele werden Sie ab der Spielzeit 2022/23 am Theater Oberhausen verwirklichen. Das bedeutet auch für das LTS eine große Veränderung.

Mädler: Ein Intendanzwechsel bringt immer auch personelle Veränderungen mit sich. Ich bin mit einigen im Gespräch, die ich gerne mitnehmen will. Dass Anne Verena Freybott mitkommt, ist ja bereits bekannt. Auch in Oberhausen werden einige mit dem scheidenden Intendanten Florian Fiedler weiterziehen. Auch dort bin ich mit allen im Gespräch. Ich fahre alle paar Wochen hin, um das Ensemble und das Haus kennenzulernen. Die Stadt und die Region sind total gegensätzlich zu Memmingen, da sind andere Themen angesagt als hier. Aber ein offenes Haus für alle zu sein, wird immer meine Philosophie bleiben. Ein Haus, in dem große emotionale Geschichten erzählt und ästhetische Welten geschaffen werden und wir Themen in großer Direktheit verhandeln. Ich glaube, dass die Menschen nach Corona besonders Lust auf opulentes Theater haben.

Möchten Sie etwas zu Ihrer Nachfolge sagen?

Mädler: Ich finde es schade, dass der Findungsprozess am Ende verunglückt ist. Das war bis dahin ein gutes und komplexes Verfahren mit Politikern und Künstlern. Ich bedaure es, dass ich das Haus nicht dauerhaft und mit langfristiger Perspektive übergeben kann. Aber ich bin sicher, dass Christine Hofer und Alexander May die Interimszeit gut gestalten werden.

Neues Kinder- und Jugendtheater wird eröffnet

Wie sehen Sie Ihrer letzten Spielzeit am Landestheater Schwaben entgegen?

Mädler: Ich freue mich total darauf. Ich habe noch gar nicht das Gefühl, etwas loszulassen. Der Spielplan fasst all die Themen noch mal zusammen, mit denen wir uns die ganze Zeit beschäftigt haben. Es sind viele tolle Uraufführungen und gesellschaftlich und politisch wichtige Fragen drin. Das Ensemble ist bestens aufgestellt. Und wir eröffnen unser Herzensprojekt, das Kinder- und Jugendtheater am Schweizerberg.

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