Flutkatastrophe

Krisenhelfer aus dem Unterallgäu im Einsatz in Rheinland-Pfalz

MM Krisenteam

Sie waren als Psychosoziale Notfallgruppe (PSNV) aus dem Unterallgäu im Einsatz im Hochwassergebiet (von links): Gertraud Weckwerth aus Aitrach, Conny Franke aus Mindelheim und Rolf Mauer aus Günz an der Günz.

Bild: BRK

Sie waren als Psychosoziale Notfallgruppe (PSNV) aus dem Unterallgäu im Einsatz im Hochwassergebiet (von links): Gertraud Weckwerth aus Aitrach, Conny Franke aus Mindelheim und Rolf Mauer aus Günz an der Günz.

Bild: BRK

Rolf Mauer von der Psychosozialen Notfallgruppe des BRK berichtet von aufwühlenden Tagen im Katastrophengebiet. Warum er dem Ganzen auch etwas Positives abgewinnt.
17.08.2021 | Stand: 06:00 Uhr

Rolf Mauer aus Günz hat schon viel Leid und Elend gesehen und hatte in seiner Zeit als Rettungssanitäter einige schwierige Einsätze. Aber das, was er jetzt im Katastrophengebiet in Rheinland-Pfalz erlebt hat, „übersteigt alles“, sagt der Justizvollzugsbeamte im Ruhestand, der dort ehrenamtlich als Leiter des Kriseninterventionsteams des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) Unterallgäu im Einsatz war. 72 Stunden lang war er vor Ort, so lange dauert in der Regel ein Einsatz bis zur Ablösung, damit die Krisenteams nicht zu sehr belastet werden. Die Bilder dieser drei Tage wird er noch lange im Kopf haben.

„Das war mein aufwühlendster Einsatz“, sagt Mauer. „In den Medien sieht man ja immer nur kleine Ausschnitte der Katastrophe. Wenn man dann mittendrin im Schlamm steht, in einer Ortschaft, in der nichts mehr ganz ist, sind das schon gravierende Eindrücke, die einen noch lange beschäftigen.“ Mauers Job ist es, anderen zu helfen, mit solchen Bildern fertig zu werden. Stationiert war er mit seiner Psychosozialen Notfallgruppe (PSNV), zu der auch Gertraud Weckwerth aus Aitrach und Conny Franke aus Mindelheim gehörten, auf dem Nürburgring, dem riesigen Hilfszentrum für die Opfer der Flutkatastrophe. Während die beiden Frauen sich um Betroffene kümmerten, war Mauer für die Einsatzkräfte selbst zuständig.

Zum ersten Mal Tote geborgen

Zum Beispiel für die jungen Feuerwehrleute, die zum ersten Mal Tote bergen mussten. Oder einen Baggerfahrer aus Brandenburg, der als Einzelhelfer mit angepackt hat. Mauer fiel auf, dass der Mann schon nachmittags bedrückt mit einer Flasche Bier im Hilfszentrum herumsaß. Es stellte sich heraus, dass er sehr frustriert darüber war, dass zu wenig Lkw da waren, um den Riesenberg Unrat abzutransportieren, den unter anderem er mit seinem Bagger aufgetürmt hatte. Weil die Müllverbrennung in der ganzen Region schon überfordert war, hätten nach seiner Vorstellung sofort Container-Lastwagen aus ganz Deutschland anrollen sollen, um den Müll mitzunehmen. Gerade solche Einzelhelfer hätten im Gegensatz zu organisierten Gruppen wie dem THW oder Feuerwehren oft niemanden, mit dem sie sich austauschen können, wenn aus ihrer Sicht „nichts vorwärtsgeht“, sagt Mauer. Dann ist er der richtige Ansprechpartner.

Vom Wasser verbogene Eisenbahnschwellen

Wie verheerend die Schäden sind und dass es noch sehr lange dauern wird, sie zu beseitigen, ist Mauer umso klarer, seit er sie gesehen hat. „Ich habe vom Wasser verbogene Eisenbahnschwellen gesehen“, erzählt er. „So etwas konnte ich mir bis dahin gar nicht vorstellen.“ Fassungslos war er zum Beispiel auch angesichts eines Campingplatzes in der Nähe von Dorsel: „Da war nichts mehr außer einer Schlammfläche“, erzählt. Auf den 75 000 Quadratmetern war kein Waschhaus, kein Wohnwagen, kein Weg, keine Laterne oder sonst irgendetwas übrig, selbst Hecken, Bäume und Sträucher waren weggeschwemmt.

Immer wieder gehört hat Mauer vor Ort auch, wie schnell die Hochwasserkatastrophe ihren Lauf genommen hat. Ein 78-jähriger Feuerwehrmann hat ihm erzählt, dass er beim Gruppenabend war, als der extreme Starkregen einsetzte. Als er nach eineinhalb Stunden wieder nach Hause wollte, kam er schon nicht mehr durch – und er konnte seine Familie nicht verständigen, weil es schon keinen Strom und kein Telefonnetz mehr gab.

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Nach jetzigem Stand sind mindestens 133 Menschen im Hochwasser ums Leben gekommen. Auch damit war Mauer bei seinem Einsatz konfrontiert. Am letzten Abend wurde er gefragt, ob er mitgeht, um eine Todesnachricht zu überbringen. Das gehört zu seiner Arbeit dazu, aber in diesem Fall ging es um fünf Tote aus einer Familie: den Sohn, die Schwiegertochter und die drei Enkelkinder. „Das den Betroffenen zu erklären, ist nicht einfach“, sagt Mauer. Andererseits könne nach vielen Tagen Ungewissheit erst damit die Trauerbewältigung beginnen – solange jemand vermisst sei, hoffe man immer auf ein Wunder.

Viele Opfer und Helfer sind traumatisiert

Mauer weiß, dass so viel Leid und Zerstörung wie in den Flutgebieten nicht nur die Betroffenen traumatisiert, sondern oft auch die Helfer Schwierigkeiten haben, die Bilder zu verarbeiten. „Die Belastung kommt erst ein paar Wochen später“, sagt er. Deshalb sei es wichtig, in den eigenen Kreisverbänden nachzufragen, wer im Einsatz war und dann mit den Leuten nach drei, vier Wochen darüber zu sprechen, wie sie damit umgehen können. „Manche kämpfen dann noch mit schlaflosen Nächten, Appetitlosigkeit oder auch vermehrtem Alkoholkonsum.“ Ihnen bietet Mauer spezielle Aufarbeitungsmechanismen an. Er hat bereits mit allen Helfern aus der Region Kontakt aufgenommen und zwei Teams der Malteser und der Feuerwehr Illertissen angeboten, bei ihrer Nachbesprechung dabei zu sein.

Für Mauer selbst rücken inzwischen die positiven Eindrücke des Kriseneinsatzes in den Vordergrund. Auch wenn die Stimmung absolut niedergeschlagen gewesen sei, hätte man doch Zuversicht für die Zukunft gespürt. „Und wir waren alle beeindruckt von der großen Hilfsbereitschaft und was dort von der Allgemeinheit auf die Beine gestellt wurde“, betont er. „Leute konnten in Gemeindezentren schlafen und aus den riesigen Lagern am Nürburgring konnte jeder an Lebensmitteln, Kleidung, Haushaltswaren und sonstigen Sachspenden mitnehmen, was er braucht. An Essensausgaben wurde nie gefragt, ob jemand berechtigt ist, jeder, der einen Teller hingestreckt hat, hat etwas bekommen. Das fand ich sehr schön.“