Umfrage unter Unternehmern

Noch keine Corona-bedingte Insolvenzwelle - 400 offene Lehrstellen

Den Industrie-Unternehmen in Memmingen und im Unterallgäu, hier Magnet Schultz, geht es derzeit wirtschaftlich wieder besser als im Herbst 2020. Die Gastronomie und das Reisegewerbe hingegen sind wegen der Pandemie wirtschaftlich weiter im Sinkflug. Foto links: Daniel Schvarcz / Foto rechts: Lienert

Den Industrie-Unternehmen in Memmingen und im Unterallgäu, hier Magnet Schultz, geht es derzeit wirtschaftlich wieder besser als im Herbst 2020. Die Gastronomie und das Reisegewerbe hingegen sind wegen der Pandemie wirtschaftlich weiter im Sinkflug. Foto links: Daniel Schvarcz / Foto rechts: Lienert

Bild: Daniel Schvarcz/Ralf Lienert

Den Industrie-Unternehmen in Memmingen und im Unterallgäu, hier Magnet Schultz, geht es derzeit wirtschaftlich wieder besser als im Herbst 2020. Die Gastronomie und das Reisegewerbe hingegen sind wegen der Pandemie wirtschaftlich weiter im Sinkflug. Foto links: Daniel Schvarcz / Foto rechts: Lienert

Bild: Daniel Schvarcz/Ralf Lienert

Einen riesigen Einbruch haben Einzelhandel und Reise- und Gastrogewerbe in Memmingen und im Unterallgäu durch Corona erlitten. Das zeigen aktuelle IHK-Zahlen.
18.05.2021 | Stand: 17:42 Uhr

Er zeigt, wie es der Wirtschaft in Memmingen und im Unterallgäu geht: der Konjunkturindex der Industrie- und Handelskammer (IHK). Und derzeit geht es ihr trotz Corona recht gut. In Zahlen ausgedrückt: Der IHK-Konjunkturindex liegt derzeit bei 110 Punkten. Im Herbst 2019, also vor der Corona-Krise, lag er bei 112 Punkten. Und im Vergleich zum Frühjahr 2020 hat er sich gut erholt, damals lag er bei 75 Punkten. Diese Zahlen wurden während der Pressekonferenz der IHK Schwaben bekanntgegeben.

Doch die aktuellen 110 Punkte bedeuten nicht, dass es allen Branchen wieder besser geht. Denn die Zahl zeigt die durchschnittliche Entwicklung der regionalen Wirtschaft in Memmingen und im Unterallgäu. Für diese Daten hat die IHK im April 990 Unternehmen aus Produktion, Handel und Dienstleistungen befragt.Einige Details:

Unsicher: 41 Prozent beurteilen die aktuelle Geschäftslage zwar mit gut, „ein sehr guter Wert im regionalen Vergleich“, wie es bei der IHK heißt. Die Auftragsrückgänge vom Herbst wurden aufgefangen. Unsicher sind die Unternehmer aber, wie es weitergeht. 57 Prozent erwarten, dass es keine Umsatzveränderungen geben wird. „Wachstumsimpulse werde eher aus dem Ausland als vom Inlandsmarkt erwartet. Die Investitions- und Beschäftigungspläne sind zurückhaltend und spiegeln die große Skepsis der regionalen Wirtschaft wider.“

Reise- und Gastgewerbe: 95 Prozent sprechen wegen des erneuten Lockdowns von einer schlechten aktuellen Geschäftslage. Der Konjunkturindex nur für diese Branche liegt bei knapp 22 Punkten. Und 82 Prozent aller Unternehmen dieser Branche erwarten, dass der Umsatz im Vergleich zu 2020 weiter sinkt.

Einzelhandel: Eine schlechte Geschäftslage wird auch von 41 Prozent der Einzelhändler beklagt. Sie befürchten zudem, dass sie Kunden dauerhaft an den Onlinehandel verloren haben, weil sie schon so lange nicht öffnen dürfen.

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Industrie: In der Industrie bewerten 13 Prozent der Unternehmer die aktuelle Geschäftslage als schlecht, 46 Prozent als gut. Und die Erwartungen sind recht zuversichtlich. 36 Prozent gehen davon aus, dass sich die Geschäftslage verbessern wird. „Unsere robuste Industrie zieht die Konjunktur nach oben“, sagt IHK-Regionalvorsitzende Andrea Thoma-Böck. Jeder zweite Arbeitnehmer in Memmingen und Unterallgäu ist in der Industrie beschäftigt.

Baugewerbe: 70 Prozent der Unternehmen im Baugewerbe gaben an, dass es ihnen derzeit gut geht.

Entwicklung der Arbeitsstellen: 16 Prozent der Umfrageteilnehmer sagten, dass die Zahl der Beschäftigten in ihren Unternehmen sinken wird. Im Herbst sagten das noch 23 Prozent. 68 Prozent gaben an, dass die Zahl gleich bleiben werde, im Herbst waren es 66 Prozent. Und 16 Prozent sprachen von einer steigenden Stellenzahl, im Herbst waren es zehn Prozent. Insgesamt bewertet die IHK Schwaben die Beschäftigungschancen als gut.

Insolvenzen: Eine Corona-bedingte Insolvenzwelle droht laut IHK nicht. Größere Unternehmen in Schieflage seien ihm nicht bekannt, sagt Markus Anselment, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Schwaben. Doch wenn kleinere Geschäfte für immer schließen müssen, „passiert das meist geräuschlos“. Deshalb gebe es sicher eine Dunkelziffer an Insolvenzen. Hoch könne die Zahl nicht sein, aber das sei derzeit noch nicht absehbar.

Lieferengpässe: Vor allem wegen der Corona-Pandemie gebe es vermehrt Lieferschwierigkeiten, sagt IHK-Vizepräsident Dr. Albert Schultz. So gebe es Engpässe bei Rohstoffen und Vorprodukten, dazu zählen noch nicht fertige Produkte, die in der eigenen Herstellung weiterverarbeitet werden. Das hemme das wirtschaftliche Wachstum vor allem im Bau, hier sind 63 Prozent der Unternehmen von Lieferengpässen betroffen, im Einzelhandel sind es 49 und in der Industrie 48 Prozent. Schuld seien etwa Corona-bedingte Störungen in der Produktion der Lieferanten. Zudem steige allmählich wieder die Nachfrage. Doch die Lieferanten müssten die Produktion erst hochfahren, die wegen der Pandemie in vielen Bereichen nicht auf Hochtouren lief.

Bis zu 400 offene Lehrstellen

In Memmingen und im Unterallgäu sind bis zu 400 Lehrstellen unbesetzt, sagt Markus Anselment, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Schwaben. Außerdem sei die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im vergangenen Jahr um 11,4 Prozent gesunken. Auch für das im September beginnende Ausbildungsjahr zeichne sich ein Rückgang ab. Das bedeute zum Beispiel, dass im Gastgewerbe Arbeitskräfte fehlen werden, wenn sich die Corona-Situation entspannt und es wieder loslegen darf.

Weiteres Problem: Mangelt es an Auszubildenden, werde es in absehbarer Zeit auch an gut ausgebildeten Fachkräften mangeln, was gerade den Industriestandorten Memmingen und Unterallgäu zu schaffen machen werde. Doch warum gibt es weniger Auszubildende? Wegen der Demografie, sagt Anselment. Es gebe weniger junge Menschen als früher. Außerdem seien viele Schüler durch die Coronasituation verunsichert. Sie fragten sich, welche Branche noch sicher sei und ob überhaupt eingestellt werde. Antworten darauf wurden vor der Pandemie etwa während Ausbildungsmessen und Praktika gegeben. Da das derzeit nur begrenzt möglich sei, fehlten jungen Menschen Informationen. So entschieden sich viele dafür, für einen höheren Abschluss weiter die Schule zu besuchen. Die IHK Schwaben bemühe sich aber, mit digitalen Formaten, Kampagnen und gezielten Vermittlungsaktionen Bewerber und Unternehmen zusammenzubringen.

Das fordert die IHK von der Politik

Damit sich die Wirtschaft von der Pandemie erholen kann, fordert die IHK von der Politik Hilfe unter anderem in diesen Bereichen:

Corona: Schnell impfen, regelmäßig testen, digital nachverfolgen. Einführung eines digitalen, europäischen Impfpasses.

Geld: Weiterhin staatliche Unterstützung für stark betroffene Branchen, Kurzarbeitergeld, Steuer- und Abgabenstundung.

Digitalisierung: Ausbau digitaler Infrastruktur - auch und gerade in der staatlichen Verwaltung. Förderung von Investitionen in Digitalisierung ausbauen.

Konjunkturprogramm: Abbau von Bürokratie. Energiewende im Einklang von Ökonomie und Ökologie. Wettbewerbsfähiges Steuer- und Sozialrecht. Innovationsförderung, etwa in Künstliche Intelligenz und Wasserstoff.

Fachkräfte: Qualifizierte Zuwanderung, Bildungsschäden der Corona-Krise beheben.